Léon Poiriers "Verdun" von 1928 hat Schule gemacht: Die Mutter aller Doku-Dramen - WELT
Léon Poiriers "Verdun" von 1928 hat Schule gemacht

Die Mutter aller Doku-Dramen

Autorenprofilbild von Sven-Felix Kellerhoff
Von Sven-Felix KellerhoffLeitender Redakteur Geschichte
Veröffentlicht am 16.07.2007Lesedauer: 2 Minuten

Wie sich die Zeiten ändern: Vor 79 Jahren besprach Peter Panther alias Kurt Tucholsky in der "Vossischen Zeitung" den Film "Verdun" des französischen Regisseurs Léon Poirier - und bemühte sich sichtlich um Fairness. Damals war diese Rezension für weite Teile des deutschen Publikums, selbst für nicht wenige Leser der wirtschaftsliberalen "Vossischen" gleich bedeutend mit einem Verdikt: Was der Pazi

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Doch Poirier konnte anders agieren als heutige Geschichts-TV-Macher: Er holte sich den Helden des Abwehrkampfes, den Marschall Petain, vor die Kamera und drehte dessen jedem Franzosen vertrauten Gang die Treppe des Rathauses von Souilly hinab neu. Auch fand Poirier genau die Szenerie, in der ein früher Bildberichterstatter des kaiserlichen Heeres um 1916 Wilhelm II. bei einem Frontbesuch aufgenommen hatte - und dreht vor derselben Tür mit Schauspielern eine neue Szene über den Geist deutscher Offiziere. Den Unterschied erkennt man nur am Zustand des Türstocks, der zwischenzeitlich neu gestrichen worden war. Schließlich waren fast alle seine Soldaten-Darsteller selbst an der Front gewesen - vielleicht wirken ihre Gesichter deshalb so besonders erschüttert und damit glaubwürdig.

Da Poirier 1928 selbstverständlich noch stumm drehte, kommt der Musik von André Petiot besondere Bedeutung zu. Der Pianist Hakim Bentchouala-Golobitch interpretierte die Originalpartitur neu. Sie besticht durch die Kombination zeitgenössischer Melodien und typischer Stummfilmmelodien - eine Kombination, die den restaurierten Film nochmals stärker wirken lässt. Vergleicht man Poiriers Film mit der ZDF-Arte-Koproduktion über "Verdun" (s. WELT v. 21. 11. 2006), so zeigen sich interessante Parallelen: Viele Sequenzen des Dokudramas folgen anscheinend direkt der Bildsprache Leon Poiriers.

Wer sich im Genre des Kriegsfilms auskennt, erlebt Dejà-vus gleich im Dutzend, denn offensichtlich haben sich spätere Regisseure mehr als bisher bekannt von den Bildideen von "Verdun" anregen lassen - bis hin zum jüngsten Kinofilm "Merry Christmas" von Christian Carion


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