Heilige Aussteigerin
Zur Eisenacher Ausstellung über Elisabeth von Thüringen: Nicht nur Christen feiern den 800. Geburtstag der Wohltäterin: Heilige Aussteigerin
Ein kurzes, intensives Leben. Als Vierjährige verlobt, mit 20 Witwe und Mutter von drei Kindern, mit 24 gestorben, vier Jahre später heiliggesprochen. Die Biografie der Elisabeth von Thüringen - eine einzige Provokation: Prinzessin, Rebellin, Bettlerin. Eine "in gewisser Hinsicht befremdende, bestürzende Existenz", wie der Dichter Reinhold Schneider befand. "Ein einziges Flehen um Gnade für eine von Kämpfen aufgewühlte Welt." In den schmutzigen Gassen unter der Wartburg zu Eisenach wendet sich die ungarische Königstochter, Ehefrau des Landgrafen Ludwig, den Aussätzigen zu. Sie wäscht eiternde Wunden, legt eigenhändig Verbände an, kümmert sich um Waisen. Ihre adligen Verwandten halten sie für töricht: "Elisabeth, du benimmst dich nicht wie eine herrschende Fürstin, sondern wie eine dienende Magd!"
Mit 430 Originalexponaten aus 17 Ländern sucht die Ausstellung in Eisenach einer der populärsten Gestalten der Kirchengeschichte gerecht zu werden - in der Sprache von heute: der berühmtesten Charity-Lady ihrer Zeit, vor 800 Jahren geboren. Einer extremen Frau. Radikal bis über die Schmerzgrenze hinaus. Kompromisslos in ihrer Religiosität. Aus Sicht der Historiker steht fest: Viele Wunder, die man Elisabeth zuschrieb, hat es nicht gegeben. Aber das, was von ihr an Werken der Barmherzigkeit belegt oder durch die Zeugnisse ihrer Dienerin überliefert ist, reicht aus, die Aristokratin trotz aller Widersprüche und Gegensätze als Ausnahmeerscheinung einer feudalen Welt zu porträtieren.
Sich ohne Wenn und Aber zu der "fast fanatischen Fürstin" (Landesbischof Christoph Kähler) zu bekennen, fällt dennoch nicht leicht. Aus unterschiedlichen Motiven heraus wurde und wird noch am Mythos Elisabeth gearbeitet. Die Heilige ist Projektionsfläche für Soziales, heute mehr denn je. Der Aspekt der dienenden Hingabe verdrängt die dunkleren Seiten dieser Vita. Was aktuell Solidarität und Eigenverantwortung genannt wird, das war, da gibt sich Bischof Kähler überzeugt, für die Frau des Landgrafen Ludwig selbstverständlich: "Sie stützt die Benachteiligten, stärkt sie aber auch gleichzeitig, auf eigenen Beinen zu stehen." Denn in der Hungersnot, die um 1226 durch Deutschland zog und die Menschen in den Wahnsinn trieb, teilt sie nicht nur Brot. "Sie gibt nicht nur Geld, sondern Werkzeuge und Arbeit", notierte ein ungarischer Biograf. "Sie gibt nicht Almosen, sondern auch Selbstbewusstsein schaffende Arbeit und den daraus fließenden berechtigten Lohn."
Hilfe zur Selbsthilfe. Barmherzigkeit definiert als Wahrnehmen, was ist. Theologen haben so keine Mühe, von Elisabeth einen Bogen zur "Sozialkultur" zu schlagen - eine Vokabel aus dem Wirtschafts- und Sozialwort der katholischen und evangelischen Kirche von 1997.
Den Bruch mit der feudalen Welt hat sie, folgt man den spärlichen Aufzeichnungen aus ihrer Zeit, in allen Extremen gelebt. Vor allem in Marburg, wohin sich die Gräfin nach dem Tod ihres Gatten zurückgezogen hatte - oder wohin sie nach einer anderen, besser zum Mythos Elisabeth passenden Lesart von der Familie ihres Mannes vertrieben wurde. Eine Wiederverheiratung hatte sie abgelehnt, selbst Kaiser Friedrich II. gab sie einen Korb. Inspiriert vom heiligen Franziskus gründete sie in der Stadt an der Lahn ein Armenhospital.
Spätestens an dieser Stelle scheiden sich die Meinungen über das "Vorbild" Elisabeth und ihren steilen Abstieg von oben nach ganz unten, in die Gesellschaft der Bettler, Kranken und Ausgestoßenen. Diesen Weg, meint etwa der Marburger Philosoph Joachim Kahl, habe sich die Christusverliebte bewusst vorgenommen, weil sie der biblischen Aussage folgte: "Wer sich selbst erhöht, der wird erniedrigt werden. Wer sich selbst erniedrigt, der wird erhöht werden!" Eine egoistische Ausrichtung auf das eigene (Seelen-)Heil? Am Ende gar ein "christophiler Suizid"?
