Abschied vom geliebten Land: "Warum bist du bloß so deutsch?" - DER SPIEGEL
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Markus in Israel: Abschied vom geliebten Land

Foto: Samuel Hege

Abschied vom geliebten Land "Warum bist du bloß so deutsch?"

Einfach ist hier gar nichts. Markus Flohr reist durch Israel, lernt Demo-Rituale pro Palästina kennen und auch orientalisches Feilschen, trennt sich von seiner Freundin und auch vom Land. Leben in Israel: Das fühlt sich an wie mit einem Rucksack voller Wackersteine.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

Dienstag, 21. Juli

Liat und ich, das ist nicht mehr, wir haben uns getrennt. Es ist schon kompliziert, in Israel irgendwie klarzukommen. Aber noch komplizierter ist es, in Israel einen Menschen zu lieben.

Ich habe meinem Kumpel Adam erzählt, wie das ist, von dem Rucksack, den du mit dir herumträgst, der sich anfühlt, als sei er mit Wackersteinen gefüllt. Einer für die Religion. Einer für den Holocaust. Einer für den Krieg in Gaza. Einer für die Sprache. Einer für die Hitze.

Adam hat gesagt: "Weißt du was, Markus? Ein Israeli zu sein bedeutet, mit diesem Rucksack zur Welt zu kommen. Du merkst gerade, wie es ist, wenn ein Teil von dir israelisch wird."

Mittwoch, 22. Juli

Nidal geht nach Deutschland, darum gibt er eine Party. Nidal ist Palästinenser und kommt eigentlich aus Gaza-Stadt, aber da lebt er nicht mehr, seitdem er bei einer Schießerei ein Bein verloren hat. Jetzt hat er eine Prothese und sitzt im Rollstuhl. Er hat in Gaza Medienproduktion studiert und für eine internationale Nachrichtenagentur gearbeitet. Jeder Zweite auf der Party in Jerusalem ist ein "International", arbeitet also für eine Botschaft, eine internationale Organisation oder die Uno, ist Journalist oder Freiwilliger.

Mit Iris trinke ich ein Bier. Ich frage sie, wo sie herkommt. "Palästina", sagt sie. Wo genau, will ich wissen. "Auf der Mitte zwischen Tel Aviv und Haifa." "Äh, auf der Mitte ..." Den Rest des Satzes bringe ich nicht mehr heraus. Ich frage Iris, ob der Ort, aus dem sie kommt, nicht in Israel liege. Sie sagt, dass "dieses Israel" für sie nicht existiere.

Als ich etwas sagen will, rast Nidal in seinem Rollstuhl auf mich zu. "Weg da!", schreit er, kurz vor der Tanzfläche zieht er die Bremse, springt mit einem Satz in die Mitte. Auf "Thriller" von Michael Jackson muss man einfach tanzen, fast einen Monat nachdem der King of Pop gestorben ist. Ich folge Nidal, und Iris erzählt nun einem anderen Partygast, dass sie nicht aus Israel kommt.

Dienstag, 28. Juli

Liat ruft an. "Wollen wir uns sehen?"
"Aber ... wir ..."
"... sind doch kein Paar mehr? Haben wir einen Vertrag unterschrieben?"
"Nein. Aber ich kann das nicht. Das macht nichts einfacher."
"Es war nie einfach."
"Ich kann trotzdem nicht."
"Warum bist du bloß so deutsch?"

Freitag, 31. Juli

"Wenn das Tränengas kommt, Plastiktüten über den Kopf", sagt Abdullah. Er ist Ende dreißig, groß wie ein Baum und kommt aus dem Dorf Bilin, das direkt an der Westbank-Mauer liegt. Er redet mit etwa dreißig jungen Menschen aus Europa. Sie haben Palästinensertücher um den Hals gewickelt und tragen T-Shirts mit Sprüchen gegen Israel. Heute gehen sie demonstrieren, für die "Freiheit Palästinas". Seit über vier Jahren marschieren die Männer von Bilin jeden Freitag nach dem Mittagsgebet zur Mauer, die hier ein Grenzzaun mit Stacheldraht ist. Auf der anderen Seite wächst die jüdische Siedlung Modiin Iliit, sie hat mehr als 30.000 Einwohner. In Bilin wohnen knapp 2000 Menschen.

