Ein Liberaler hält das aus
Hazel Rosenstrauchs fesselndes Doppelporträt von Caroline und Wilhelm von Humboldt erinnert an zwei faszinierende Unangepasste auf der Schwelle vom 18. zum 19. Jahrhundert
Wenn es noch irgendeines Beweises bedürfte, dass die Vielfalt der Lebensentwürfe im 18. Jahrhundert doch erheblich größer war als im 19., so ist er mit dieser Doppelbiografie erbracht. Wie selbstbestimmt gestalteten Caroline und Wilhelm von Humboldt ihr Dasein! Wie frei konnten sie sich halten von den Konventionen ihrer Zeit - oder besser gesagt: Wie sinnvoll griffen sie solche Konventionen auf, die ihnen förderlich waren, und ignorierten andere, die sie zurückgeworfen hätten. Wie sehr auf Augenhöhe gestalteten sie auch ihre Partnerschaft. Doch wie merkwürdig, wieder einmal, dass diese glückliche, gelungene Verbindung so wenig bekannt ist bei den lieben Deutschen, die immerfort auf die Depressiven, Scheiternden, Unvollendeten starren, anstatt sich an diejenigen zu halten, bei denen es mal zur Abwechslung meistens gut gegangen ist.
Als eigenwilligen Scheiternden hat man allerdings hierzulande auch Wilhelm von Humboldt (1767 bis 1836) lange Zeit empfunden. Sicher, er flankiert Seit' an Seit' mit seinem Bruder Alexander, auf einem Denkmal überlebensgroß, den Eingang zur Berliner Humboldt-Universität, deren Gründung sich Wilhelm verdankt. Das gesamte Bildungssystem Preußens hatte er ja in nur 14 Monaten 1809 auf 1810 höchst eigenhändig reformiert. Und, klar, man weiß auch, dass er als Linguist Anstöße gab, die weit ins 20. Jahrhundert hinein wirkten. Weniger durch seine Sprachvergleiche (er soll Material zu 120 Sprachen gesammelt haben) als durch eine gleichsam anthropologische Grundlegung des menschlichen Sprachvermögens als kommunikativem Handeln. So schrieb er etwa in seiner berühmten ersten Akademie-Rede von 1820 "Über das vergleichende Sprachstudium", der Organismus der Sprachen entspringe "dem allgemeinen Vermögen und Bedürfnis des Menschen zu reden". Aber man hielt seinen Tätigkeiten doch entgegen: gemessen an seiner Begabung war nicht viel. Zu wenig vor allem, was in den Dienst am Vaterland gestellt wurde. Ein Egoist, ein Privatier, der lieber auf bequemen Diplomatenposten seinen Liebhabereien oblag, als seine Karriere im Staatsdienst voranzutreiben. Und ist nicht noch dazu das meiste seiner Studien Fragment geblieben? Ging er nicht auch erotisch Nebenwege, womit er überdies auf das Verständnis seiner Gattin rechnen konnte, die sich ihrerseits das eine oder andere amouröse Abenteuer gern genehmigte? So war es wohl und war nicht nach dem Geschmack von Herrn und Frau Biedermann, die im Lauf des 19. Jahrhunderts tonangebend wurden und oft noch sind.
Unwillkürlich denkt man, wenn von Wilhelm die Rede ist, an einen anderen Edelmann der Zeit, nur ein Jahr jünger: den Dichter-Diplomaten Chateaubriand. Der sagte einst von sich, alle scheinbaren Ungereimtheiten seines Lebens lägen darin begründet, dass er "am Zusammenfluss zweier Zeitalter" gestanden habe. Die Berliner Kulturwissenschaftlerin Hazel Rosenstrauch, eine Kennerin von Graden der im 18. und 19. Jahrhundert herrschenden Diskurse, buchstabiert Wilhelms Existenz in zwei Zeitaltern sehr treffend folgendermaßen aus: Humboldt stehe "zwischen dem, was Empfindsamkeit, Klassik, Idealismus und Romantik genannt wird, zwischen Wissenschaft und Dilettantismus, Politik und Geist sowie zwischen Adel und Bürgertum und damit zwischen den Freiheiten und Freuden der Aristokratie und dem Sinn für Tugend und Maß. Er beschäftigt sich intensiv mit Ästhetik, sucht aber nicht die blaue Blume."
Apropos blaue Blume: Das ist gut gesehen, denn die Irrationalismen der Romantik, die ja auch Goethe suspekt waren, die Mittelalter-Idolatrie, ideologische Verengungen, die sich aus frommem sacrificium intellectus ergaben: sie mied Wilhelm. Doch das Erbe der romantischen Gefühlskultur sowie die eine große Lehre jener Zeit, die uns noch heute frisch voranleuchtet wie am ersten Tag, dass nämlich mit Novalis gilt: nach Innen geht der Weg - dem hielt er lebenslang die Treue. Um es mit seinen eigenen Worten zu sagen: "bei gar keiner Neigung auf das Äußere als solches" trage er ein "leidenschaftliches Verlangen" nach "Beschäftigung mit und in mir selbst". Er sei "ein durchaus innerlicher Mensch."
