Kapitalismuskritik mit den Mitteln der Ironie: Josephine Meckseper im Kunstmuseum Stuttgart: Lob des Designer-Hammers - WELT
Kapitalismuskritik mit den Mitteln der Ironie: Josephine Meckseper im Kunstmuseum Stuttgart

Lob des Designer-Hammers

Von Sibylle Peine
Veröffentlicht am 03.08.2007Lesedauer: 3 Minuten

Das Kaufhaus wird zum Museum und das Museum zum Kaufhaus, sagte bereits Andy Warhol. Wie wahr, denkt der Besucher des Stuttgarter Kunstmuseums, scheinen sich doch die Ausstellungsräume im gläsernen Kubus quasi über Nacht in einen Konsumtempel verwandelt zu haben. Vitrinen, Schaukästen und Spiegel überall. Eine prächtig glitzernde Warenhauswelt, wie wir sie aus der Fußgängerzone kennen. Wären da bl

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Diese Widersprüche, diese Irritationen machen die Kunst von Josephine Meckseper aus. Die 42-jährige Konzeptkünstlerin nennt sich selbst Kapitalismuskritikerin. Das klingt rigide und ideologisch. Aber Mecksepers Kritik kommt nicht dogmatisch oder didaktisch daher, sondern setzt auf die Kraft der Verwirrung, der Subversion und der Ironie. Mit den Waffen der Absurdität versucht sie, die Absurdität des Kapitalismus zu entlarven.

Und darin war Meckseper in den letzten Jahren sehr erfolgreich. So erwarb nicht nur der bekannte Londoner Kunsthändler Charles Saatchi einige ihrer Werke für seine Sammlung, Meckseper wurde zuletzt auch auf renommierte Ausstellungen wie etwa die Biennale im New Yorker Whitney Museum eingeladen. Nun erfährt ihr vielfältiges Werk - es besteht aus Fotografien, Gemälden, Filmen, Objekten und Collagen - eine weitere Weihe. Erstmals ist es in einer großen Einzelausstellung zu sehen. Unter den 150 Exponaten sind viele eigens für die Stuttgarter Schau geschaffen worden. Dabei ließ sich Meckseper wieder einmal von der bunten Warenwelt am Ort inspirieren.

Die Welt des Konsums, des Materialismus und des Kommerzes erlebt sie ansonsten hautnah in ihrer Wahlheimat New York, der "Inkarnation des extremsten Konsumkults", wie sie selbst sagt, in der auch die Kunst immer mehr zum reinen Entertainment verkomme. Aufgewachsen aber ist Josephine Meckseper an einem Ort, der geradezu als Antithese zu New York erscheint, der Künstlerkolonie Worpswede nämlich, wo in ihrer Erinnerung die Schaufenster "nur sehr reduziert mit Waren dekoriert" waren. Ihre politische Prägung und ihr anhaltendes Interesse an gesellschaftlichen Entwicklungen besonders auch in Deutschland datieren eben aus jener linksbewegten Kinder- und Jugendzeit, in der sie häufiger an Anti-Atomkraft-Demonstrationen teilnahm. In ihren Filmarbeiten spielen Demonstrationen und politische Proteste eine große Rolle. Bewusst greift Meckseper dabei auf die Bildsprache vergangener Jahrzehnte zurück, indem sie in Super 8 oder 16 Millimeter filmt. Demonstrieren die Menschen dort gegen den Vietnamkrieg, gegen die Kernenergie oder doch gegen Bush? Die Zeichensprache des Protests bleibt über die Jahre gleich.

Aber Politik ist in Josephine Mecksepers Welt auch nur Teil des kapitalistischen Systems, verkommt zur Ware, zum schönen Schein, zum plakativen "so tun als ob". Und es stimmt ja auch: Symbole des Protestes werden mit der Zeit selbst zu Labels, zu modischen Markenzeichen, die ihren rebellischen Ursprung vergessen lassen. So ist das Palästinensertuch, das einst Jassir Arafat zierte und von der Linken als politisches Statement übernommen wurde, heute nur noch ein modisches Accessoire und wird - Ironie der Geschichte - inzwischen sogar von Rechtsradikalen getragen. Bei Meckseper erfährt das Palästinensertuch vielfältige Verwendung. Es muss schon einmal als Teppich herhalten oder wird einer Schaufensterpuppe locker um den Hals geworfen. Zusammen mit einem Kapuzenparka und einem vergoldeten Marihuanablatt ist das Ensemble unschwer als Persiflage auf die immerwährende Linke zur erkennen. Hammer und Sichel, kommunistische Markenzeichen, die man einst mit schwieligen Arbeiterhänden verband, präsentiert die Künstlerin weihevoll entrückt wie wertvolle Preziosen auf verspiegelten Sockeln.

Mecksepers Fotografien scheinen teuren Hochglanzmagazinen entnommen zu sein, in denen aufwendig gestylte Models politische Labels wie das RAF-Symbol elegant zu Markte tragen. Aber gerade in diesen Fotografien zeigt sich auch das Ambivalente in ihrer Kunst: Das brennende Streichholz im Mund einer schönen Frau mag subversiv wirken und Assoziationen bis hin zur brandgefährlichen Terroristin auslösen, es ist und bleibt aber auch ein sehr ästhetisches, sehr cooles Werk. Dies erklärt nicht allein, aber doch auch den Erfolg von Mecksepers Kunst.


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