Hörsaal-Besetzung Bizarrer Showdown im Morgengrauen
Kuriose Räumung: Weihnachten im Münchner Hörsaal
Am Heiligabend ließ Bernd Huber, Präsident der Münchener Ludwig-Maximilians-Universität (LMU), die "Weihnachts-AG" noch gewähren, die protestierenden Studenten konnten mit Christkind und Geschenken im Audimax feiern. Doch kaum war das Fest der Nächstenliebe vorbei, pochte er auf sein Hausrecht: Am Montagmorgen ließ Huber die Polizei anrücken, um den größten Uni-Hörsaal zu räumen - in aller Frühe. Gegen 6.15 Uhr fuhren Mannschaftswagen vor; eine Viertelstunde hatten die 22 Besetzer Zeit, ihre Sachen zu packen, bevor Polizisten sie einzeln nach draußen begleiteten.
Damit ist eine der letzten Hörsaal-Besetzungen an bayerischen Hochschulen beendet. Sieben Wochen lang hatten Münchner Studenten im Audimax ausgeharrt. Zuletzt hatte Präsident Huber sich mit den Besetzern ein kurioses Kräftemessen geliefert: Schon am ersten Weihnachtstag hatte die Uni-Leitung den Druck auf die Studenten erhöht und ließ niemanden mehr ins Gebäude, sondern nur noch heraus. Sämtliche Eingänge wurden versperrt, die Gitter am Haupteingang geschlossen.
Zugleich versuchte die Uni-Leitung, die Lebensmittelversorgung der Besetzer zu unterbinden. Die aber wollten sich nicht "aushungern" lassen und holten sich Unterstützung von außen: Sympathisanten eilten mit Proviant herbei. Über ein Seil, das aus einem Fenster im zweiten Stock hinuntergelassen wurde, bekamen die Audimax-Besetzer eine Kiste mit Obst, Lebkuchen, Konserven, Deo und Zahnbürsten. Als Sicherheitskräfte einschritten, gelang es den Studenten, die "Luftbrücke" über ein anderes Fenster wieder aufzubauen und zehn Pizzen zu liefern.
Am Ende aber mussten die Studenten doch gehen. Wie zuvor schon an einigen anderen Hochschulen nutzte auch die Münchner Uni-Leitung die Polizei in den frühen Morgenstunden als Weckdienst für die Besetzer. Audimax-Besetzungen avancierten in diesem Wintersemester zum Trendsport.
"Uni in Geiselhaft für allgemeinpolitische Ziele"
Ihren Ausgang genommen hatte die Protestwelle an der Universität Wien, Studenten etlicher anderer Hochschulen in Österreich und Deutschland folgten. Oft sahen sich das die Rektoren für ein paar Tage oder Wochen an und äußerten demonstratives Verständnis für die Anliegen der Protestler, ließen dann aber die Hörsäle räumen. Bereits Ende November kam es zu einer Reihe von Polizeieinsätzen, kurz vor Weihnachten mussten auch die Wiener Besetzer gehen - und nun die in München.
Dort war die Besetzung in der Studentenschaft umstritten. Wie in anderen Hochschulstädten wandten sich auch die Münchner Besetzer gegen Studiengebühren, die Probleme mit den neuen Bachelor-Studiengängen und schlechte Studienbedingungen. Außerdem forderten sie Teilhabe an den Entscheidungsprozessen in der Hochschule. Anfang Dezember hatte sich Bernd Huber noch verhandlungsbereit gegeben. Nun begründete der LMU-Präsident die Räumung ähnlich wie andere Uni-Leiter: "Die Besetzung ist aus unserer Sicht eine Behinderung des Lehr- und Vorlesungsbetriebs", sagte er, "wir sind nicht bereit, die LMU für allgemeinpolitische Ziele in Geiselhaft nehmen zu lassen."
