Zum Heulen schön
Dem Zeichner Paul Hornschemeier ist mit "Komm zurück, Mutter" eine ergreifende Graphic Novel über Trauer und Wahnsinn gelungen: Zum Heulen schön
Ein bärtiger, kahlköpfiger Mann mit müdem Blick und schlaff herabhängenden Armen schwebt scheinbar orientierungslos durch eine unbelebte Landschaft in mattem Grün und trostlosem Graubraun. Offenbar sucht der Mann jemanden - vielleicht seinen Sohn, vielleicht seine Frau. Doch auf einmal steigen aus einem schwarzen Gewässer monströse Gestalten auf, die wie kleine graue Penisse mit Augen aussehen, und reißen den Mann in die Tiefe.
Mit dieser surrealen, abgründigen Sequenz über einen Witwer, der im dunklen Meer seiner eigenen Trauer zugrunde geht, beginnt Paul Hornschemeiers Graphic Novel "Komm zurück, Mutter". Etwas farbiger und realistischer, aber nicht weniger traurig geht es weiter, als der eigentliche Protagonist in Erscheinung tritt: Der siebenjährige Thomas, aus dessen rückblickender Perspektive die Geschichte erzählt ist.
Seit drei Monaten ist seine Mutter tot; und während er bei einsamen Spielen hilflos trauert, bemerkt er seltsame Veränderungen an seinem todunglücklichen Vater. Der schläft nachts lieber auf dem Fußboden anstatt im Ehebett. Er lässt die Wohnung zunehmend verwahrlosen und bringt außer täglichen Hot Dogs kein anständiges Mittagessen mehr für sich und seinen Sohn zustande.
Immer häufiger murmelt der Witwer Unverständliches vor sich hin - die traumartige Eingangsszene vermittelte einen treffenden Eindruck von der geistigen Orientierungslosigkeit, in die er zunehmend abgleitet.
Ängstlich beobachtet Thomas diese Veränderungen. Oft versteckt er sein Gesicht hinter einer Löwenmaske, die seine Mutter ihm einmal schenkte. Er scheint sich zu wünschen, dass etwas von der Kraft dieses Löwen auf ihn abstrahlen möge, will die Kontrolle behalten, seinen Vater beschützen und Verantwortung übernehmen. Zwar träumt auch er sich bisweilen in kindliche Phantasiewelten hinein: Die Menschen seiner Umgebung erscheinen ihm dann wie Spielzeugtiere in seinem Löwenreich.
Hornschemeier zeichnet sie in naivem, kindlich-schlichtem Stil und schafft dadurch wirkungsvolle Kontraste zum flächig-präzisen Strich, mit dem er das reale Alltagsleben darstellt. Durch solche stilistischen Brüche verdeutlicht er zudem wirkungsvoll, welche Dramen sich in auch Thomas' Seele abspielen. Doch trotz seiner zeitweiligen Weltflucht verliert der Junge nie die Bodenhaftung: Mittags macht er nun die Sandwiches, räumt die Wohnung auf und bewacht jene Orte, die seine Mutter liebte - "ihren Garten, ihr Zimmer, ihr Versteck, der Wald dazwischen."
Als sein Vater eines Tages abgeholt und in eine psychiatrische Klinik gebracht wird, fühlt er sich trotzdem schuldig.
"Komm zurück, Mutter" ist die erste auf Deutsch erscheinenden Graphic Novel des 1977 in Cincinnati geborenen Hornschemeier, der schon während seines Studiums die experimentelle Comicserie Sequential veröffentlichte. Auf Englisch konnte man auch bereits den Kurzgeschichtenband "Let Us Be Perfectly Clear" und die Graphic Novel "The Three Paradoxes" von ihm lesen, und seine Heftreihe "Forlorn Funnies", in deren Rahmen teilweise auch sein jüngstes Buch entstand, wurde unter anderem für den Eisner-Award nominiert.
In virtuosem Wechselspiel von Zeichenstilen lässt er in "Komm zurück, Mutter" die Welt zweier Menschen auseinander brechen: Abrupte Perspektivenwechsel, ungewöhnliche Seitenkompositionen und Einzelbilder, die in mehrere Teile zerfallen, fügen sich zu einer ergreifenden Graphic Novel, deren formale Raffinesse niemals Selbstzweck ist: Hornschemeier bildet damit eben jenen Scherbenhaufen ab, der nach dem Tod der Mutter vom einstigen Familienleben zu Dritt übrig blieb. Es gibt nicht viele Bücher, die man mehrmals lesen möchte; aber diese tragisch endende Graphic Novel ist selbst beim dritten Mal noch zum Heulen schön.
Paul Hornschemeier: Komm zurück, Mutter. Carlsen, 128 Seiten, 16 Euro