Patti Smith - smells like wave spirit
Patti Smith
Kurt Cobain verehrte die Rock 'n' Roll-Heldin Patti Smith. Jetzt revanchiert sie sich und singt Nirvana auf ihrem neuen Album "Twelve". Und andere Popklassiker: Songs von Jimi Hendrix, Tears for Fears, Stevie Wonder. So schön war ihre Musik selten.
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„Der Rock ’n’ Roll“, sprach Patti Smith, „zog mich ins Meer der Möglichkeiten, er beschützte mich, wühlte mich auf.“ Sie sagte es am 12. März bei einer Feierstunde in New York, bei ihrem reichlich späten Eintritt in die Hall Of Fame des Rock ’n’ Roll. Die Älteren verdrückten Rührungstränen. Jüngere betrachteten die 60-jährige wie eine gutmütige Hexe, die mit rätselhaften, aber harmlosen Beschwörungsformeln immerhin dem Geist der Gegenwart entgegentrat.
Als Patti Smith zum ersten Mal aus einem Kofferradio „Tutti Frutti“ dröhnen hörte, riss sie sich spontan von ihrer schimpfenden Mutter los. Das war vor 52 Jahren. Heute zwingen Mütter ihre Töchter, Rock’n’Roll zu hören, um sich kulturell zu bilden und gegen die Zumutungen einer flachen Medienwelt zu wappnen.
Schon 1978 wollte sie ein Cover-Album aufnehmen
Patti Smith hat wieder eines ihrer seltenen Alben aufgenommen. Eine zauberhafte Platte mit dem Titel „Twelve“. Denn Patti Smith versenkt sich in ein Dutzend Lieder und verzichtet erstmals auf die ihr sonst heilige Autorschaft. Gelegentlich hat sie sich früher bereits Songs geliehen; die Musik zu ihrem einzigen Hit, „Because The Night“, hatte Bruce Springsteen zugeliefert. Ihre erste Single war „Hey Joe“, ein häufig Jimi Hendrix zugeschriebenes Folkstück. 1978 fasste die vom Punk Verehrte den Entschluss zu einem Cover-Album. Beinahe 30 Jahre listete sie auf, verwarf, ersetzte, grübelte und fühlte sich als Interpretin unreif.
„Twelve“ beginnt nun wiederum mit Jimi Hendrix, mit „Are You Experienced?“. Es wurde aus Gewohnheit und aus spirituellen Gründen im „Electric Lady Studio“ aufgenommen. Sein New Yorker Studio hatte Hendrix 1970 noch eröffnet, Patti Smith war anwesend, dann flog der Star nach London und verstarb. Ein Kernstück seines Lebenswerks trägt Patti Smith heute tatsächlich vor wie eine offene Frage an die Popkultur: Ist man jetzt klüger?
Jedenfalls lehrt Patti Smith so manches. Erstens, dass der Punk, als deren Mutter sie ja unbeirrt gefeiert wird, ohne enttäuschte Hippies nie erfunden worden wäre. Patti Smith verkörpert förmlich jenen Dreisatz aus Idealismus, Liebe, Mystik, wenn sie barfuß über Bühnen wandelt. Zweitens: Rockmusik ist eine primitive Art des Ausdrucks, aber keine blöde.
Hört Bach! Lest Rimbaud!
Patti Smith schwärmte als Mädchen dann doch lieber für Arthur Rimbaud und weniger für Little Richard. Als sie der Fabrikarbeit New Jerseys in die Factory New Yorks entfloh, zu Robert Mapplethorpe und Andy Warhol, fand sie Rock als angemessenes Medium („Drei Akkorde und die Macht des Wortes“). Heute noch empfiehlt sie jungen Menschen, Bach zu hören, Pasolini anzusehen und Rimbaud zu lesen. Und zugleich weist Patti Smith mit einem Hymnenalbum auf die populären Klassiker des späteren 20. Jahrhunderts hin.
Es scheint sogar, als sähen Veteranen derzeit ihre vordringliche Aufgabe darin, gestandene Songs zu Standards zu erheben. Deshalb geht es Patti Smith kaum um die originelle Interpretation, geschweige denn um Ironie. Es geht um Ehrfurcht und Respekt. Sie wimmert „Helpless“ von Neil Young so demütig und zärtlich, dass es einen schmerzt, genauso „Within You Without You“ von George Harrison.
In „Gimme Shelter“ von den Rolling Stones erinnert sie daran, wozu Mick Jagger einmal fähig war, und an Jim Morrison als wilden jungen Mann in „Soul Kitchen“ von 1967. In „White Rabbit“ von Grace Slick singt Patti Smith wie ein verstörtes Mädchen. Dylans düsteres „Changing Of The Guards“ hingegen wird fast unbekümmert vorgetragen, weil sich eine Sängerin wie Patti Smith von Hexen oder Engeln niemals aus der Ruhe bringen ließe.
Eine Amateurin, die kräht
Dazu spielt die kleine Band mit Standbass, Schlagzeug und Gitarre, alte Weggefährten musizieren mit wie Lenny Kaye und Tom Verlaine. Das Cover zeigt ihr Sternbild, wie es Robert Mapplethorpe im Hippiesommer 1967 in das Leder einer Ziege tätowierte und damit ein Tamburin bespannte. 1975 führte Mapplethorpe dann Patti Smith auf ihrem ersten Album „Horses“ ein als androgyne Punk-Ikone.
Patti Smith betreibt die Rockmusik noch immer aus der Warte des ergriffenen Amateurs. Sie kräht, es rumpelt. Aber selbst wenn sie bewundernd einen Vers zitiert, statt ihn zu singen, wirken ihre Fassungen nicht prätentiös, nie eitel. Jedes Stück wird schriftlich kommentiert und seine Wahl mitunter etwas umständlich erörtert. Dass sie „Pastime Paradise“ von Stevie Wonder singt, aber kein Wort verliert zu Coolios Paraphrase „Gangsters Paradise“ von 1995, schürt den Generalverdacht der schrulligen, schon wieder liebenswürdigen Altersignoranz.
Eher überraschend hört man „Everybody Wants To Rule The World“ der großartigen Tears For Fears von 1985 und von Patti Smith zum wärmenden Protestlied umgedeutet. Sie beschreibt einen Café-Besuch, bei dem der Hit ihr jüngst zum ersten Mal zu Ohren kam.
Die Achtzigerjahre hatte Patti Smith daheim verbracht bei ihren Kindern, hatte etwas Kunst und Politik studiert und 1994 ihren Ehemann Fred „Sonic“ Smith, den Gitarristen der Ur-Punkband MC5, beerdigt. 1996 kehrte sie als Künstlerin zurück mit ihrem schwermütigen Album „Gone Again“. Nun singt sie „Smells Like Teen Spirit“ von Kurt Cobain, der sich das Leben nahm, während ihr Mann bereits schwer krank daniederlag. Cobain soll Patti Smith vergöttert haben. Patti Smith erfreute sich an Kurt Cobain und der ihm folgenden Grunge-Gemeinde. „Denn sie sahen aus wie meine eigene Familie.“
Schon deshalb schimpfte sie dem Selbstmörder verbittert hinterher und fing wieder zu singen an. Jetzt widmet sie ihm dessen Hymne, und sie klingt wie auf dem Land und an der frischen Luft gespielt. Ein Countrylied mit unbeholfenem Bass und zirpenden Gitarren, Fiedeln und Sam Shepard mit dem Banjo. So kann man Geschichten auch erzählen und Geschichte schreiben.
Patti Smith: Twelve (Columbia).