Ein faszinierendes, neues Kriminalroman-Museum im Butjadinger Land: Abendgrauen am Jadebusen - WELT
Ein faszinierendes, neues Kriminalroman-Museum im Butjadinger Land

Abendgrauen am Jadebusen

Von Hendrik Werner
Veröffentlicht am 10.07.2007Lesedauer: 4 Minuten

Diese Gegend wirkt beinahe zu pittoresk, um wahr sein zu können: sattgrüne Wiesen, auf denen sich possierliche Pferdchen, stramme Kühe und ebenso wollige wie drollige Schafe tummeln. Auf ihren Treckern zuckelnde Landwirte grüßen hier selbst dann noch freundlich, wenn man sie beim Überholen schneidet.

Im nordwestniedersächsischen Stollhamm, gelegen unweit des mächtigen Jadebusens im Butjadinger Land, lässt man die trutzige Kirche im schmucken Dorf und den Herrgott trotz harter Arbeit nicht nur an Sonntagen einen guten Mann sein. An das letzte Kapitalverbrechen kann oder will sich hier niemand erinnern, und die Welt scheint auch morgens nach sieben noch weitgehend in Ordnung. Doch wie das mit wohl jedem Idyll so ist: Wo man es am ehesten vermutet, lauert schon ein apokalyptischer Widerpart. Schließlich ist das Böse bekanntlich immer und überall. Einem Stachel im Fleisch jener drallen Beschaulichkeit gleich, die das Vieh in dieser Region so plakativ zur Schau stellt.

Der Stachel residiert im Falle des ländlichen Orts Butjadingen-Stollhamm in einem backsteinernen Gehöft, einige Hundert Meter von der Hauptstraße entfernt. Der Stachel hört auf einen Namen, der scheue Zeitgenossen schon bei seiner gewisperten Nennung das Fürchten lehren dürfte: Schädel. Mirko Schädel. Der 39-jährige Verleger, Grafiker und Sammler hat jüngst in der Provinz das erste deutsche Krimimuseum eröffnet. Mit einer musikalisch-literarischen Soiree namens "Abendgrauen", zu welcher der Bremer Kriminalromancier Jürgen Alberts sinnigerweise mit einem Anstecker in Form güldener Handschellen erschien.

Ausgerechnet in einem umfunktionierten Pferdestall hat Schädel sein in jeder Hinsicht unkonventionelles Forum angesiedelt. Rund 4500 ausschließlich deutschsprachige Exponate vom Groschenheft über Reclams Automatenbücher und Ausgaben der "Illustrirten Criminal-Zeitung" bis hin zur aufwändig gebundenen Lederschwarte umfasst dieses antiquarische Paradies, dessen bibliophile Bestände Mirko Schädel in Regalen und Gründerzeitvitrinen ausstellt.

Aufwändige Dekoration hat sich der gelernte Schriftsetzer, der im ostfriesischen Jever geboren wurde, dabei ebenso versagt wie die ostentative Illustration seines mörderischen Sujets. Lediglich eine ironisch auf einem Schrank drapierte Polizeikelle sowie eine Lade mit Handschellen und historischem Werkzeug zur erkennungsdienstlichen Behandlung hat Schädel seinem an manchen Stellen naturgemäß etwas modrig riechenden Museum zugestanden. Ansonsten nur Krimis, Krimis, Krimis - wohin das staunende Auge auch reicht.

Die kuriose Sammlung ihrerseits reicht von den noch schauermärchenhaft dominierten Anfängen des Genres Ende des 18. Jahrhunderts bis in die Vierzigerjahre des 20. Jahrhunderts, als der Exodus wirklich guter Kriminalautoren mit den Verbrechen eines mörderischen Regimes in eins fiel.

"Das Böse gedeiht so gut auf dem Land, weil es dessen vermeintliche Gemütlichkeit kontrastiert", glaubt der kahl geschorene Schädel, der seit 20 Jahren Krimis aus dem deutschsprachigen Raum sammelt - und vor der Internet-Ära für diese Obsession unentwegt zwischen Antiquariaten, Archiven und Flohmärkten hin und her hat tingeln müssen.

Zum Museumsgründer ist er aus Platznot geworden. So überbordend waren schließlich die Bestände, dass er sie aus den Wohnräumen des von ihm vor vier Jahren bezogenen Resthofs in den geräumigen Stall verbringen musste.

Ein weiterer Kollateralnutzen seiner kriminalistischen Leidenschaft (und zugleich der Fundus seines Museums) ist die zweibändige "Illustrierte Bibliographie der Kriminalliteratur im deutschen Sprachraum 1796 bis 1945", die akribisch alle Genretitel verzeichnet und alle Cover abbildet, derer Schädel in den vergangenen zwei Jahrzehnten habhaft geworden ist. Im August 2006 hat er die Erträge dieses Heraklesprojekts, für das er sage und schreibe 9000 Titel erfasst hat, im eigenen Verlag Achilla Presse veröffentlicht. Und nebenbei mit ein paar hartnäckigen Vorurteilen, den deutschen Krimi betreffend, aufgeräumt.

Etwa dem, dass sich eine genuin deutsche Krimitradition nie ausgebildet habe, und allenfalls stilisierte Kunstliteratur wie Schillers "Verbrecher aus verlorener Ehre" in diesem Beritt erwähnenswert sei. Oder mit dem Stereotyp, nach dem die Nationalsozialisten den Kriminalroman - ähnlich wie ihre faschistischen Kollegen in Italien - nicht geduldet hätten. Oder mit der Fama, der zufolge Kriminalromane aus dem angelsächsischen Bereich hierzulande im großen Stil erst nach dem Untergang des Dritten Reiches übersetzt worden seien.

Alles Lüge, alles hanebüchen, wie Schädel mit einem süffisanten Lächeln bescheidet, die Zigarette dabei so cool im Mundwinkel verstaut wie ein gewisser Privatdetektiv aus der Feder Raymond Chandlers. Kein Wunder, dass viele Akademien auf diese einzigartige Fundgrube zugreifen wollen; demnächst steht Schädel Besuch einer amerikanischen Forscherin ins bäuerliche Haus.

Eine Urszene für seine Passion hat der Museumsdirektor, der eine regelmäßige Öffnung seines Krimistadls von der Nachfrage abhängig machen will, auch auf Lager: Gerade zwölf Jahre war er, der Vielleser, alt, als er auf dem Dachboden seiner Großmutter einschlägige Romane des schwedischen Hochstaplers Gunnar Serner aufstöberte, der sich als Schriftsteller Frank Heller nannte. Aber das ist schon wieder eine andere kriminelle Geschichte, die nun wirklich nicht in eine so unerhört idyllische Gegend wie das Butjadinger Land gehört.

Erstes deutsches Krimimuseum, Butjadingen-Stollhamm, Hauptstraße 80. Besuch nur nach vorheriger telefonischer Anmeldung unter 04735/810306. Mirko Schädel: Illustrierte Bibliographie der Kriminalliteratur im deutschen Sprachraum von 1796 bis 1945. Achilla Presse Verlagsbuchhandlung, Butjadingen. Zwei Bände, zus. 1020 S., 175 Euro.


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