Wo der Kameramann für ein Bier wirbt
Wenn man in diesen Tagen von Prag aus nach Karlovy Vary fährt, wird man am Ortseingang von Reklame begrüßt, auf der ein neben einer Kamera stehender Herr die Vorzüge eines tschechischen Bieres anpreist. Es ist Miroslav Ondricek, der gefeierte Kameramann von "Amadeus" und "Die Liebe einer Blondine". Wäre es hier zu Lande vorstellbar, dass Michael Ballhaus eine, sagen wir mal, einheimische Automobil
Auch Vaclav Klaus, der Präsident der tschechischen Republik, scheint sich nach Leibeskräften um das Wohl der eigenen Kinematografie zu bemühen. In der Erfolgskomödie "Bestiar" absolviert er einen selbstironischen Kurzauftritt und sorgte überdies für einen der größten Lacher des 42. Filmfestivals von Karlovy Vary, als in der Dokumentation "Links, rechts, vorwärts" seine Stimme plötzlich als Klingelton eines Handys zu hören war. Allerorten war in dem böhmischen Kurort zu spüren, welch großen Rückhalt der tschechische Film momentan beim eigenen Publikum besitzt. Es hat einen besonderen, innigen Pakt mit seinen einheimischen Leinwandlieblingen geschlossen, mit Ana Geislerova, Pavel Liska oder Karel Roden, der auch international ein gefragter Darsteller ist, etwa in "The Bourne Supremacy" und "Mr. Beans Ferien".
Diese staunenswerte Erfolgsgeschichte sucht in Europa Ihresgleichen; allenfalls in Frankreich trägt die Filmbegeisterung derart patriotische Züge. Bis Anfang Mai, bis zum Start von "Spider Man 3", führten einheimische Filme ununterbrochen die Hitliste an. Über eine Million Zuschauer, mithin ein Zehntel der Bevölkerung, wollten Jan Sveraks Komödie "Empties" (Leergut) sehen, Jiri Menzels Verfilmung von Bohumil Hrabals Schelmenroman "Ich diente dem König von England" verkauft über acht Millionen Kinokarten. In der ersten Jahreshälfte liegt der eigene Marktanteil bei fast 46 Prozent, während US-Produktionen gerade einmal 39 Prozent erreichen. Schon in den letzten Jahren kündigte sich dieser Trend an. 2006 übertrafen die leichtfüßigen Ferienkomödien "The Holiday Makers" und "The Rafters" bei weitem das Einspielergebnis von Hollywood-Blockbustern wie "Piraten der Karibik" und "The Da Vinci Code" und bescherten dem tschechischen Film einen Marktanteil von fast einem Drittel.
Dabei war 2006 ein Wendepunkt. Nachdem die Novelle des Filmförderungsgesetzes nicht ratifiziert wurde, erhob sich eine Protestwelle, die weit über die Landesgrenzen hinaus schwappte. 250 Filmemacher, darunter Wim Wenders und Aki Kaurismäki, unterzeichneten eine Petition, die ein stärkeres politisches Engagement für das Kino forderte. Seither ist das Klima gedeihlicher geworden. Das Spektrum der Produktionen ist geprägt von einem Nebeneinander der Veteranen wie Vera Chytilova oder dem Trickfilmer Bretislav Pojar (dem das Festival eine Hommage widmete) und Regiedebütanten. Noch immer gelten die Sechzigerjahre als heroische Epoche des Kinos, als Milos Forman, Jiri Menzel und Ivan Passer dem tschechischen Kino Weltgeltung verschafften. Die Programmbroschüre des Festivals verweist auffallend oft auf diese Vorbilder. "Das ist nur eine Orientierungshilfe für Ausländer", wendet Marketa Santrochova vom Tschechischen Filmzentrum ein. "Die jungen Filmemacher respektieren die ältere Generation, aber sie drehen ganz andere Filme."
Die neue Generation ist keine homogene Bewegung, wie der Schauspieler und Drehbuchautor Jan Budar ("Sex in Brno") betont: "Jeder Regisseur verarbeitet seine individuellen Probleme und Obsessionen, aber alle profitieren von der Neugierde des Publikums auf tschechische Themen und Schauplätze." Der Ensemblefilm "Rules of Lies" von Robert Sedlacek, in dem Budar eine Hauptrolle spielt, ist eine sensible Selbstverständigung der Generation der Dreißigjährigen. In einem Therapie-Zentrum sucht ein Dutzend gestrandeter, lädierter Figuren nach Neuorientierung und moralischer Rehabilitation. Bei allem Eigensinn verbindet viele Filmemacher mit der Generation der Sechzigerjahre ein Erzählgestus der ironischen, satirischen Zeitgenossenschaft. Linda Jablonska zeichnet in ihrer Dokumentation "Links, rechts, vorwärts" ein verschmitztes Porträt junger Wahlkämpfer. Irena Pavlaskovas "Bestiar" ist ein ironisches Sittenbild moderner Geschlechterverhältnisse im Stil von "Sex and the City". Alice Nells erzählt in "Little Girl Blue" von der Sinnsuche in der post-kommunistischen Wohlstandsgesellschaft. Die angestrengt tänzelnde Poesie ihres Films steht beispielhaft für die harmlose Glätte vieler aktueller Produktionen.
Der Kassenerfolg von Sveraks "Empties" verdankt sich nicht zuletzt dem Umstand, dass er mehrere Generationen anspricht. Sein Schmunzelfilm handelt von einem pensionierten Lehrer im Unruhestand, der sich zunächst als Fahrradkurier versucht und sich dann, nach einem Unfall, in der Leergutabteilung eines Supermarkts um die Herzensangelegenheiten von Kollegen und Kunden kümmert. Die Hommage an einen Charmeur, der listig dem Altern Einhalt gebietet, wurde mit einem Sonderpreis für das Beste Drehbuch und dem Publikumspreis ausgezeichnet. Irgendwie schien es in diesem Jahr eine ausgemachte Sache, dass ein tschechischer Film der Sieger der Herzen sein würde.