Plaudern für Milliarden
Hillary Clintons Spione werden da sein und schwarze Listen führen, wenn am Samstag, dem 8. September, Oprah Winfrey zum Wahlspendendinner für Barack Obama in ihr Heim nahe dem kalifornischen Santa Barbara lädt. Für 2300 Dollar erhält man Einlass in das 170 000 Quadratmeter große Anwesen mit dem bescheidenen Namen "Gelobtes Land", für 50 000 Dollar kommt man dem Ehrengast und seiner Gönnerin nahe.
Man kann ein erfülltes Leben leben, ohne von der einzigen schwarzen Milliardärin Amerikas und der angeblich einflussreichsten Frau des Erdkreises je gehört zu haben. Dies leidenschaftlich zu bestreiten ist das Privileg mancher jener acht Millionen Amerikaner, die an 130 Tagen im Jahr um 16 Uhr Ostküstenzeit die Lebenshilfe der "Oprah Winfrey Show" entgegennehmen wie eine Oblate. Für ihr Publikum, zu Dreivierteln Frauen und längst über das US-Fernsehen hinaus ausgeweitet in 120 Länder sowie auf zwei Magazine in ihrem Namen, einen Buchklub, einen digitalen Radiosender und oprah.com, ist Oprah Winfrey seit 20 Jahren die engste Vertraute, größere Schwester, liebesstrenge Mutter und Mentorin. Sie ist auch Lebensvorbild beim Bändigen ihrer Haare, beim Fasten, beim Lesen, bei den Männern, bei Krankheit, Verbrechen, im Tod wie im Glück.
Geschätzte 260 Millionen Dollar im Jahr bringt ihr das einzigartige Talent ein, sich mit Leuten gemeinzumachen. Es ist die Gabe, mit jedem, ob Hollywoodstar, Dahergelaufener (wohlausgewählt) oder vom Schicksal schwer Geprüfter, zu fühlen, zu lachen, zu reden. "Ich kann manchmal immer noch nicht glauben, dass ich fürs Plaudern bezahlt werde", gestand sie ihrem Kollegen Larry King, der immer flacher tratscht. Sie widersprach jedoch pikiert, als der sich über die "absurde Menge Geld" amüsierte, die sie fürs Reden erhalte. Absurd klinge falsch, rügte sie. Als sei sie jeden Dollar wert. Das ist ihr Produkt, von ihrer Firma Harpo (Oprah, rückwärts) hergestellt, selbstverständlich auch. Ihre Emmys sind ungezählt, ihre Konkurrenz zur selben Sendezeit ohne Chance, jede ihrer Empfehlungen, für die sie passioniert bürgt, ist rund eine Million verkaufter Bücher wert. Als sie im Herbst 2006 Elie Wiesels Autobiografie "Night" wählte und mit dem Friedensnobelpreisträger von 1986 zusammen nach Auschwitz reiste, mehrte sie nicht nur unverhofft das Einkommen des alten Herrn, sondern auch ihr Ansehen.
Wenn das noch möglich ist. Oprah Gail Winfrey, bettelarm geboren in Mississippi, von unverheirateten Teenagereltern schlecht, von einer Großmutter mit Güte und eigener Begabung aufgezogen - das Mädchen übersprang zwei Klassen und bekam Stipendien -, ist der kuriose Fall einer mächtigen, steinreichen Frau im Showbusiness, die keine Feinde hat. Nicht einmal geständige Neider. Mit 32 Jahren war die Talkmeisterin Millionärin. Bald darauf begann sie ein beispielloses philanthropisches Engagement. Sie brachte mit Stiftungen 250 schwarze Männer durchs College, ließ Häuser für Flutopfer "Katrinas" bauen und sammelte mit ihrer 1998 gegründeten "Angel Networks" in kurzer Frist elf Millionen Dollar für die Opfer des Hurrikans. Ein Spendenappell genügt, und den Leuten geht das Herz über.