Unter europäischen Linken ist das Dorf eine Legende. Auf Internetseiten wird der Mythos gepflegt, von fast jeder Demo gibt es ein Video auf YouTube. Ich bin mit Samuel und Lars hier, zwei deutschen Freunden, die in Israel ihren Zivildienst leisten. Wir wollen uns ansehen, was junge Europäer dazu treibt, am Freitag ins Westjordanland zu pilgern.

Der Protest ist längst Ritual: Etwa 200 Menschen mit Fahnen und Schildern skandieren Parolen gegen Israel und laufen die Dorfstraße hinunter, übers Feld, bis zum Zaun. Dann reißen die Demonstranten einen Teil des Zauns nieder, auf Hebräisch teilt eine Lautsprecherstimme alle fünf Sekunden mit, dass diese Demonstration illegal sei. Dann kommen Soldaten durch den Zaun und drängen alle zurück. Dann schießt die Armee mit Tränengas. Die Demonstranten rennen zurück Richtung Dorf.

Auch heute läuft es wieder so. Etwa 100 der 150 Demonstranten sind Europäer, dazu sechs linke Israelis, der Rest kommt aus dem Dorf. Alle rufen "Israel fascist state!" und "Palestine shall be free - from the mountains to the sea!". Immer wieder sind hier Demonstranten ums Leben gekommen. Erst im April wurde der 31-jährige Bassem Abu Rahma von einer Tränengasgranate am Hals getroffen und starb später im Krankenhaus. Für die Menschen in Bilin ist er ein Held.

Es ist so hoffnungslos hier - das macht mich traurig. Die Europäer interviewen sich gegenseitig mit ihren mitgebrachten Videokameras. Für sie scheint das hier so eine Art antiimperialistisches Disneyland zu sein. Robert aus Schweden steht neben Melanie aus Österreich: "Und? Was machen wir heute Abend?" "Wir gehen tanzen in Tel Aviv, oder?"

Markus' Dienst am Krankenbett: "Oj, oj, do schtejt a German"

Mittwoch, 5. August

Ich brauche mal Urlaub von Israel. Ich will nach Jordanien, die Felsenstadt Petra anschauen. David und Michael, zwei Freunde aus Deutschland, kommen mit. Was ich nicht wusste: Urlaub in Jordanien ist eine einzige Feilsch-Orgie. Kostet das Taxi 50, 40 oder 20 Dinar? Und das Zimmer im Hostel? Was steht im Lonely Planet? Was haben die Freunde in Jerusalem gesagt?

Es scheint in unserer Unterkunft keine festen Preise für Bett und Essen zu geben, sie sind abhängig von der Art der Fragestellung und dem Moment. Am Nachmittag stehen David und ich auf einem Felsen hoch über Petra und schauen Richtung Westen. "Da hinten ist Israel", sagt David. Geliebtes Israel, Paradies der festen Preise, denke ich.

Sonntag, 9. August

Ich helfe eine Woche aus im Krankenhaus St. Louis in Jerusalem, wo mein Kumpel Samuel seinen Zivildienst ableistet. Das St. Louis ist ein Hospiz, etwa 50 Patienten liegen dort, Palästinenser, Israelis, Juden, Muslime, Christen, Frauen und Männer; die meisten haben Krebs.

