Smudo für Tempelhof: "Rosinenbombermäßig in die feist bebaute Stadt" - DER SPIEGEL
Zum Inhalt springen

Smudo für Tempelhof "Rosinenbombermäßig in die feist bebaute Stadt"

Tempelhof hat einen prominenten Fan: Fanta-Vier-Rapper und Hobbypilot Smudo macht am Samstag bei einem Protest-"Fly-In" gegen die Schließung des Flughafens mit. Im SPIEGEL-ONLINE-Interview erklärt er, warum der Airportzank ihn so wütend macht - und der Anflug auf Berlin ein Lustgenuss ist.
Dieser Beitrag stammt aus dem SPIEGEL-Archiv. Warum ist das wichtig?

SPIEGEL ONLINE: Sie als gebürtiger Schwabe, der seit langem in Hamburg lebt, kämpfen für den Flughafen Tempelhof. Warum?

Smudo: Erstmal aus romantischen Gründen. Ich hab selbst ein kleines Flugzeug, und es ist ein unglaubliches Gefühl, einen Flughafen mitten in der Stadt anzusteuern. Man fliegt die Elbe entlang, über die ganzen Seen, Potsdam, am Horizont erscheint diese riesige Smogglocke. Dann landest du rosinenbombermäßig mitten in dieser feist bebauten, großen Stadt wie in einem Park mit zwei Betonstreifen. Daneben dieses riesige Flughafengebäude mit seiner absolut streitbaren Monumental-Optik. Das ist echt großes Showgeschäft. Dieser Flughafen steht für Geschichte, für das Überleben Berlins.

SPIEGEL ONLINE: Sie wollen den ganzen Flugverkehr aufrechterhalten - nur wegen der historischen Bedeutung des Platzes?

Smudo: Es sind nicht meine persönlichen Gründe, die für Tempelhof sprechen. Eine Metropole wie Berlin braucht einen innerstädtischen Flughafen. Und ich finde es echt unzumutbar, wenn ich für einen Termin in Berlin noch eine Stunde Taxifahrt einplanen muss. In München ist das schon grauenhaft, da haben sie den Stadtflughafen ja auch zu gemacht. In der bayerischen Provinz muss man das vielleicht hinnehmen, aber nicht in einer Stadt, wo Popkomm, Berlinale und ich weiß nicht was stattfindet. Auf der ganzen Welt schütteln Flugexperten und Großbürgermeister den Kopf über Berlin.

SPIEGEL ONLINE: Aber Tempelhof schreibt jedes Jahr Millionen Euro Verlust.

Smudo: Nur muss das ja nicht der Steuerzahler übernehmen, wie die Befürworter der Schließung gerne suggerieren. Der wahnsinnige Erfolg des Flughafens Tegel hat die Verluste immer ausgeglichen. Tempelhof hat diesen Erfolg nie gefährdet, warum sollte der geplante Großflughafen BBI dadurch gefährdet werden? Im Gegenteil, Tempelhof würde ihn ja ergänzen. Wenn Kleinflugzeuge am BBI Startbahnen besetzen, ist das doch ineffizient. Man könnte alle Flugzeuge bis 50 Tonnen von Tempelhof aus starten lassen. Die machen etwa 35 Prozent des Flugverkehrs aus. Das wären ja nicht nur Geschäfts- und VIP-Jets.

SPIEGEL ONLINE: Sie sind ja ganz schon im Thema drin – wir dachten ehrlich gesagt, die Schließungsgegner hätten Sie vor drei Tagen angerufen, einfach um ein prominentes Gesicht für ihre Kampagne zu haben.

Smudo: Im Gegenteil, ich habe über einen Newsletter vom Sternflug am Wochenende erfahren und mich selbst gemeldet.

SPIEGEL ONLINE: Schauspieler und Musiker engagieren sich zurzeit mit Vorliebe für Entwicklungsländer und Klimaschutz – da fallen Sie etwas aus der Reihe.

Smudo: Ich mach mich auch für Klimaschutz stark, am 20. September stelle ich auf der Internationalen Automobilausstellung einen Öko-Rennwagen vor. Aber ich engagiere mich eben nur bei Themen, von denen ich etwas verstehe. Sich daneben setzen und romantisch argumentieren, erscheint mir wenig sinnvoll.

SPIEGEL ONLINE: Plagt Sie nicht das grüne Gewissen, wenn Sie sich als Hobbypilot jetzt auch noch in Szene setzen?

Smudo: Ausgerechnet beim Fliegen mit der Umweltdiskussion anzufangen, finde ich Quatsch. Die Industrie gibt schon aus Kostengründen so viel Geld für die Entwicklung von Lärmschutz und Effizienz aus. Wenn man sieht, wie schwer sich dagegen die Autoindustrie tut! Auf Privatflieger wird gern mit dem Finger gezeigt, weil das Hobby als exotisch und playboyesk gilt. Die Leute schimpfen über den Luftverkehr, fliegen aber wie die Wilden in den Urlaub. Über solche selbstgerechten Argumente kann man sich lange sinnlos den Mund fusselig reden.

SPIEGEL ONLINE: Interessanterweise sind ja nicht nur Sie, sondern auch die meisten Anwohner in Tempelhof gegen die Schließung des Flughafens. Dabei könnte man meinen, man wäre in der Gegend froh, wenn Lärm und Dreck woanders hinziehen.

Smudo: Für eine Stadt, deren Smogglocke ich aus dem Flugzeug schon früh erkennen kann, ein kleinliches Argument. Die Tempelhofanwohner sind ja mit dem Wissen, dass es einen Verkehrsflughafen nebenan gibt, dort hingezogen. Ich denke in der aufgeheizten Debatte stecken vermutlich mehr Inter-Berliner-Themen wie Underdog gegen Elite, Ost und West, 'die da oben' und 'wir da unten'. Die bedient auch oft die Motzer-Fraktion. Ich ziehe mich ganz gerne auf die verkehrspolitischen Argumente zurück - das sind die, die tatsächlich ziehen und in denen der Berliner Senat schwach performed.

Das Interview führte Anne Seith.