Heißkalte Vollkommenheit - WELT

Heißkalte Vollkommenheit

Von Josef Engels
Veröffentlicht am 18.07.2007Lesedauer: 4 Minuten

Ironisch, zeitlos, gut: Das Altherrenduo Steely Dan zeigt, dass auch eine perfekte Oldie-Revue ein faszinierendes Hörerlebnis sein kann: Heißkalte Vollkommenheit

Sagt der eine Mittdreißiger zum anderen: "Ich habe mich schon lange nicht mehr so jung gefühlt bei einem Konzert." Und ja - selten hat man so ein homogenes Publikum gesehen wie jenes, das es sich auf den Stuhlreihen in der Zitadelle in Berlin-Spandau bequem gemacht hat. Man ist um die 50, man kleidet sich eher unauffällig, man hat gewiss eine gute Stereoanlage zuhause herumstehen. "Hallo Kinder!", ruft Donald Fagen hinter seinem E-Piano zur Begrüßung. Damit sind nicht die beiden Mittdreißiger gemeint, die 1972, als Steely Dan gegründet wurde, noch in den Windeln lagen (und die 1981, als sich das Zwei-Mann-Unternehmen zum ersten Mal auflöste, bestimmt ganz andere Probleme hatten). Die ergrauten Fans von Fagen und seinem Partner Walter Becker sollen sich angesprochen fühlen. Sie quittieren den Scherz mit einem Lachen.

Ihnen ist bewusst, dass auch in der folgenden Ankündigung, dass man sich nun auf eine Reise tief in die Siebzigerjahre begeben werde, eine gewisse Ironie mitschwingt. Mögen andere alternde Rockstars so tun, als sei die Zeit an ihnen spurlos vorbeigegangen - die beiden Anführer von Steely Dan legen es geradezu darauf an, ihr Konzert als Oldie-Revue zu verkaufen. Ihre große Begleitband nennen sie beharrlich "Orchester". In ihren Ansagen erinnern sie an die längst vergangenen Tage, als man mit der Liebsten, einem Kassettenrekorder und den Taschen voller Deutschmark in der Sonne lag. Und dann sehen die beiden ja auch noch so schrecklich schön unhip aus: der Keyboarder und Sänger Fagen wie ein von Don Johnson beratener Widergänger von Ray Charles, der Gitarrist Becker wie ein gelangweilter Physiklehrer, der voll und ganz zu seinen Figurproblemen steht.

Diese Herrschaften sind wahrhaft aus der Zeit gefallen. Und es gäbe für ein jüngeres Publikum ja auch überhaupt keinen Grund, sich für diese Typen zu interessieren. Diese beiden stehen schließlich für die uncoolen Seiten der Siebzigerjahre, für die Ära, als der Rock so dekadent geworden war, dass er Klassik sein wollte und der Punk als Rettung noch nicht in Sicht war. Dem rechristianisierten neuen Bürgertum dürfte Steely Dan gleichfalls suspekt sein. Eine Band, die sich nach einem Sexspielzeug aus William S. Burroughs Roman "Naked Lunch" benennt und sich dann noch in seinen Liedern über Gott, den Kapitalismus und die Ehe lustig macht? Das geht nicht, selbst wenn sich Notenständer auf der Bühne befinden.

Aber wen interessiert das alles schon, wenn von da oben die wohl vielschichtigste, komplexeste und dennoch verführerischste Popmusik der vergangenen 35 Jahre dringt? Anderen Bands macht man es vielleicht zum Vorwurf, wenn die Lieder auf der Bühne genauso klingen wie auf der Platte. Bei Steely Dan ist es unbedingt als Kompliment zu verstehen, bei all der unfasslichen Perfektion in der Feinjustierung von Vokalharmonien, Basslinien und Gitarren-Soli, die Fagen und Becker in ihrer Studioarbeit walten ließen. Im Konzert hört man nun: "Aja", in all seiner fusionjazzartigen Raffinesse (inklusive des legendären Schlagzeugsolos), "Babylon Sisters" mit diesem verteufelt federnden Groove und den asymmetrischen Bläsersätzen, "Peg" und die vertrackt süßlichen Gospel-Voicings im Refrain. Und immer wieder: jenen "Steely-Dan-Akkord", der ähnlich sagenumwoben ist wie Wagners "Tristanakkord". Heißkalte Vollkommenheit.

Ein ums andere Mal stellt der Auftritt die hohe Kunst von Steely Dan unter Beweis - das Vermögen, sich der unterschiedlicher Stile zu bedienen und dabei doch unverkennbar eigen zu bleiben. Sei es die alte Schule des Rock 'n' Roll ("Bodhisattva"), der Blues ("Pretzel Logic") oder der Reggae ("Haitian Divorce", von Becker mehr gesprochen als gesungen) - alles bleibt im Kern Steely Dan, dieser Zwitter aus New Yorker Grummel-Intellektualität und kalifornischem Leichtsinn.

Wie erstaunlich wertbeständig dieses HiFi-Produkt ist, daran erinnert eine Nummer, die Fagen und Becker in der ersten Konzerthälfte spielen. Das sich in einem zackigen 6er-Takt windende "Two Against Nature" war im Jahr 2000 das Titelstück der CD, mit der sich das Duo nach beinahe 20-jähriger Karenzzeit wieder zurückmeldete. Die Platte klang genauso wie die früheren Erzeugnisse von Steely Dan - räumte aber gleichwohl reihenweise Grammys ein, darunter einen für das beste Album des Jahres. Der Konkurrent Eminem, von dem man mittlerweile nichts mehr hört, ging leer aus. Das mag zwar einiges über die konservativen Vergabemethoden beim Grammy aussagen. Aber auch mindestens genauso viel über die Qualitäten der Paarundfünfzigjährigen Fagen und Becker. So zeitlos zu sein - das zeigt der Berliner Auftritt sieben Jahre nach der letzten Deutschlandtour - ist wider die Natur. Aber ein durchaus erstrebenswertes Ziel, finden die Mittdreißiger.

Termine: 24. Juli Hamburg, 25. Bonn


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