Tom Cruise, so übel nicht
Wer hätte gedacht, dass eine filmische Besetzungsfrage hierzulande die Gemüter so erhitzen würde? Tom Cruise soll in der Hollywood-Produktion über das Attentat vom 20. Juli nicht den Stauffenberg spielen und nicht im Bendlerblock drehen, sagen die einen. Er ist im Gegenteil die ideale Verkörperung, weil er weltweit dem deutschen Widerstand gegen Hitler endlich jene Aufmerksamkeit verschaffen könnt
Ganz unabhängig davon, dass Verbote im Kulturleben immer eine missliche Sache sind, muss man für die reservatio mentalis gegenüber einem amerikanischen Star der Unterhaltungsbranche in der Rolle eines deutschen Helden natürlich auch ein gewisses Verständnis haben. Sagen wir es so: Wohler wäre uns allen, wenn das deutsche Kino über einen Darsteller verfügen würde, den man sich als Stauffenberg vorstellen kann. Doch einen solchen Schauspieler haben wir eben nicht.
Nun brachten ja manche Cruise-Kritiker Sebastian Koch ins Spiel, der in einem Fernseh-Zweiteiler Claus Schenk Graf von Stauffenberg gespielt hat - so la la. Denn was Koch fehlt, ist das Soldatische. Tom Cruise, natürlich auch kein Berufssoldat, scheint aber doch als Amerikaner eher in der Lage, einen soldatischen Mann zu spielen und hat das ja in "Top Gun" oder in "Eine Frage der Ehre" auch bewiesen. Das haben wir nun davon, dass wir bei unserem Großreinemachen auch dieses Kind wieder mit dem Bade ausschütten mussten: Deutschland, das mit Friedrich dem Großen, mit dem Preußenprinzen Louis Ferdinand, mit den Kleists und Körners und von der Marwitzens die Figur des intellektuellen Militärs im Grunde überhaupt erfand - heute weiß es vermutlich nicht einmal mehr, dass es solche Gestalten einmal hatte!
Was Sebastian Koch auch nicht aufweist, ein Stauffenberg-Darsteller aber haben sollte, ist geistige Aura. Der Jünger Stefan Georges, der bekanntlich mit den Worten "Es lebe das geheiligte Deutschland" in den Tod gegangen ist, war ja nicht nur ein Patriot und mutig. Er war auf eine sehr deutsche Weise auch ein Intellektueller - aber eben nicht in jenem "kritischen" Sinne, den man seit den sechziger Jahren mit diesem sozialen Typus assoziiert. Dazu dachte er - in einem höheren Sinne - zu positiv. Ihm schwebte nichts Geringeres vor, als das befleckte Deutschland vor der Geschichte zu reinigen - was ja voraussetzt, dass er sowohl Deutschland als auch die Geschichte als seinsprägende Mächte vorbehaltlos bejahte. Und er erhob sich als George-Jünger und gnostisch angehauchter Mensch über politische Rücksichten. Die äußeren Formen seien da, "um gekannt und beherrscht zu werden von denen, die sie verachten", schrieb Claus schon als junger Mann. Das Wesentliche finde nicht in der "Umwelt" statt.
Mit dieser Haltung wird man zum Spieler oder zum Helden, zum Überwinder - zwei Möglichkeiten, mit denen der gnostisch denkende Mensch die "Umwelt" transzendiert. Stauffenberg entschied sich für das Heldentum. Und er machte von jenem "Herrenrecht" Gebrauch, das sein Meister ihm zusprach, als er zum Kreis stieß. Dergleichen wird heute wahrscheinlich eher in Amerika verstanden als bei uns. Insofern ist, alles nur in allem, Tom Cruise als Stauffenberg so übel nicht.