Der Anfang vom Ende des Kalten Krieges
Das Berliner Alliiertenmuseum erinnert an US-Präsident Ronald Reagan und seine berühmte Rede am Brandenburger Tor: Der Anfang vom Ende des Kalten Krieges
Der Erfolg hat häufig mehrere Väter, manchmal sogar die eine oder andere Mutter. Ein Beispiel dafür ist Ronald Reagans wohl berühmteste Rede, vor 20 Jahren am Brandenburger Tor, als er den sowjetischen Parteichef aufforderte: "Mr. Gorbatschow, open this gate! Tear down this wall!" (Öffnen Sie dieses Tor! Reißen Sie diese Mauer ein). Damals sahen sich die meisten Kommentatoren deutscher Zeitungen in ihrem Vorurteil über den vermeintlich realitätsfernen "Schauspieler-Präsidenten" bestätigt - bis 881 Tage später die Mauer tatsächlich fiel.
1987 war John C. Kornblum als Gesandter in West-Berlin der ranghöchste US-Zivilist in der geteilten Stadt. Vor wenigen Wochen beschrieb er in dieser Zeitung (WELT v. 9.6.), wie die Reagan-Rede und ihre beiden wichtigsten Sätze seiner Ansicht nach zustande kamen: "Der Präsident musste entschieden auftreten, ohne zu provozieren. In unseren Augen musste er Gorbatschow direkt dazu aufrufen, die Mauer zu öffnen. Nachdem ich die Idee an meinem Berliner Stab ausprobiert hatte, schickte ich sie als persönlichen Vorschlag an den Nationalen Sicherheitsrat."
Ganz anders sieht das Peter Robinson, der 1987 als Redenschreiber im Weißen Haus den Entwurf für die Ansprache verfasste. Er berichtet über seinen Sondierungsbesuch in Berlin zwei Monate vor der Rede: "Meine erste Station: das Büro des ranghöchsten US-Diplomaten. Er gab mir recht klare Instruktionen. Sie waren fast alle verneinend formuliert. Er steckte voller Ideen darüber, was der Präsident alles nicht sagen sollte."
Nach Robinsons Version waren neben ihm noch die Berlinerin Ingeborg Elz die Mutter des entscheidenden Satzes. Sie schlug bei einem Abendessen mit dem jungen Redenschreiber vor, der Präsident solle doch fordern: "Mr. Gorbatschow, pull down this wall!"
Wenn Zeitzeugen sich derartig widersprechen, können Dokumente Aufklärung schaffen. Die zeigt das Alliiertenmuseum Berlin in einer Sonderausstellung zu Reagan und der Rede am Brandenburger Tor. Zu sehen sind auch mehrere Seiten von Robinsons Entwürfen - doch endgültig klären können auch sie nicht, wer nun wirklich die Idee gehabt hat, die Reagans Rede vom 12. Juni 1987 ihren Rang gibt.
Die Ausstellung zeigt den Kontext, in dem der Besuch des US-Präsidenten zur 750-Jahr-Feier Berlins stattfand. Wohl die Mehrheit der Deutschen lehnte seinerzeit den Führer der freien Welt ab, hielt ihn für einen Dinosaurier des Kalten Krieges. Seltsamerweise galt die Kritik der Friedensbewegung der Achtzigerjahre, an die mit zahlreichen Exponate erinnert wird, ausschließlich der westlichen Reaktion auf die sowjetische Aufrüstung, nie der aggressiven Politik des Warschauer Paktes. Museumsdirektor Helmut Trotnow weiß, dass seine Schau dem Mainstream zuwiderläuft: "Wir in Deutschland müssen erst noch Vorurteile abbauen, um das Handeln und Denken dieses Präsidenten zu verstehen. Die Ausstellung ist ein Einstieg."
Insgesamt viermal besuchte Reagan Berlin. Das erste Mal kam er am Abend des 30. November 1978, bei einer informellen Reise als kommender Präsidentschaftskandidat, für knapp einen Tag nach Berlin. Er ließ sich mit Nancy und Freunden in Touristenmanier vor dem versperrten Brandenburger Tor ablichten - und überraschte seine Gastgeber dann mit dem Wunsch: "Ich würde gern auch Ost-Berlin besuchen. Ist das machbar?" Es war machbar: Als amerikanischer Staatsbürger hatten die Reagans jederzeit das Recht, in den anderen Teil der Stadt zu fahren. Am frühen Nachmittag fuhren sie über den Checkpoint Charlie.
Am Alexanderplatz. gingen die Reagans ins Centrum-Kaufhaus, das "modern, aber spärlich mit Waren ausgestattet war". Während Nancy dort blieb, trat ihr Mann auf den Platz hinaus. Durch einen Zufall erlebte er hier etwas, was seine spätere Rede vor dem Brandenburger Tor wesentlich beeinflussen sollte: Zwei Volkspolizisten mit Maschinenpistolen hinderten einen jungen Mann am Weitergehen. Sie forderten ihn auf, sich auszuweisen; Reagan erschien das als reine Schikane; er wusste seitdem, wovon er sprach, als er die mörderische Grenze geißelte.
Sein zweiter Besuch, 1982 auf dem Höhepunkt der Kampagne gegen den Nato-Doppelbeschluss, wurde durch massive Gewaltausbrüche des "schwarzen Blocks" überschattet. Beim dritten Reagan-Besuch, eben 1987, verfiel die Polizei daher auf die trickreiche Idee, den Randalierern der Weg aus ihrem bevorzugten Quartier Berlin-Kreuzberg 36 zu erschweren: U-Bahnen wurden für drei Stunden stillgelegt, Kontrollposten sollten gewaltbereite Demonstranten abschrecken. Das Konzept ging auf; die Randale hielt sich in beherrschbaren Grenzen.
Beim vierten Reagan-Besuch, im September 1990, war davon keine Rede mehr. Der Ex-Präsident betätigte sich selbst als Mauerspecht. Nun war eingetreten, was er vorhergesagt, ja herbeigeredet hatte: die Implosion des Kommunismus und der Sieg der Freiheit. Für seine Leistung ist Reagan 1992 zwar in Abwesenheit zum Berliner Ehrenbürger ernannt worden. Doch weitere Ehrungen gibt es für ihn, der in den USA neben John F. Kennedy und Franklin D. Roosevelt als wichtigster Präsident des 20. Jahrhunderts gilt, in der Bundeshauptstadt, bisher nicht, auch nicht nach seinem Tod 2004.
"Persönlich würde ich es für angemessen halten, in der Umgebung des Brandenburger Tores einen Weg oder eine Straße nach Reagan zu benennen", sagt Museumsdirektor Helmut Trotnow: "Die Rede vor dem Tor war der Anfang vom Ende des Kalten Krieges. Insofern sollte das Ereignis einen festen Platz in unserer historischen Erinnerung erhalten."
Alliiertenmuseum, Berlin, bis 30. Dezember, Katalog 19,90 Euro