Mit "Death Proof" kommt Quentin Tarantinos hohe Kunst des postmodernen Filmzitierens an ihr Ende: Der Onkel will doch bloß spielen - WELT
Mit "Death Proof" kommt Quentin Tarantinos hohe Kunst des postmodernen Filmzitierens an ihr Ende

Der Onkel will doch bloß spielen

Von Peter Zander
Veröffentlicht am 18.07.2007Lesedauer: 5 Minuten

Nehmen wir ihn doch beim Wort. Eigentlich sei er ein verkannter Theaterdichter, bekannte Quentin Tarantino dieser Zeitung. Er verehre Tennessee Williams, auch seine Filme funktionierten eigentlich nur über den Dialog, und "Death Proof" habe er wie ein Theaterstück geschrieben: "Man könnte es, so wie es ist, nehmen und auf die Bühne bringen."

Das könnte etwa die Berliner Volksbühne sein. Die ist ja längst ein verkapptes Kino, bringt sie doch Adaptionen in Serie auf die Bühne. Und die Monotonie, die Tarantinos überlangen Dialogen eigen ist, wird dort, von Marthaler bis Castorf, ebenfalls kultiviert. Das gewohnt schmuddelige Interieur müsste die bewährte Anna Viebrock ausstatten. Und darin spulte sich dann "Death Proof" ab. Schöne, junge Frauen tratschen darin, reden, quatschen, ohne Unterlass. Geschwätz als Endzweck. Über Typen, Sex und Alkohol. Ach ja, und über Filme. Ein paar Männern, selbst einem abgewrackten wie dem Stuntman Mike, wird auch noch der Kopf verdreht. Dann, nach 50 Minuten, verlassen die Mädels die Bar und steigen in ihren Wagen. Der Stuntman tut das Gleiche. Und fährt frontal auf sie zu. Vier Mal wird das im Film gezeigt, in Zeitlupe, mit sadistischen Details, wie die Frauen dabei zu Tode kommen. Ein Schock, eine brutale Zäsur nach dem scheinbar ewigen Gequassel. Das könnte kein Theater auch nur annährend so inszenieren. "Death Proof", bühnentauglich? Würden die gewollt banalen Dialoge wirklich überzeugen - ohne den Kontrapunkt der Gewalt? Oder könnte es sein, dass Quentin Tarantino auch Tennessee Williams nur - aus Kinoverfilmungen kennt?

Der Mann ist ja nun mal ein Filmmaniac. Er lebt, denkt, atmet in Filmen, seit er sich als Kind in die Kinos schlich und sie als Videothekar systematisch aufsog. In einem seiner ersten Drehbücher, "True Romance", träumt der Antiheld davon, eine Frau zu finden, die beim ersten Date mit ihm ins Kino geht und Martial Arts guckt. Nicht nur einen Film, sondern gleich drei. Dahinter verbirgt sich niemand anderer als Tarantino selbst. Nur muss er nicht mehr davon träumen, er kann sich das seit seinem Durchbruch mit "Pulp Fiction" längst selbst erfüllen und Filme inszenieren, wie er sie gern gesehen hat. Schund wie "Pulp Fiction", Blaxpoitation wie "Jackie Brown", Martial Arts wie "Kill Bill". Mit Stars von einst, denen er ein Comeback schenkt: Travolta, Pam Greer, Robert Forster. Oder jetzt Kurt Russell als Stuntman Mike, der nie ganz weg war, aber nur noch ein schwaches Abbild seiner legendären "Klapperschlange".

Nie aber ging Tarantino so weit wie jetzt in "Death Proof", der bekanntlich die eine Hälfte eines Doppel-Features ist, das mit Robert Rodriguez' Vampirfilm "Planet Terror" und einigen gefakten Filmtrailern in der Mitte konzipiert wurde, in den USA aber empfindlich floppte und im Rest der Welt daher nur einzeln zu sehen ist. Doch nicht nur die alte, längst vergessene Doppel-Feature- bzw. "Grindhouse"-Tradition reanimiert Tarantino. Er inszeniert den Film auch mit allen Macken abgenudelter Uralt-Kopien: mit Kratzern, Bild-Ton-Sprüngen, verzerrtem Sound. Selbst bei zwei ziemlich auffälligen Anschlussfehlern darf man sinnieren, ob sie nicht extra so gedreht wurden - als Verneigung vor dem B-Movie. Als wäre "Death Proof" ein Film aus jener Zeit, tauchten da nicht auch mal ein Handy und ein iPod auf. Mittendrin Tarantino selbst als Barkeeper Warren, der die Bestellungen der Gäste erfüllt und damit doch nur seinen eigenen Cocktail mixt. In seiner Bar plärrt dazu eine Musicbox - natürlich alte, verkratzte Singles. "Death Proof", eine einzige Sehnsucht nach dem prä-digitalen Zeitalter, die ihre Erfüllung in dem spektakulären Car-Crash findet, der sichtlich ohne Computertricks gedreht wurde.