Positiver, mit dem Gleichnis vom Weltgericht (Matthäus 25, 31-46) deutet der evangelische Bischof Martin Hein (Kassel) die Distanzierung der Königstochter vom glanzvollen Leben bei Hofe: Der Maßstab zur Scheidung der Gerechten von den Ungerechten ist hier die Art und Weise des Umgangs mit den Bedürftigen. In den Ärmsten der Armen offenbarte sich Christus selbst.
Auf die Wartburg war Elisabeth im Zuge einer arrangierten Verbindung gekommen, als Verlobte des ältesten Sohnes des Landgrafen Hermann. Es sollte das Bündnis zwischen Thüringen, Ungarn und Böhmen (auf Seiten der staufischen Partei) gegen Kaiser Otto IV., der zur Welfenpartei gehörte, gestärkt werden. Als der Verlobte starb, heiratete Elisabeth dessen Bruder Ludwig. Auch hier blieb, trotz aller Liebe, die diese Beziehung prägte, die große Politik im Spiel.
Leben und Tod dieser Mutter Teresa des Mittelalters wird man nicht verstehen ohne einen Blick in eines der blutigsten Kapitel der Christenheit. Es war die Zeit der "Ketzer". Die Kirche fühlte sich durch die Katharer in Frankreich, die Albigenser und die Waldenser herausgefordert und in ihrer Macht bedroht. Elisabeths "Seelenführer", der Kreuzzugsprediger Konrad von Marburg, wird 1231, im Todesjahr der Fürstin, der erste Großinquisitor in Deutschland, er ist direkt Papst Gregor IX. unterstellt und hat freie Hand bei der systematischen Verfolgung der "Abweichler". Er lässt foltern, entfacht einen regelrechten Feuersturm. "Hundert Unschuldige wollen wir verbrennen, wenn nur ein Schuldiger dabei ist", zitieren ihn die Wormser Annalen.
Dieser Zyniker hatte wohl erkannt, dass sich die Demut seiner Schutzbefohlenen, die er zu immer mehr Askese und Selbstgeißelung anleitete, im Kampf gegen die "Ketzer" einsetzen ließ. "Elisabeth lebte das Armutsideal im Rahmen der Ordnungen der rechtgläubigen Christenheit. Konrads strenge Maßnahmen dienten also dazu, auf Elisabeths Heiligung schon zu ihren Lebzeiten hinzuarbeiten. Ob sie gespürt hat, dass sie instrumentalisiert worden ist?" (Bischof Hein).
Möglicherweise geht auch die Trennung der Gräfin von ihren Kindern, um frei zu sein für den Dienst an den Armen, auf ihren seelenlosen Seelenführer zurück - ein Vorgang, der nach Worten des katholischen Bischofs Heinz Josef Algermissen (Fulda) "noch heute nicht leicht nachvollziehbar ist". Die meisten kirchlichen Verlautbarungen tendieren freilich dazu, eine eigensinnige, willensstarke Frau zu beschreiben.
Am 17. November 1231 stirbt die Landgräfin, die zur Bettlerin geworden war, vermutlich an Schwindsucht. Ihre ungarischen Verwandten hatten sie in die Heimat zurückholen wollen. Elisabeth widersetzte sich dieser Absicht. 1235 wird sie in Perugia zur Ehre der Altäre erhoben. Vor allem der Deutsche Orden und Konrad von Marburg hatten sich für sie eingesetzt. "Ein Werk des allmächtigen Gottes" sei diese Frau gewesen, sagte Papst Gregor IX.
Der Pontifex und die von ihm eingesetzte Kommission, die die Elisabeth zugeschrieben Wunder untersucht hatte, verhehlten nicht das Motiv für die Heiligsprechung im Rekordtempo: Man hoffe, die Entscheidung werde dazu beitragen, den "Ungläubigen" den Weg der Wahrheit weisen und die "Ketzer" verwirren. Vor allem den Adligen wurde die Heilige als Vorbild empfohlen, aber die Verehrung der heiligen Aussteigerin setzte sich bald in allen Bevölkerungsschichten durch.
An ihrem Grab in Marburg reichten sich zwei lange Zeit unversöhnliche Gegner, Erzbischof Siegfried III. von Mainz und Elisabeths Schwager, Konrad von Thüringen, wieder die Hand. Die Grafenfamilie auf der Wartburg pries die einst Verfemte, denn eine Heilige aus eigenem Haus bedeutete zusätzliches politisches Prestige.
Heute haben auch Protestanten keine Probleme mehr, von Elisabeth als einer Heiligen zu sprechen. Denn Heilige sind nicht unbedingt Tugendhelden, sie sind Gerechte und Sünder zugleich. "Das biblische Menschenbild", sagt Landesbischof Kähler, "ist in dieser Hinsicht sehr realistisch."
"Elisabeth von Thüringen. Eine europäische Heilige", bis 19. November auf der Wartburg und in der Predigerkirche Eisenach