Insider berichten in einem Dokumentarfilm über die Fehler des amerikanischen Irak-Feldzuges: Die "Viererbande" wusste alles besser - WELT
Insider berichten in einem Dokumentarfilm über die Fehler des amerikanischen Irak-Feldzuges

Die "Viererbande" wusste alles besser

Von Bernd Volkert
Veröffentlicht am 10.08.2007Lesedauer: 4 Minuten

Ein Doktor der Politikwissenschaft, Ex-Softwareunternehmer und vielfacher Millionär kommt mit 50 Jahren auf die Idee, seinen ersten Film zu machen, eine selbst finanzierte Dokumentation des Irakkriegs - das klingt nach einem Projekt, von dem man Charles Ferguson, so heißt der Mann, dringend hätte abraten sollen. In der Tat haben dies auch zahlreiche Leute getan. Ohne Erfolg.

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Zumindest für Ferguson zum Glück: Schon im Januar wurde "No End in Sight" auf dem Sundance Film Festival gezeigt, wo er prompt den Spezialpreis der Jury erhielt; seit Ende Juli läuft der Film nun in den amerikanischen Kinos, anfangs nur in Washington und New York, nach und nach aber in immer mehr Städten quer über die USA.

Die Kritik ist voller Anerkennung bis überschwänglich. Eine kleine, aber durchaus repräsentative Auswahl: "Ohne Frage der wichtigste Film des Jahres" (Time); "eine vernichtende Kritik des Vorgehens der Regierung Bush im Irak" (New York Times); "der fesselndste und dabei am wenigsten parteiische von allen Dokumentarfilmen über den Irakkrieg" (Daily News).

Der Erfolg des Films in einer Zeit - auch medialer - Kriegsmüdigkeit in den USA liegt vielleicht schon daran, dass Ferguson einen Fehler nicht begangen hat, den er der Kriegspolitik der USA in seiner Dokumentation beinahe mantraartig vorhält: Er hat als Regieanfänger nicht allein auf sein Urteil vertraut, sondern gezielt erfahrene Experten in das Projekt aufgenommen.

"No End in Sight" lässt in der Hauptsache solche Experten zu Wort kommen, die am Krieg und der Besetzung des Landes beteiligt waren, aber mit zunehmender Frustration feststellten, dass ihre Vorschläge nicht zur Kenntnis genommen wurden. Stattdessen habe eine für Beratung unzugängliche (und für den Film nicht zu gewinnende) "Viererbande", bestehend aus Rumsfeld, Wolfowitz, Bush und Paul Bremer, erster US-Statthalter in Bagdad, immer wieder aufs Neue mit fatalen Entscheidungen ihnen die Arbeit schwer bis unmöglich gemacht.

Die Interviewten sind nicht irgendjemand. Immerhin vom Rang eines Jay Garner, bis Mai 2003 für die Organisierung der Besetzung zuständig, Barbara Bodin, damals Botschafterin in Bagdad, oder Richard Armitage, stellvertretender Außenminister unter Colin Powell, berichten von Fehlern, Versäumnissen und Versagen. Sie beschreiben die eklatant defizitäre Ausrüstung der Besatzungsbehörde, die über Wochen hinweg kein Internet und kaum Telefone besaß und über gerade mal fünf arabische Übersetzer verfügte; oder den Mangel an Willen und Soldaten, die Plünderungen nach Kriegsende und die massenhafte Aneignung von Waffen aus den Depots des Regimes von Saddam Hussein zu unterbinden; oder den verzweifelten Versuch, Bremer die Auflösung der irakischen Armee auszureden, die mehrere hunderttausend Leute über Nacht außer Lohn und Brot setzte - im Film oft als die größte einzelne Ursache für den Aufstand genannt.

Eine Anhäufung von Inkompetenz, Arroganz und Naivität hat zu der katastrophalen Lage geführt: Dies ist in etwa Geschichte und Botschaft des Films, die er chronologisch in fünf Kapiteln entwickelt. Er tut dies mit einer Ernsthaftigkeit und einem Stil objektiver Analyse, die ihn zum Beispiel von Michael-Moore-Filmen stark abheben. Auch wenn Ferguson im Kern gar nicht so weit von Moores Botschaft entfernt ist - eine kleine Gruppe von Politikern, strotzend vor Unfähigkeit, führt die USA in einen heillosen Krieg, der noch dazu ein Land in blutiges Chaos stürzt -, so hat er doch durch fast völligen Verzicht auf subjektiven Kommentar oder Denunziation eine weit stärkere Überzeugungskraft, auch im Hinblick auf politisch relevante Kreise.

Dort fügt er sich durch seine Beschränkung auf die Zeit seit Beginn der Besatzung und den Verzicht auf ein Urteil, ob der Krieg selbst gut oder schlecht gewesen sei, in eine eben anhebende erste Historisierung des Geschehens ein, die eine Phase I voller Mängel abschließen soll. So hat auch und gerade Dick Cheney fast gleichzeitig mit dem Filmstart für die frühe Phase der Besetzung erstmals Fehler eingeräumt - zum Beispiel die Einsetzung der Coalition Provisional Authority mit ihrem Chef Paul Bremer.

In der vor diesem Hintergrund anschwellenden Debatte um die künftige Irak-Politik kann der Film auf allen Seiten Verwendung finden, da er zum einen keinesfalls ein leicht als Propaganda abzutuender "Anti-Kriegs-Film" ist und zum anderen auf jeden konkreten Vorschlag, wie der Schlamassel zu beheben sei, verzichtet. Eher ist er - damit Fergusons Ausbildung als Politologe getreu - als bescheidene Politikberatung zu verstehen: "Der Film zeigt euch, wie man es auf gar keinen Fall macht. Also: Erledigt den Job, der jetzt ansteht, besser."


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