Was ist deutsch an der deutschen Musik? - WELT

Was ist deutsch an der deutschen Musik?

Von Alexander Cammann
Veröffentlicht am 07.08.2007Lesedauer: 4 Minuten

Der dunkle Klang? Die öffentliche Förderung? Eine Gesprächsrunde auf Schloss Neuhardenberg sucht die nationale Eigenart: Was ist deutsch an der deutschen Musik?

Vielleicht waren wir doch am falschen Ort zur falschen Zeit. Denn am Wochenende versuchte man sich auf Schloss Neuhardenberg, eine Autostunde östlich von Berlin, wieder einmal an der Lösung eines der Lieblingsrätsel in den kulturellen Kontroversen hierzulande. "Was ist deutsch an der deutschen Musik?" So lautete die immerwährende Frage: ein intellektueller Dauerbrenner seit zweihundert Jahren, stets mit allerlei Mythen und heftigen Emotionen aufgeladen. Selbst ein der zeitgenössischen Musik verpflichteter Dirigent wie Ingo Metzmacher will sich als neuer Chef des Deutschen Sinfonie-Orchesters Berlin den deutschen Dingen in seiner kommenden ersten Spielzeit widmen. Doch Schwermut, ironiefreier Tiefsinn, Ernst ohne Eleganz und wie dergleichen Stereotype noch lauten mögen: All das hatte unter strahlender Sommersonne keine Chance. Südliche Bellezza gehört zur Atmosphäre dieses preußischen Orts. Sein Zauber vertreibt nordische Trübsal; er scheint die Erträglichkeit des Seins zu beweisen. Wer sich im Schlosspark erging, einst gestaltet von Lenné und Fürst Pückler, dem Schwiegersohn von Staatskanzler Hardenberg, der konnte sich gar an einer modernen Schäferidylle erfreuen. Schauspieler Martin Wuttke lagerte hier mit Kindern, Familie, Kollegen, inklusive behängtem Wäscheständer. Im vergangenen Jahr begab sich Wuttke hier im Park zusammen mit dem Mythomanen der deutschen Gegenwartskunst, Jonathan Meese, auf eine "theatralische Exkursion" zu Nietzsches Zarathustra. Am 16. August hat auf der Wiese ihre diesjährige Sommerproduktion Premiere: "Sacer Lokus" nach Motiven des früh verstorbenen Dichters Rolf Dieter Brinkmann. Wille und Wahn dürften sicherlich erneut wild und komisch durcheinander gemischt werden; deutsche Stoffe in fröhlicher Symbiose.

Vielleicht waren wir doch am richtigen Ort zur richtigen Zeit. Denn oft sind es solche Mixturen und Kontraste, aus denen die Kunst, zumal die Musik, ihren Reiz gewinnt. Im Konzert am Abend zuvor gab es solche Momente der Spannung. Soeben noch als Gurnemanz im Bayreuther Schlingensief-"Parsifal", sang Robert Holls Bass nunmehr die Seelennot der "Vier ernsten Gesänge" von Johannes Brahms mit erschütternder, wotanhafter Vehemenz - mitten im hellen Raum der anmutigen Schinkel-Kirche. Diese Gesänge seien "das deutscheste und protestantischste überhaupt", meinte denn auch anderntags in der Podiumsdiskussion der Dirigent Gerd Albrecht. Die Gesprächsrunde gab sich einem unbeschwerten Parlando hin, statt sich Seminarstrenge zu unterwerfen - was angesichts des "unmöglichen und nicht zu beantwortenden Themas" (so Albrecht gleich zu Beginn) eine glückliche Entscheidung war. Die in Russland geborene und seit 1986 in Deutschland lebende Musikwissenschaftlerin Tatjana Rexroth erzählte von den wechselseitigen Fehlwahrnehmungen: Die Deutschen würden sie immer nach der "russischen Seele" fragen, den Russen müsste sie immer vom "deutschen Geist" berichten - Zuschreibungen, mit denen die jeweiligen Nationen selber kaum etwas anfangen könnten. Die Idee von der "deutschen Musik" existiere ohnehin erst seit dem Ende des 18. Jahrhunderts, so der Komponist Dieter Schnebel. Noch im europäischen Barock habe es keine nationalen Stile gegeben, weder in der Musik, Malerei oder Plastik noch der Baukunst. Die argumentativen Fronten wären ohnehin stets unübersichtlich verlaufen: So habe der Jude Arnold Schönberg postuliert, durch seine Entdeckung der Zwölftontechnik "der deutschen Musik" für die nächsten hundert Jahre die Vorherrschaft gesichert zu haben. In großen Künstlern steckt oft die imperiale Geste. An die vielen rückwärtsgewandten Wunschvorstellungen aufgrund problematischer Identitäts-Bedürfnisse erinnerte Gerhard R. Koch, von 1976 bis 2003 Musikkritiker der "FAZ". Deutsche Komponisten von Mozart bis Henze hätten hingegen stets zahllose nichtdeutsche musikalische Traditionen in ihre Werke integriert. Dennoch gebe es etwas Typisches, was deutschen Stil vielleicht kennzeichnen könnte: die Macht des Wortes in der Musik, gleichsam als protestantische Erbmasse von Luther her kommend, über Schütz, Bach und Händel, bei Schubert, Schumann und Wagner bis hin zu Schnebel sich durchziehend. Die deklamatorischen Liedinterpretationen einer Elisabeth Schwarzkopf und eines Dietrich Fischer-Dieskau gehörten ebenso in diesen deutschen Strang. Und auch die aus der partikularen Reichsstruktur herrührende staatliche Förderung der Musik sei typisch deutsch: ein momentan gefährdetes Gut, das durch privates Engagement niemals ersetzt werden könne, wie der israelische Botschafter Shimon Stein mit deutlichen Worten an die deutsche Politik appellierte. Der legendäre dunkle deutsche Klang der hiesigen Orchester hingegen sei ein Mythos, so Koch. Vielleicht habe auch Furtwängler früher heller geklungen.

Der Architekt und Opernkenner Stephan Braunfels, Urenkel des allmählich wiederentdeckten Komponisten Walter Braunfels, erzählte, wie er jüngst sein erstes Bühnenbild ausgerechnet für den ungeliebten "Lohengrin" in Baden-Baden schuf. Das transparente, "unwagnerianische" Dirigat von Kent Nagano ermöglichte ihm schließlich den emotionalen Zugang. Nie rein, sondern immer schon mit zahllosen äußeren Einflüssen: Die deutsche Musik ist eine Mischkultur im Jahrhunderte langen Wandel.

Etwas Urdeutsches gab es in Neuhardenberg abseits schöner Künste und geistvoller Worte dennoch zu entdecken: Vom Schlosspark aus gelangt man in wenigen Schritten zu einer angrenzenden Kleingartenkolonie. Sie trägt den Namen "Buddelflink".


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