Diesseits des Scheins - WELT

Diesseits des Scheins

Von Volker Tarnow
Veröffentlicht am 20.07.2007Lesedauer: 4 Minuten

Der Dirigent Michael Gielen dient der Musik, ohne sich dem Markt zu unterwerfen. Heute wird er 80 Jahre alt: Diesseits des Scheins

Ohne Kränkung romantischer Musikerseelen geht es bei ihm selten ab. Entweder sind seine Programme derart modern, dass viele Hörer gelangweilt oder geschockt auf ihrem Abonnentenstuhl erstarren, oder er bürstet Mahler und Bruckner staubtrocken - gegen den traditionellen Strich, gegen unreflektierte Unterhaltungsbedürfnisse, kurz: gegen den noch immer herrschenden Musikgeschmack der Masse. Gielen schont sein Publikum nicht. Sich selbst auch nicht. Seine Intransigenz erstaunt und beeindruckt. Es gibt nicht mehr viele Dirigenten, die einer Idee folgen, die der Kunst dienen, ohne sich den Marktgesetzen zu unterwerfen. Gielen ist der prominenteste unter ihnen - ein arrivierter Anarchist.

1927 in Dresden geboren, gelang ihm mit seiner Familie, die Mutter war Jüdin, 1940 die Flucht nach Argentinien. Erste praktische Erfahrungen sammelte er als Korrepetitor am Teatro Colón, damals ein sagenhafter Ort, der solche Größen wie Toscanini, Klemperer und Fritz Busch empfing.

Gielen erkor sich Dimitri Mitropoulos und Erich Kleiber zu seinen Vorbildern. Das Dirigieren erlernte er beim bloßen Zusehen, richtig studiert hat er es nie. Der alte Kleiber ist noch heute sein unerreichbares Ideal. "Alles kam direkt aus seiner Natur sozusagen", erinnert sich Gielen, "ohne dass man den Umweg über den Kopf gemerkt hätte." An Mitropoulos bewunderte er die Bescheidenheit und Uneitelkeit.

Gielen selbst agiert auf dem Podest eckig und weitgehend charismafrei. Das hat Methode. Er will die Strukturen der Musik verdeutlichen und lehnt es ab, dem Affen Zucker zu geben. Stattdessen gibt er dem Publikum lieber Pfeffer und Salz, manchmal auch Chili sin carne. In seiner mittlerweile legendären Zeit als Direktor der Oper Frankfurt kam es anfangs zu einer Massenflucht der Stammgäste; das am Main praktizierte Regiemusiktheater von Ruth Berghaus und vor allem von Hans Neuenfels wurde aber bald von jüngeren Hörern goutiert. Die Frankfurter Jahre 1977 bis 1987 gelten heute als ein Höhepunkt bundesdeutscher Bühnengeschichte.

Gielens Name bleibt ebenfalls mit der Wiederentdeckung von Franz Schrekers Oper "Die Gezeichneten" verknüpft. Seine wichtigste Leistung ist aber zweifellos die Uraufführung der "Soldaten" von Bernd Alois Zimmermann 1965 in Köln.

Gielen hat Zimmermann auch häufig im Konzert dirigiert und damit den bedeutendsten deutschen Nachkriegskomponisten eigentlich erst bekannt gemacht. Zimmermanns großen Antipoden, Karl Amadeus Hartmann, nahm er hingegen nie ernst.

Beim SWF Symphonieorchester Baden-Baden fand Gielen in der Zeit von 1986 bis 1999 Gelegenheit, seine Vorstellungen von Neuer Musik in mustergültiger Weise umzusetzen. Fünfzig Prozent der Arbeit wurden der Zweiten Wiener Schule und ihren Nachfahren gewidmet. Als strikter Schönbergianer war Gielen zu keinerlei Zugeständnissen an die gemäßigte, für ihn regressive Moderne bereit. Sein Repertoire spiegelt daher den modernen Mainstream mitsamt aller Limitationen wider. Dass es in Europa auch jenseits von Zwölftönerei und Serialismus technisch avancierte Musik gibt, die das Erbe des Humanismus bewahrt, blieb ihm ebenso verborgen wie die Tatsache, dass sich das Gros nord- und südamerikanischer Musik keineswegs in bloßem Entertainment erschöpft.

Ist also Michael Gielen ein sanftmütiger Hardliner zu nennen, ein konsequenter Adorno-Dogmatiker der zweiten Stunde? Glücklicherweise nicht.

Der in der Nähe Salzburgs lebende Liebhaber italienischer Weine und kubanischer Zigarren kann sich gegenüber der Konzerttradition erstaunlich liberal zeigen, er wandelt nicht nur als Beethoven-Beschleuniger mit Metronom in der Hand auf Toscaninis Spuren, sondern stürzt sich auch auf Narkotika namens Skrjabin, Schreker und Zemlinsky, ja sogar Rachmaninow und Josef Suk.

In seinen vor zwei Jahren erschienenen Erinnerungen bekannte er Ratlosigkeit und Skepsis der zeitgenössischen Musik gegenüber - und Zweifel an Adornos Unfehlbarkeit. Doch stellt er deswegen seine Grundüberzeugungen noch lange nicht zur Disposition. "Ich habe immer gemeint - und meine noch immer, Funktion von Kunst und Musik sei es, den Menschen die Konflikte ihrer Zeit und ihres Inneren paradigmatisch vorzuführen", sagte er unlängst einmal.

Während allenthalben Eskapismus angesagt ist und viele seiner Kollegen unverdrossen dem Kult des schönen Scheins frönen, bleibt Michael Gielen der Reflektion verpflichtet, der Deutlichkeit. Und nicht zuletzt der Wahrheit in durchaus emphatischem Sinne. Ein großer Mann, ein Querdenker, ein Anti-Dirigent. Heute feiert er seinen 80. Geburtstag.


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