Zu krank für Bayreuth: Luisi dirigiert in Wien: Mozarts "Finta Semplice" hat einen langen Bart - WELT
Zu krank für Bayreuth: Luisi dirigiert in Wien

Mozarts "Finta Semplice" hat einen langen Bart

Von Peter Schneeberger
Veröffentlicht am 10.07.2007Lesedauer: 3 Minuten

Wenigstens einer gönnt sich einen entspannten Abend: Maestro Fabio Luisi hat die Wiener Premiere von Mozarts Frühwerk "La Finta Semplice" : Premiere im Sitzen dirigiert. "Mein Arzt hat mir eigentlich ein Auftrittsverbot auferlegt", sagte der baldige Chef der Semperoper, der Staatskapelle Dresden und der Wiener Symphoniker im Vorfeld. Doch während sich Luisi im Fall der Bayreuther Festspiele streng

Übernommen hat sich Luisi mit der Jugendoper "La Finta Semplice" dann auch tatsächlich nicht. Deren harmloser Humor freilich hat einen Bart bis zum Boden: Knappe drei Stunden lang handeln die sieben Figuren das ewig frische, aber eben auch sehr altbacken wirkende Thema Liebe in mehr oder weniger banalen Sentenzen ab. Während sich Giacinta einen "Mann, aber ohne Mühsal" wünscht, darf Simone, ohne dabei hochgradig rot zu werden, lustig befinden: "Gewisse Menschen verdienen Stockschläge, das sollten Frauen sich merken."

Zwar gibt sich der europaweit als Opernkomödienspezialist ausgewiesene Regisseur Laurent Pelly in seiner Inszenierung im Theater an der Wien redlich Mühe, den Witz von Mozarts Dreiakter aus dem Jahr 1768 ins Jahr 2007 herüber zu retten. Er jagt die Figuren dieser Opera Buffa Kleiderschränke hinauf, lässt sie in allen möglichen Körperlagen singen und ist auch sonst um keinen anarchischen Gag à la Graucho Marx verlegen. Sogar Erkenntnisse vermag er aus dieser Partitur zu destillieren: Der heiratsunwillige Don Cassandro haust in einem Zimmer, das bis an die Decke voll geräumt ist mit grauen Koffern und Köfferchen - aufgestautes und aufgestapeltes Leben.

Das Libretto bezieht sich auf das gleichnamige Stück von Carlo Goldoni, das 1764 im Teatro Giustiniani di San Mosè in Venedig mit der Musik von Salvatore Perillo aufgeführt worden war. Die Protagonisten sind stark von den Figurentypen der Commedia dell'Arte inspiriert und die Musiknummern ganz nach dem Formschema der Opera Buffa strukturiert: Zwei junge Pärchen wollen heiraten, sehen sich jedoch mit einem unüberwindbaren Problem konfrontiert. Don Cassandro, der Bruder einer der beiden Bräute, will seine Zustimmung zu der Heirat einfach nicht geben. Dazu bedarf es umständlich zelebrierter Tricks und Überredungskünste der schlauen Rosina - eben der "Finta Semplice" ("Die scheinbar Einfältige") die schließlich alles in die rechte amouröse Bahn lenkt.

Pelly verleiht der Handlung Tempo, lädt die Oper mit so viel Bedeutung wie möglich auf, ohne dass die Partitur darunter zusammen kracht. Doch die statische Abfolge von Rezitativ und Arie kann auch er nicht korrigieren. Mozart hat "La Finta Semplice" im zarten Alter von 12 Jahren geschrieben. Die massiven Qualitäten des Salzburgers sind vollzählig vorhanden: Esprit, kompositorisches Genie und ariose Pracht. Doch befindet sich Mozarts imposantes Talent quasi noch im Zustand der Naivität: Unterhaltung für einen äußerst lauen Sommerabend.

Ganz im Unterschied zum Verstand seiner Zuhörer hat Mozart seine Sänger jedoch gehörig gefordert und den Figuren Arien von meist hohem Schwierigkeitsgrad geschrieben. Der Tenor Topi Lehtipuu (Fracasso) muss sich inmitten einer Arie sogar ein Glas Wasser kommen lassen, um seine Stimmbänder bei Laune zu halten. Auch Isabel Rey (Rosina) stößt an ihre Leistungsgrenzen.

Termine: 11., 15., 17. Juli; Karten: (0043-1) 588 85


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