Wir sind bei Irma im Zimmer. Irma ist dement und kaum mehr bewegungsfähig. Sie spricht Jiddisch und kam vor vielen Jahren aus Polen nach Israel. Als ich das erste Mal neben ihrem Bett stehe, sagt sie: "Oj, oj, do schtejt a German", und sieht mich mit weit aufgerissenen blauen Augen an. Ich frage Irena, ob Irma Angst vor mir habe, wegen der Nazis, und ob ich nicht lieber jemand anders versorgen solle. Nein, meint Irena, Irma möge Jungs. Ich sei ja ein Junge. "Und glaub mir, du bist nicht der erste Deutsche, der ihr die Windeln wechselt."

Samstag, 15. August

An fast jedem Türrahmen in Israel gibt es eine Mesusa. Das ist ein kleines längliches Kästchen, so lang wie ein Bleistift, in dem eine Schriftrolle steckt und das Haus segnen soll. Jeder gläubige Jude küsst die Mesusa, wenn er durch den Türrahmen schreitet, indem er mit seinen Lippen die Hand berührt und dann die Mesusa. Bis jetzt zumindest. Aber da auch Israel Angst vor der Schweinegrippe hat, empfahl ein Ärzteteam diese Woche auf einer Pressekonferenz im Fernsehen, die Mesusen eine Zeitlang nicht mehr zu berühren. Oberrabbiner Schlomo Amar erläuterte, man könne die Mesusa auch aus der Entfernung küssen. Eventuell müsse Israel noch einen Schweinegrippen-Fasttag einlegen. Um Gott zu zeigen, dass sein Volk die Gebote einhält.

Freitag, 4. September

In ein paar Tagen geht es zurück nach Deutschland. Anne, eine Freundin aus Hamburg, kommt zu Besuch; sie wird mich auf dem Heimflug begleiten. Wir kennen uns seit vielen Jahren, seit unserem gemeinsamen Studienbeginn in Hamburg, und als ich sie am Flughafen Ben-Gurion sehe, ist es, als ob mein Zuhause mich abholen käme. Wir fahren durch das ganze Land: Tel Aviv, Haifa, Nazaret, Totes Meer, Negev-Wüste.

In Jerusalem treffen wir meinen Freund Taki. Er spielt Oboe im Jerusalemer Symphonieorchester und hat seine ganz eigene Sicht auf Israel, den Konflikt, das ganze Tohuwabohu. "Wisst ihr", sagt er, "es wäre hier bald Frieden, wenn man Gaza, das Westjordanland und alle arabischen Länder drum herum mit ausreichend Air Condition ausstatten würde. Es ist zu heiß, die Männer werden unruhig und wissen nicht, was sie tun sollen. Dann ist auch noch Ramadan oder Jom Kippur oder so, sie dürfen nichts trinken und ziehen aus lauter schlechter Laune in den Krieg."

Mittwoch, 9. September

Wir sitzen in Tel Aviv am Strand. Ich schaue den muslimischen Mädchen zu, die im beinlangen Kleid unter die Dusche hüpfen. Ich zähle die unendliche Reihe von Motorrollern, mit denen die Tel Aviver nachmittags zum Baden fahren.

"Wirst du Israel vermissen?", fragt Anne.
"Klar", sage ich.

Dann denke ich an Adam, an den Rucksack, der in den vergangenen elf Monaten auf meinem Rücken gewachsen ist. Wie das ist, ein wenig zum Israeli zu werden. Ich denke daran, wie mein Kopf abends brummte. In Israel hatte ich das erste Mal wirklich Angst um mein Leben, weil ich vor Raketen weglaufen musste und Kampfjets über mein Schlafzimmer donnerten. Ich musste weinen, als ich in Jad Vashem stand und aus der Ausstellung ins Freie trat. Ich musste auch weinen von dem Tränengas, das die israelische Armee auf die Demonstranten in Bilin abschoss. Ich habe mich verliebt, in Israel.

"Irgendwie bin ich auch froh, dass ich den Rucksack jetzt mal abnehmen darf", sage ich. Aber eins weiß ich genau: Bald setze ich ihn wieder auf.