Ihr jüngstes Projekt in Südafrika, die 40 Millionen Dollar teure "Oprah Winfrey Leadership Academy for Girls" nahe Johannesburg, ist das Eliteinternat, welches die kleine Oprah nie besuchen konnte. Aus 3500 Bewerberinnen, deren Eltern nicht über 10 000 Dollar verdienen dürfen, suchte sie 152 Mädchen aus. Es schert sie nicht Kritik, die Schule sei für die Region grotesk überausgestattet, alles vom Feinsten mit Yogastudio, zwei Theatern, Schönheitssalon und edler Kunst am Bau. Warum sie nicht arme, begabte Mädchen in Amerika fördere, fragten einige, durchaus ehrerbietig ihre Großzügigkeit rühmend? "Weil wir eine Regierung haben, die Schulen baut. Ich muss das nicht machen, denn ich lebe im besten Land der Welt." Im Übrigen, gab Winfrey zu, habe sie bei ihren zahllosen Besuchen in armen Inner-City-Schulen weniger Lernwillen als Konsumeifer vorgefunden. Die Kids interessiere der neuste iPod und die teuersten Sneaker. In Südafrika wollten die Mädchen noch wirklich lernen, um sich aus ihrer Armut zu befreien. Die Gegenüberstellung verargte ihr mancher, sie sei nicht fair. Aber hier wie gegenüber frechen Eltern der Akademie-Mädchen kennt Oprah Winfrey keine Zweifel. Es ist ihr Geld, ihr Traum, sie legt die Regeln fest, nach denen er geträumt wird.
Was ist Oprah: Sozialarbeiterin, Feministin, Volksaufklärerin, Aktivistin oder Wellness-Diva, die das auf positivem Denken gründende Selbsthilfeprogramm "The Secret" anpreist, als sei es das Beste seit Penizillin? Ist es bewegend oder doch eher albern, wenn sie um ihren gestorbenen Hund Gracie mit dem Bekenntnis trauert, sie habe nie "ein Wesen, menschlich oder Tier, gekannt, das stets so voller Freude" gewesen sei? Naturgemäß sind das Fragen, die ihre Verehrerinnen hässlich fänden. Sie lieben Oprah für ihre Idiosynkrasien, und die Beichte ist ganz gegenseitig. Mal plaudert sie von ihrem Termin beim Gynäkologen, dann beantwortet sie auf der Webseite die "brennende Frage", ob sie jemals während der Sendung Blähungen nachgegeben habe ("Eine sehr ungehörige, freche Frage ..., vielleicht habe ich."). Als Aufklärerin belehrte sie vor Tagen ihr Publikum, dass es interessiert zu sein habe, "wohin ,es' verschwindet, wenn man die Klospülung betätigt". Umgekehrt nehmen ihre Fans innigen Anteil an ihren Haarproblemen und ihrem zuletzt triumphal siegreichen Kampf gegen Übergewicht. Vor allem führt sie einen Kreuzzug für die Kinder, die sie selbst, trotz einer stabilen Partnerschaft seit 20 Jahren, nie hatte. Bis sie 152 Mädchen de facto adoptierte.
Noch vier Jahre will sie ihre Show durchziehen. Danach werde sie "politische Aktivistin", vertraute sie Larry King an. Heute führt sie ihre eigene Online-Liste von Kinderschändern, sie will vor Staatsparlamenten und in Washington für strengere Gesetze eintreten. Die neunjährige Oprah wurde zum ersten Mal sexuell missbraucht; über Jahre haben sich ein Onkel, ein Cousin, ein "Freund der Familie" an ihr vergangen. Das Trauma prägt sie wie die überwundene Armut. Oprah Winfrey will noch weitere Schulen gründen. "Ich lebe in der tiefen Furcht", sagt sie, "meine Möglichkeiten auf Erden nicht auszuschöpfen."