Ein innerlicher Mensch - das ist wohl das Schlüsselwort zum Verständnis dieses Charakters. Man darf darunter nicht verstehen, betont Hazel Rosenstrauch mit stets neuen, schlagenden Beweisen, dass Humboldt besonders introvertiert oder gar schüchtern gewesen wäre. Ganz im Gegenteil. Er kannte seinen Wert genau. Und gerade dieses Selbstwertgefühl hinderte ihn daran, aus Gründen der Karriere Kompromisse zu machen und etwa die dauernden Affronts seines Vorgesetzten, des Kanzlers Hardenberg, zu ertragen. Wenn man ihn nicht dort einsetzte, wohin er seiner Meinung nach gehörte, dann demissionierte Wilhelm eben. Hier waltete noch durchaus ein herrschaftliches Standesbewusstsein. Obgleich erst sein Vater in den Adelsstand erhoben worden war (Caroline, eine geborene von Dacheröden, stammte aus viel älterer, für Thüringen wichtiger Familie): Man war schon wer. Man brauchte nicht die Bestätigung durch andere, auch nicht die Bestätigung durch Macht und Einfluss. Und als im Zuge der Karlsbader Beschlüsse in Preußen weniger Kompetenz als Gefügigkeit erwartet wurde, da, du meine Güte, schmiss man dem König halt den Bettel hin. Ein Liberaler hält das aus.
Wilhelm und Caroline hielten es auch deshalb aus, politisch marginalisiert zu sein, weil sie neben dem Erbe der Romantik auch einem Erbe der deutschen Klassik lebenslang die Treue hielten, und zwar dem Ideal der Selbstvervollkommnung. Ihr Leitstern hieß Goethe, und hatte der nicht seinen Wilhelm Meister sagen lassen: "Ganz wie ich da bin, mich auszubilden, war von Jugend an mein Sinn"? Will sagen: alle ihre Talente, Begabungen, Interessen, Begierden wollten Caroline und Wilhelm ernstnehmen und "ausleben", wie wir heute sagen würden. Und das taten sie, dafür nahmen sie sich die Zeit, die solches nun mal braucht. Und suchten sich die passende Kulisse dafür. Die war denn auch eher das quirlige Paris, wohin die Humboldts 1797 zogen, war dann das erhabene, von Altertümern strotzende Rom, war schließlich das sinnenfrohe, künstlerisch gestimmte Wien, wo überall Wilhelm auf Posten war - immer auf der Flucht vor den Engherzigkeiten eines spießigen Berlin. Erst als alle politischen Träume ausgeträumt waren, zog er sich auf jenes Schloss zurück, das er sich schuf als Tusculum: Tegel. Dort lebte er von 1820 ab "sich selber", wie das damals hieß.
Für Tegels Ausstattung sorgte Caroline. Sie war es ja, die in Paris, in Rom und Wien die bedeutendsten Geister der Epoche ans Haus gebunden, die Freundschaften mit Goethe und Schiller gestiftet und gehalten hatte, die früh spürte, was in Schinkel, Rauch und in dem großen Vertreter des schwäbischen Klassizismus, Gottlieb Schick, steckte, der sie so wundervoll gemalt hat. Diese nachmals berühmten Künstler förderte sie, verschaffte ihnen Aufträge in Preußen, und als man endlich in Tegel landete, profitierte man davon. Und immer flogen Briefe zwischen den Gatten hin und her. Tausende haben sich erhalten. Hazel Rosenstrauch zitiert sinnvoll, wertet geschmackvoll, einfühlsam aus. Das Geschlechterverhältnis interessiert sie mehr als hohe Politik. Mentale Muster werden für bedeutsamer gehalten als die Staatsaffären. Warum auch nicht? Dem eigentümlichen Antisemitismus etwa, der mit den Befreiungskriegen aufkommt und insonderheit die sonst so souveräne Caroline erfasst, kommt man mit politologischen Kriterien nicht bei. Da braucht es Verständnis für die "dräuende Moderne", zu deren Repräsentanten für immer mehr Menschen um 1810 die Juden wurden - ein vorzüglicher Exkurs gelingt der Autorin hier! Insgesamt hat Hazel Rosenstrauch in profunder Kenntnis der Materie ein Lebensbild geschrieben, das nicht nur der faszinierenden Personen wegen, denen sie sich widmet, fesselt. Es gibt auch manchen beherzigenswerten Anstoß für unsere eigene Zeit, die ja wahrlich des Nachhilfeunterrichts bedarf, was Neinsagen angeht. Caroline und Wilhelm von Humboldt sagten gern und meistens überzeugend nein.
Wahlverwandt und ebenbürtig. Caroline und Wilhelm von Humboldt. Von Hazel Rosenstrauch. Eichborn, 334 S., 22,80 Euro