Das Doppelfeature hat nicht funktioniert; "Death Proof" ist aber auch in sich ein Doppel. Bei "Kill Bill" wurde Tarantino von findigen Produzenten gezwungen, zwei Filme aus einem zu machen. "Death Proof" ist nun die Antithese: zwei Filme in einem. Nach einer Stunde und einem Schnitt um 14 Monate geht der Film noch mal los. Mit anderen Mädchen und einer anderen Bar in einem anderen Bundesstaat (Tennessee!). Aber wieder umkreist Stuntman Mike die Girlies wie eine Klapperschlange. Vexierspiele, Spiegelungen ohne Ende. Doch diesmal sind zwei der Frauen selbst Stuntwomen. Und die lassen sich nicht so einfach plattmachen. In der zweiten Hälfte kratzt das Bild nicht mehr so wie im ersten, und es scheint, als ob auch das Frauen-Bild vom Anfang damit revidiert würde. Keine wehrlosen Häschen, keine Altherrenfantasien mehr. Diese Girlies schlagen zurück - in einer der zugegeben spektakulärsten Autoverfolgungsjagden seit langem.

Mutiert Tarantino damit zum feministischen Vorkämpfer, zur Alice Schwarzer des Schmuddelkinos? Nein, auch das hat er natürlich den guten alten Pulp-Filmen entlehnt, Russ Meyers legendären "Die Satansweiber von Tittfield" vor allem, deren finalen Rettungstritt er genüsslich zitiert. Wie er überhaupt alles plündert. Tarantino, der Zitierwütige, die Fleisch gewordene Postmoderne, er ist längst zum Auteur des B-Movies aufgestiegen, ja hat bewiesen, dass l'art pour l'art nicht nur für distinguiertes Kunstkino, sondern auch fürs Trashkino taugt. Man kann sich trefflich weiden an seinen herrlich banalen Dialogen oder gelangweilt auf die (gewohnt ultra-brutale) Action warten. Man kann sich aber auch fragen, warum man nicht gleich einen Film der Siebziger anschaut. Da wüsste man zumindest, warum die Kopie Kratzer hat.

Auch andere zitieren im postmodernen Kino leidlich, von Brian De Palma bis Martin Scorsese. Aber die basteln sich daraus ihre eigenen Filme. Onkel Quentin aber will doch nur spielen, will auch solche Filme drehen wie die, die er als Jugendlicher genoss. Und er lässt uns teilhaben an dieser seiner pubertären Fantasie. Nur: Was noch vor kurzem hipp war, scheint nun in die Jahre zu kommen. Mit "Die Hard 4.0", "Rocky 6" und "Indiana Jones 4" steigen derzeit all die Alt-Actioner der Achtziger noch mal in den Ring, um vor allem zu beweisen, dass sie längst zu alt sind für ihr Genre. Tarantino, der Goldjunge der Neunziger, wirkt jetzt schon ähnlich in die Jahre gekommen, und so passt es irgendwie, dass er nicht nur Trash-Klassiker, sondern - mit dem "Kill Bill"-Pfeifen als Handy-Klingelton - sich selbst zitiert. Auch er ist nurmehr Teil zitierfähiger Filmmasse.

Als nächstes wird er "Inglorious Bastards" drehen, natürlich wieder ein Genrevehikel, ein Kriegsfilm diesmal. Vielleicht sollte Tarantino einmal etwas radikal anderes machen. Das könnte eigentlich nur eins sein: den Tennessee Williams aus sich rauskitzeln. Ein echtes Stück schreiben. Und auf die Bühne damit. Tarantino auf dem heißen Blechdach! Das wäre mal eine echte Überraschung - nicht nur für Hardcorefans.


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