Die Besetzung, so Huber weiter, sei zum Selbstzweck verkommen. Die Situation sei für Uni-Mitarbeiter "unerträglich" geworden, den Studenten fehle Kompromissbereitschaft. Als er Anfang Dezember Entgegenkommen signalisiert und etwa die Zulassung einer sogenannten Verfassten Studierendenschaft angeboten habe, habe dies nicht friedensstiftend gewirkt. Außerdem bot Huber an, die Studiengebühren von 500 Euro pro Semester zu überprüfen. Noch gebe es aber keinen konkreten Vorschlag, damit befasse sich eine Kommission des Uni-Senats.
LMU-Präsident spricht von 100.000 Euro Kosten
Besonders rabiat war es zuvor an der Frankfurter Universität zugegangen - dort hatten Gutachter im historischen Uni-Casino Schäden in Höhe von 200.000 Euro festgestellt, unter anderem durch die Beschädigung von Gemälden und Grafiken. Auch LMU-Präsident Huber warf den Besetzern massiven Vandalismus vor. Sie hätten Scheiben eingeworfen, Türen aufgebrochen und Wände mit Parolen beschmiert; überall liege Abfall herum. Huber bezifferte die Kosten der Besetzung auf rund 100.000 Euro. Darin enthalten seien Sachschäden in hoher fünfstelliger Höhe sowie die Kosten für den Wachdienst. Eine Sprecherin der Besetzer widersprach und bezeichnete die von der Uni genannte Schadenshöhe als übertrieben.
Eine Strafanzeige gegen Unbekannt wegen Sachbeschädigung will die Münchner Universität noch erstatten. Dagegen bleibt eine Anzeige wegen Hausfriedensbruchs wohl aus, weil die Besetzer ohne Widerstand gingen. Nach Angaben eines Polizeisprechers waren unter den 22 verbliebenden Protestlern nur acht Studenten, dazu 13 Punks und ein Obdachloser.
In Bayern unterstützten SPD, Grüne und die Bildungsgewerkschaft GEW die Protestler an der LMU, die sich durch die polizeiliche Räumungsaktion nicht entmutigen lassen wollen. Sie erklärten, sie seien inzwischen in einen Ausweichraum umgezogen, um das weitere Vorgehen zu planen. "Jetzt darf die Staatsregierung nicht wieder in Winterschlaf verfallen", sagte Malte Pennekamp, Sprecher der bayerischen Studierendenvertretungen.
Besinnliche Potsdamer Weihnacht mit Foucault und Sartre
Im neuen Jahr wollen Studenten versuchen, der Protestbewegung neuen Schwung zu geben. Ihren Zorn entfacht hat vor allem die verkorkste Bologna-Reform, die Umstellung auf Bachelor- und Masterstudiengänge. In den letzten Wochen hatten Hochschulrektoren wie Bildungspolitiker sich gemeinsam in Umarmungstaktik geübt und Änderungen angekündigt, ohne allerdings sehr konkret zu werden. Zu einer Enttäuschung auf ganzer Linie geriet der groteske "Bildungsgipfel", bei dem die Regierungschefs von Bund und Ländern sich auf praktisch gar nichts einigen konnten.
Ob und wie es weitergeht, ist ungewiss. Mehrfach hatte es in größere Protestwellen an den Hochschulen gegeben, die nach den Festtagen in sich zusammensackten - die Weihnachtspause wurde zur "Nadelprobe". Fast überall sind Hörsäle inzwischen geräumt, die Uni-Leitungen werden sich sicher gegen eine erneute Besetzung stemmen.
In Potsdam allerdings könnte es weitergehen. Dort wollen rund 20 Besetzer bis ins neue Jahr ausharren, teilten sie am Montag mit. Sie fordern unter anderem eine Abschaffung aller Anwesenheitslisten. "Weihnachten haben wir besinnlich gefeiert", sagte Franz-Daniel Zimmermann, einer der Audimax-Besetzer. Einige hätten Besuch von ihren Eltern erhalten; man habe gekocht und einander aus Werken von Foucault und Sartre vorgelesen. Auch Silvester werden Freunde und Verwandte erwartet.