In eisigen Höhen - WELT

In eisigen Höhen

Von Alexander Kluy
Veröffentlicht am 01.09.2009Lesedauer: 4 Minuten

Mitten im Sommer zeigt das Vorarlberger Landesmuseum den Schnee in der Kunst

Beim römischen Historiker Livius stand das Alpenmassiv nur für zwei Eigenschaften - Schrecken und Unbewohnbarkeit: "Schneemassen, die sich beinahe mit dem Himmel vermischten, die hässlichen, auf Felsvorsprüngen gebauten Hütten, die Herdentiere und das Zugvieh, das vor Kälte verkümmert aussah, erneuerten die Schrecken, die ungeschorenen und verwilderten Menschen, die ganze lebende und leblose Natur, vor Frost erstarrt."

Erst Aufklärung und Empfindsamkeit Ende des 18. Jahrhunderts vermochten in Gebirge und Schnee anderes zu erblicken als Not, Tod und Verderben. Nun galten die Berge als erhaben und schön und flößten Ehrfurcht ein, erhoben Geist, Herz und Sinne. Einhundert Jahre später zog der Tourismus ein; vor allem exzentrische Engländer eiferten miteinander, wer auf schmalen Holzbrettern Schneefelder schneller hinunterrutschen konnte. Die Romantik wich der Leibesertüchtigung, das Streben nach Eroberung der Berge mutierte im ersten Drittel des 20. Jahrhunderts dann erneut, wurde versehen mit militärischen und propagandistischen Effekten und Untertönen. Im Schnee wurde Neo-Germanisches entdeckt. Und im Bergfilm Dynamik und sportive Rasanz.

Eine kulturelle Seh- und Schneegeschichte mitten im Sommer breitet nun das Vorarlberger Landesmuseum in Bregenz am Bodensee aus, ein Panoptikum mit schönen Trouvaillen unter den 160 Exponaten, aber auch mit Lücken. Dabei reicht der Bogen vom Schweizer Caspar Wolf, der zwischen 1774 und 1778 als erster Maler ins ewige Eis hochstieg, über Monet und Hodler sowie den die Natur stark aufladenden affektschweren Symbolismus Herbert von Reyl-Hanischs und amüsante satirische Bilder Franz Sedlaceks bis zu einem sublimen Video des Kanadiers und diesjährigen Biennale-Teilnehmers Mark Davis, einer exorzistischen Schneemannperformance von Lois und Franziska Weinberger und Fischli/Weiss' Alpen-Idyll-Nachbau via Bettdecke.

Besonders aufschlussreich sind die zahlreichen Plakate vom Jugendstil bis zu den Fünfzigerjahren, die den Zeitgeist ebenso reflektieren wie den technischen Fortschritt - Paul Kirnig schuf 1935 als Fotomontage die Illusion eines Schneeparadieses. In diesen Werbeauftritten wandelte sich die Anschauung. Weg vom kunsthistorischen Vorbild (noch 1920 sah ein einsamer Mann sinnierend auf schneebedeckte Gipfel), hin zum Mondänen, das die Rückständigkeit kreatürlichen Lebens im Schnee konterkarierte, und der Darstellung von Dynamik, Sportlichkeit und dem Genuss von Pulverschnee und Jugendlichkeit. Die Schrecken des Eises und der Finsternis sind ein rasantes, harmloses Freizeitvergnügen geworden.

Der Vorarlberger Architekt Dietmar Eberle hat in die heiklen, weil so nüchternen Räume des Museumsgebäudes aus der Nachkriegszeit Einbauten und Kabinette geschoben, die an stilisierte Schneehaufen mit Kanten erinnern, an kaltweiß überzuckerte Eisberge. Eine weitere Facette fügt das Klima hinzu. Sind doch tatsächlich mehrere Kälteinseln innerhalb des Rundgangs entstanden, weil einige der ausgestellten Werke aus restauratorischen Gründen niedrigerer Celsiuszahlen bedürfen.

Dass das Finale im obersten Stock des Museums etwas zu kleinlaut geraten ist (mit Ausnahme der Lawinen-Videosound-Installation des Münchners Stephan Huber, die die Sinne betäubt), dass hier größere Formate, Fotoarbeiten eines Andreas Gursky etwa oder eines Walter Niedermayr, fehlen und ein volks- und landeskundlicher Schlussakzent gesetzt wird, ist wohl der festgeschriebenen Grundausrichtung des Hauses geschuldet.

Die anderthalbstündige Fahrt in den Skiort Lech am Arlberg zur Außenstelle der Ausstellung im Museum Huber-Hus lohnt sehr. Nicht nur, weil man an den Berghängen noch immer Schneezungen sieht und hochalpine Motive romantischer wie biedermeierlicher Künstler in natura. Hier ist nun vor allem die Fotografie zu entdecken. Wählte sich der Kitzbühler Albert Steiner in Sujet und Bildaufbau unübersehbar für seine vor dem Ersten Weltkrieg entstandenen Naturaufnahmen Gemälde Ferdinand Hodlers oder des Engadiners Giovanni Giacometti zum Vorbild, so ging Wilhelm Steiner einen Schritt weiter: den zur Anthropomorphisierung. In seinen zwischen 1933 und 1942 entstandenen Fotografien bedeckt der Schnee als weiches Tuch die Landschaft, es entstehen Schattenrisse, es wachsen Riesengesichter. Eine schöne Entdeckung ist der Vorarlberger Norbert Bertolini, ein Amateurphotograph, der Ende der Zwanzigerjahre rings um Bregenz die verschneite Natur aufnahm. Und teils mit großer Finesse inszenierte, was vornehmlich sein dramatisch aus dem Off beleuchteter "Mann im Winterwald" vorführt. Kinematografisch handelt es sich bei diesem existenzialistischen Porträt um kalt eingefrorenen Expressionismus.

Welch Ironie, dass, wird der reale Schnee im Winter in Vorarlberg fallen, das Gebäude des Landesmuseums mitsamt der sommerlichen Schnee-Ausstellung auch fallen wird. Der Museumsneubau soll im Frühjahr 2013 eröffnet werden.

Bregenz, Vorarlberger Landesmuseum, bis 4. Oktober, Katalog (Hatje Verlag): 29,90 Euro


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