Willkommen im Kopf einer Rabenmutter
Verena Friederike Hasel lässt in ihrem Debütroman eine Mutter die Geschichte ihrer Überforderung erzählen. Sie kennt sich aus mit mörderischen Seelen. Sie ist forensische Psychologin.
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In der Rangliste all dessen, was man in halbwegs gegenwärtigen deutschen Romanen so gar nicht sein mag, nimmt das Kind eindeutig einen Spitzenplatz ein. Kinder werden vernachlässigt, sie verwahrlosen, sie sterben. Weil ihre Eltern und die Lebensumstände krank sind, krank machen.
Glücklich werden sie jedenfalls nie – das ist jetzt beinahe literaturempirisch, und warum das so sein muss, darüber könnte man jetzt lange philosophieren, die Realität sieht halt ein bisschen anders aus. Ein paar dieser Kinder – und sie sind nicht die bemitleidenswertesten – schaffen es gar nicht erst auf die Welt.
Lasse schafft es. Es ist ein langwieriger und ekliger Vorgang. Seine Mutter meint, sie hätte etwas ganz anderes aus ihrem Unterleib gepresst. Da weiß man längst, was den Kleinen, der irgendwie zu groß ausgefallen ist, erwartet.
Lasses Mutter ist schön. Ihre Seele ist es nicht
Man war schließlich bei der Anbahnung und dem Vollzug seiner Zeugung dabei. Man kennt seine Mutter genau. Weil man von Beginn des Debütromans der Psychologin und Journalistin Verena Friederike Hasel an in ihren Kopf gepfercht ist und so schnell nicht mehr rauskommt. Lasses Mutter heißt Nina. Und Nina ist schön. Sehr schön. Makellos. Leider ist ihre Seele es nicht.
Verena Friederike Hasel hat forensische Psychologie studiert (und Drehbuchschreiben). Sie kennt sich aus – das weiß man aus Krimis und dem Fernsehen von (erfundenen) forensischen Psychologen – mit Menschen, deren Denken irgendwie und manchmal mörderisch schräg zur Welt steht. Vor nicht allzu langer Zeit hat Hasel in der „Zeit“ die Geschichte einer Frau aufgeschrieben, die eines Tages mit einem Koffer nach Hamburg fährt und den Koffer in ein Schließfach verstaut. Und in dem Koffer sind zwei tote Babys.
Ein Lebensraum, eine Familie auf Zeit zerbricht
Nina ist eine Frau ohne Einhegung. Das war (und das weiß man, weil Verena Friederike Hasel ihre Erzählerin auf höchst elegante Weise schleichend sich selbst analysieren lässt) wohl schon immer so. Zuletzt fiel das nicht so auf. Da lebte Nina in einer Hausgemeinschaft. Die nannte sich Lotte. Alle, die in der Lotte wohnten, machten es sich wohnlich. Jeder hatte seine Aufgabe, alle achteten aufeinander, hatten Zeit. Lotte war wie eine Familie.
Ein Schutzraum, aus dem irgendwann alle aus dem Lebenstraum aus- und in den Arbeitsmarkt einscherten. Weil ein Investor kam und alle entmietet wurden. Bis auf Nina, die Studentin bleibt und in der Lotte, in der sie wie ein symbiotischer Baumpilz gehaust hat, die Umstände, die scheinbaren Zwänge, denen Nina sich unterwirft, schleichend offenlegt. Ziemlich en passant lässt Verena Friederike Hasel dies alles passieren.
Verena Friederike Hasel betreibt Ninas bis ins olfaktorisch üble Detail gehende allmähliche Selbstdekonstruktion so nüchtern wie klischeearm. Es ist die ziemlich zwangsläufige Geschichte einer Überforderung, einer Auflösung im Minenfeld zwischen den Geschlechterrollen, unter die Frauen geraten können, in der Mühle aus Glücksversprechen und -ansprüchen.
Mit Lennart geht es los, dem Arzt, den Nina kennenlernt und an sich binden will, durch das, was ihr als Bindemittel einfällt. Durch Sex. An sich binden aber kann sie nichts, weil ihr schon die Bindung an sich selbst fehlt, an die eigene Realität. Nicht mal mit Lasse funktioniert das.
Dabei soll das mit der Mutterliebe doch automatisch gehen. Steht in den Ratgebern, hinter denen Nina sich verbarrikadiert und verrennt. Ganz natürlich soll es sein. Ist es halt nicht. Lasse ist fremd, nachdem sie ihn auf die Welt gepresst hat. Er ist hässlich, er schreit. Er lässt sie nicht schlafen, nicht leben. Er sagt nichts.
Es ist furchtbar. Es ist alles furchtbar. Und weil alles furchtbar ist, weil man nicht nur Nina, sondern die ganze, verrückte Welt, der sie versucht gerecht zu werden, schütteln möchte, lässt man nicht los vom Lesen. Dieses Buch entschuldigt nichts, aber es erschüttert sehr. Von allen Kinderkreuzwegsromanen der vergangenen Jahre ist es der unspektakulärste und genaueste.