Musik: Wie klingt jüdisch? - WELT
Musik

Wie klingt jüdisch?

Von Jacques Schuster
Veröffentlicht am 10.08.2007Lesedauer: 2 Minuten

Gewöhnlich leidet das deutsche Feuilleton nicht an Ausdrucksanämie. Es ist die sprudelnde Beredsamkeit, das verbale Funkenschlagen, ein Sticheln, ein Parieren, ein Scherzen und - natürlich - das sorgsam gesuchte Wort, welches das Feuilleton adelt. Merkwürdig ist daher die maulfaule Einsilbigkeit, mit der die Kulturressorts Adolf Hitlers Plattenkiste beschreiben, die nun in Moskau wiedergefunden wu

Hitler habe jüdische Musik geliebt, hört man seither verwundert. Und in der Tat lässt sich über den für Nationalsozialisten seltsam guten Geschmack jener Person in der Reichskanzlei staunen, die Deutschland und die Welt zwölf Jahre lang ganz geschmacklos in Atem gehalten hat. Doch was - bitte schön - ist "jüdische Musik"? Man kann sich "den Führer" beim Lauschen synagogaler Klänge kaum vorstellen; und auch einen "Hora" tanzenden Adolf, umringt von seiner Leibstandarte, gehört ins Reich der Illusionen.

Kollegen führen als Beleg die Aufnahmen von Tschaikowskys Violinkonzert durch den jüdischen Geiger Bronislaw Huberman an. Doch selbst Hubermanns Spiel kann den russischen Komponisten nicht in einen Juden verwandeln. Wohlmeinende Zeitgenossen werden nun Mendelssohn-Bartholdy nennen. Von dessen Werken ist in Hitlers Truhe allerdings nichts bekannt. Sollten sie noch entdeckt werden, so muss der Autor dieser Zeilen einwenden: Mendelssohn hat sich taufen lassen. Doch auch wenn er mosaisch geblieben wäre: Was wäre jüdisch an seiner Musik? Vielleicht das Paulus-Oratorium?

"Nach meiner Überzeugung hat Kunst weder mit Politik noch mit Abstammung etwas zu tun", erklärte Max Liebermann nach seinem erzwungenen Austritt aus der Akademie der Künste. Kein normaler Geist würde diesem Satz widersprechen. Dennoch taucht das Adjektiv "jüdisch" immer wieder auf. Es hat sich eingegraben in die Köpfe und haust dort seit über sechzig Jahren, jenes Beiwort, das von angeblicher Fremde, zumindest aber von vermeintlicher Eigenart erzählt. Seit die Nazis es aufbrachten, hört man es allenthalben, damals in Hetzattacken, heute in öligen Gedächtnisreden oder eben gedankenarm dahingeworfen. Gustav Mahler oder Bruno Walter, Fritz Haber oder Max Reinhardt - wie auch immer sie heißen mögen, allen wird Mosaisches angeheftet, auch wenn man "jüdische Wesenszüge" in ihren Werken nur mit Hilfe von Gedankenakrobatik finden wird.


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