Minimalismus, Proportion und Takt: Zum 70. Geburtstag des Dresdner Baumeisters Peter Kulka: Architektur der Stille - WELT
Minimalismus, Proportion und Takt: Zum 70. Geburtstag des Dresdner Baumeisters Peter Kulka

Architektur der Stille

Von Dankwart Guratzsch
Veröffentlicht am 20.07.2007Lesedauer: 3 Minuten

Baukunst ist Redekunst. Das Vokabular der Architekturkritik wimmelt von Begriffen der Kommunikation. Da wird über Architektursprache, Bildsprache, "Dialog" und "Antwort" philosophiert. Oft sind es Leerformeln, denn ein Gebäude, durch dessen Fenster man in eine Stadt blickt, kommuniziert noch nicht, und dass zwei Häuser verschieden aussehen, führt sie noch nicht in ein Zwiegespräch. Eine Kategorie

Kulkas kompromisslos moderne Architektur ist beredt nur durch Schweigen - ganz im Gegensatz zu Kulka selbst, der mit seinen leidenschaftlichen Auftritten in Fachdiskussionen und Symposien buchstäblich die Luft zum Brennen bringen kann. Kaum ein zweites Werk charakterisiert diesen Architekten so vollkommen wie sein "Haus der Stille", das er für die Benediktiner in Meschede schuf. Nackter Beton, Licht, das von oben einfällt, Mobiliar, das fast bis auf das Skelett zurückgeführt ist - daneben durchlichtete Räume von erschlagender Helligkeit und überwältigendem Naturpanorama.

"Architektur der Stille" könnte über dem Gesamtwerk Kulkas stehen, das die ihm fälschlich oft zugeschriebene Kontaktfreudigkeit zu Bauten der Nachbarschaft und der Geschichte ausdrücklich vermissen lässt. Ein leicht übersehenes, wiederkehrendes Detail seiner Architektur bezeugt diese Abwehrhaltung: Wo Kulka an vorhandene Gebäude "andockt", schiebt er mit Vorliebe eine gebäudehohe Trennscheibe dazwischen. So bei der Fakultät der Wirtschaftswissenschaften in Magdeburg, so auch beim Landtag in Dresden, seinem neben dem Bosch-Haus Heidehof in Stuttgart noch immer meisterlichsten Werk.

Es sind wunderbare Bilder der Bescheidung, der Selbstbeherrschung, der Klarheit, die dabei entstehen. Die Selbstsicherheit, die dieses Werk ausstrahlt, kann sich auf eine hohe Begabung seines Autors für Proportion, Takt und ästhetische Komposition gründen. Sie ist gepaart mit dem Ehrgeiz (und der Fähigkeit) zu gestalterischer Präzision. Ein Bürogebäude wie das Multimediazentrum am Hamburger Rothenbaum vermag davon ebenso zu künden wie eine "Galerie für zeitgenössische Kunst" - die Herfurthsche Villa in Leipzig, deren Seitentrakt der Architekt in eine plattenverkleidete schmuck- und fensterlose Schachtel steckt.

In der Geschwätzigkeit und Bilderflut der zeitgenössischen Architektur wirkt dieser Gegenpol der Lautlosigkeit, Leere und scheinbaren Menschenferne wie ein Ritual der Beschwörung. Gerade beim Weiterbau und Umbau historisch bedeutender Gebäude hat Kulka diese Fähigkeit zum "Beschweigen" bis in Grenzbereiche vorgetrieben. Dem Gerede, ja dem Brüllen, setzt er eine bis zur Starre gesteigerte Reglosigkeit entgegen.

Daran ändern auch die kecken Farbtupfer nichts, mit denen Kulka gern die Binnenlandschaft seiner Gehäuse dekoriert - vor dem Fond einer scherenschnittartig schwarz-weißen Architektur wirken sie eher aufgesetzt. Eine Ausstellung des Architekturmuseums Frankfurt am Main, die zum 70. Geburtstag Kulkas in dessen Vaterstadt Dresden gastiert, ist so kühn, neben "Minimalismus" auch "Sinnlichkeit" im Werk dieses Baukünstlers ausmachen zu wollen. Eher mag das Gegenteil zutreffen: Einer aus den Fugen geratenden Welt mit ihren überbordenden Menschenmassen, Gräueln und Exzessen wagt hier einer Bilder monumentaler Askese entgegenzuhalten. Kulka selbst spricht von "zeitloser Schönheit" - und führt damit einen Begriff ein, der in der Sturmflut des Monströsen zeitentrückt und bedroht wie ein Inselkontinent erscheint.


Mehr aus dem Web

Neues aus der Redaktion

Auch interessant

Mehr zum Thema