Rossiniana
Was den Wagnerianern ihr Bayreuth ist, scheint den Rossini-Jüngern ihr Pesaro. Morgen geht es an der Adria wieder los: drei Opern und Belcanto-Wonnen satt, oft verbunden mit tollen Stimmentdeckungen, selten mit Regieaufregern. Diesen Sommer spielt man dort "La Gazza ladra", eine halb komische, halb tragische Semiseria um den letztlich von der titelgebenden diebischen Elster gestohlene Silberlöffel
Auch aus Pesaro gibt es audiovisuelle Novitäten vergangener Festivals. Musikalisch genial ist die einaktige Verwechslungsfarce des 18-Jährigen, "La Cambiale di Matrimonio". Doch dieser jüngste, 2006 mitgeschnittene "Heiratswechsel" ist vokal eine derbe Angelegenheit; einzig die zwitschernde Désirée Rancatore und der albanische Tenor Samir Pirgu erheben sich als gewitztes Liebespaar über den Durchschnitt. Eine DVD aus Pesaro vom letzten Jahr mit der bereits mehrfach vorhandenen "Italiana in Algeri" lohnt ebenfalls nur bedingt: eingefleischte Dario-Fo-Fans werden an dessen üblich atemlosen Statistenwirbeln Freude haben. Der Bass Marco Vinco als Mustafá und der russische Tenor Maxim Mironov (Lindoro) verkörpern eine solide, vor allem stimmlich bewegliche jüngere Rossinisänger-Generation. Donato Renzetti entfesselt orchestral gebremsten Gioachino-Schaum. Da ist man mit der gleichen Oper, abgefilmt 1998 in Paris, besser bedient: Jennifer Larmores Isabella punktet als reifes Koloraturen-Schlachtross auf dem Liebeskriegspfad, Bruce Fords Lindoro gibt ihr schmachtend Kontra und Simone Alaimos Mustafá kalauert sich routiniert durch seine Bassbuffobombenpartie. Bruna Campanella dirigiert mit Verve und Andrei Serban zündet feurige Regiefunken.
Da die ernsten wie heiteren Rossini-Opern, richtig aufgeführt, mehr als nur solide Sänger fordern, dürften nicht einmal die folgenden beiden DVD-Produktionen aus italienischen Opernhäusern repräsentativ für den dortigen, oft tristen Alltag sein. Aus Florenz kommt ein zwei Jahre alter, von Pier Luigi Pizzi klassizistisch brav zwischen Säulen angerichteter "Tancredi", den man bereits in Pesaro sehen konnte und den Riccardo Frizza starr taktiert. Der verdienstsvolle Raúl Giménez ist zu alt für die Tenorolle (!) als Vater Argirio, dessen sopranlethargische Tochter Amenaide alias Daria Takova den falschen, nämlich den Feind Tancredi liebt; Daniela Barcellona umgibt ihn mit flammenden Fiorituren, aber wenig Temperament. Mehr nach Lustiger Witwe als nach Aschenputtel sieht Paul Currans 2006 in Genua festgehaltene "Cenerentola" aus, die Renato Palumbo versiert herunterspult und Sonia Ganassi wenig charmant verkörpert. Marco Vinco ist als Kammerdiener Dandini neuerlich mit von der Partie, und Antonino Siragusa macht als Prinz mit seinem metalllastigen Tenor klar, warum er hinter Juan Diego Floréz ewig in der zweiten Reihe steht.
Sogar eine russische Rossini-DVD traut sich inzwischen auf den Markt, noch dazu das Starvehikel "Il Viaggio a Reims", als Mitschnitt von 2005 aus dem Pariser Théâtre du Châtelet. Außer dem schon etwas müden Tenor Daniil Shtoda als Graf Libenskof ist alles Mariinsky-Nachwuchs. Valery Gergiev nimmt ihn auf eine stilistisch erstaunlich wenig abirrende Reise; die Inszenierung von Alain Maratrat ist kaum vorhanden.
Auch Rossini ohne Worte, nur zum Hören gibt es. Dem späten Klavierwerk, das weder in Pesaro noch sonst in den Konzertsälen gepflegt wird, obwohl es so sentimental wie witzig und dabei erstaunlich experimentierfreudig ist, widmen sich parallel Paolo Giacometti auf einem zeitgenössischen Pleyel-Flügel und Stefan Irmer auf einem Steinway. "Vorspeisen" und "Orden" sowie "Ein wenig von Allem" servieren beide auf ihrer achten und finalen Runde. Was der eine an Temperament hat, macht der andere mit Technik wett. Beide können sie freilich in Punkto Authentizität nicht mit dem konfusen Flavio Ponzi mithalten, der auf Rossinis eigenem, freilich ausgeleiert klingendem Pleyel eine Auswahl von Gustostücken zum Besten gibt. Manuel Brug