Rhetorik: Cicero Gottschalk - WELT
Rhetorik

Cicero Gottschalk

Von Hendrik Werner
Veröffentlicht am 18.07.2007Lesedauer: 2 Minuten

Immer wieder sonntags zeigt RTL 2 das serielle Historienspektakel "Rom". Zwei Superlative zeichnen es aus: Es handelt sich um die teuerste TV-Serie aller Zeiten über das sittlich wohl meistverderbte Imperium aller Zeiten. Wer glaubt, der Sender sei damit vom Leitwolf des Unterschichtenfernsehens zu einem Leitmedium des Bildungsbürgertums avanciert, irrt sich gar nicht so gewaltig. Denn zwischen vi

Etwa in Gestalt des Mannes, dessen Name hierzulande neuerdings eher mit einem deutschen Swingsänger oder einem politischen Magazin assoziiert wird: Cicero (106-43 v. Chr.), Politiker, Anwalt, Philosoph, Verfasser des Rhetorik-Standardwerkes "De oratore", eloquenter und diplomatischer Gefolgsmann des Pompeius, begnadigt von dessen Widersacher Caesar.

Zugleich kritische und sophistische Bonmots wie "Oft ist der Mensch sein größter Feind" und "Zum Reichtum führen viele Wege, und die meisten von ihnen sind schmutzig" machen Cicero als moralischen und aufklärerischen Geist von Graden kenntlich. Da nimmt es Wunder, dass der Verlag für die Deutsche Wirtschaft die Auszeichnung "Cicero-Rednerpreis" unlängst ausgerechnet an den TV-Moderator Thomas Gottschalk verliehen hat. Dessen plakative Artikulationsform verhält sich nämlich zu den subtilen Gaben des Cicero ungefähr so wie RTL 2 zu Arte.

In seiner Laudatio würdigte Jurymitglied Gert Ueding, seines Zeichens Rhetorikprofessor in Tübingen, Gottschalk als Sprachartisten, "der das komische Fach in seiner ganzen Bandbreite beherrscht, vom Kalauer bis zu jener witzigen Urbanitas, die Cicero rühmte". Ueding ist kein Vorwurf zu machen. Er sieht vermutlich nie "Wetten, dass ...", jene ZDF-Sendung, in der Gottschalk auf zotige Weise jeden weiblichen Gast anbaggert, der nicht bei drei auf dem Baum ist. Vielleicht wäre der Showmaster dafür in "Rom" eine glaubwürdigere Besetzung als David Bamber, der Cicero als asketischen Feingeist mit hohem moralischen Urteilsvermögen gibt. Mit jemandem wie dem volkstümlichen Lautsprecher Gottschalk im Senat wäre dann endlich das gesamte Filmpersonal so dekadent, wie man es den alten Römern ohnehin nachsagt.


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