Digitaler Sprung ins Kino
Londons Opernhaus hat sich eine eigene DVD-Firma gekauft. Es ist der Einstieg in die multimediale Zukunft des Musiktheaters: Digitaler Sprung ins Kino
Die Meldung versteckte sich kürzlich lediglich in einigen Wirtschaftsteilen: Das weltberühmte Londoner Royal Opera House Covent Garden hat das honorige DVD-Label Opus Arte gekauft. Medienberichten zufolge lag der Kaufpreis bei 5,7 Millionen englischen Pfund. Tony Hall, Geschäftsführer des Royal Opera House, bezeichnete den Deal als sensationell und betonte, kein anderes Opernhaus habe "so etwas jemals gemacht". Die Verantwortlichen wollen mit dem Kauf in erster Linie neue Zielgruppen erschließen und das digitale Opernangebot insgesamt erweitern. Das Geld hierfür stammt aus Sponsorenfonds des Opernhauses für zusätzliche Aktivitäten.
Die niederländische Firma Opus Arte wurde im Jahr 2000 von Hans Petri gegründet. Dieser soll weiterhin als Geschäftsführer im Amt bleiben und kommentierte den Deal so: "Wir können jetzt die Oper den Menschen bringen, anstatt dass die Menschen immer in die Oper gehen müssen." Die schönsten Wahnsinnsarien also für Couchpotatoes, in kristallklarem HDTV und mit Dolby-Surround-Sound? Zumindest scheint das jetzt eine Möglichkeit. Und es ist eine wunderbare Werbemaßnahme für das durch nichts zu ersetzende Liveerlebnis.
Der Katalog von Opus Arte umfasst rund 140 Titel mit Opern und Balletten sowie Konzerten, darunter auch bereits einige Produktionen aus dem Royal Opera House. Ein weiterer Schwerpunkt liegt auf Aufzeichnungen aus Barcelona und Madrid sowie von der Pariser Oper. Das meiste davon sind neue, technisch hervorragende Aufzeichnungen, übernommen von Fernsehsendern oder von den Häusern selbst produziert. Künftig sind Übertragungen von Opernaufführungen wie DVD-Vorführungen in Kinos ebenso geplant wie Video-on-demand-Möglichkeiten.
Hier zeigt sich, welche schillernde elektronische Zukunft sich sogar für altehrwürdige Opernhäuser am Horizont abzeichnet. Galten Videobänder und Laserdics mit Opern eher als Ladenhüter, so hat sich das inzwischen gewaltig geändert. Empfindliche und leichtere Kameras sowie eine junge, gutaussehende Sängergeneration macht es einfacher, die Bühnenvorgänge fantasievoll abzufilmen. Mit stützenden Marketingmaßnahmen werden so erstaunliche Zuschauerzahlen erreicht. Der von der Unitel-Gruppe um Jan Mojto betriebene digitale Bezahlspartensender Classica kooperiert mit immer mehr europäischen Kabelnetzen. Die lange nur von den Leo-Kirch-Beständen eher scheintot zehrende Unitel produziert inzwischen wieder auf Volldampf: egal ob Anna Netrebko, Salzburgs kompletter Opernmozart oder eben die "Alice in Wonderland"-Uraufführung in München, Mojto und Mannen sind dabei.
Das große Geld ist mit nach wie vor teuren Einzelproduktionen nicht zu machen. Aber man baut einen Softwarestock auf, der sich vielfältig verwerten lässt. Als Peter Gelb, der neue Intendant der New Yorker Metropolitan Opera, vorpreschte und seine Produktionen in den USA, aber auch weltweit in ausgewählte Kinos übertrug, da lächelte zunächst die Branche. In der nächsten Saison bietet die Met wiederum acht Aufführungen an, in den USA sahen bis zu 50 000 Menschen in diversen Städten zu.
Auch das elitäre Glyndebourne-Festival will ab Herbst seine Produktionen, darunter "Così fan tutte" und "Tristan und Isolde", in zehn britischen Städten in die Kinos bringen, freilich ohne das berühmte Picknick in der Pause. Die eigenen DVDs produziert man längst selbst - wie früher Videos, die alle auf die neue Technik übertragen wurden. Auch die Zürcher Oper produziert ihre weltweit vertriebenen DVDs selbst, inzwischen weit über 30 Stück. Damit wird sie nicht reich, aber sie gewinnt immens an Reputation. Selbst in China kann man eine Schweizer "Fledermaus" sehen, höchstwahrscheinlich aber raubkopiert.
Die Wiener Staatsoper wird ab nächster Saison jede Vorstellung nach draußen übertragen. Nur in Deutschland, dem Land mit den meisten und am höchsten subventionierten Opernhäusern weltweit, ist man dabei, die digitale Zukunft zu verschlafen. Produktionen der Berliner und der Hamburgischen Staatsoper sind zwar auf dem Markt, freilich als Aufzeichnungen aus Spanien, wohin sie ausgeliehen wurden und mit marktgängigeren Sängern festgehalten wurden.
Die meisten heimischen Produktionen wären freilich für einen weltweiten Markt gar nicht kompatibel: zu mittelmäßig sind oft die Künstler und zu avantgardistisch die Inszenierung. Videos und Soundbeispiele auf den Webseiten der Opernhäuser sind hier schlecht gepflegte Mangelware - Ausnahmen wie die Bayerische Staatsoper München oder die Berliner Lindenoper bestätigen die Regel. Oftmals sind selbst Vorstellungsdaten nur nach umständlichen Klicks zu finden.
Die Oper als rare und teure Kunst für Wenige könnte so ihr Image digital immens aufpolieren. Auch wenn das einzig Echte immer noch nur im Theater zu finden ist, Kino und Livestream, auch die DVD im bequemen heimischen Wohnzimmer vermitteln mehr als nur eine Ahnung davon. Und man ist gegen die Absagen launischer Primadonnen gefeit.