Überlebenskampf einer Gemeinschaft
Die Jesiden (Eigenbezeichnung: Ezidi) verstehen sich als ein eigenständiges Volk innerhalb der kurdischen Gemeinschaft mit einer eigenen Religion und haben dementsprechend ein geistiges und ein weltliches Oberhaupt. Die meisten Jesiden sind Kurden. Ihre Muttersprache ist das nordkurdische Kurmandschi. Sie siedeln im traditionellen Kurdengebiet: im Nordirak und in der Osttürkei, weniger in Syrien u
Die Anfänge des Jesidentums liegen im Dunkel. Viele Jesiden verstehen sich als Träger einer dreitausendjährigen Kultur und Anhänger einer der ältesten Religionen der Menschheit. Das Jesidentum hat sich erst allmählich zu einem Eingott-Glauben entwickelt, wobei Relikte früherer Vorstellungen erhalten geblieben sind. In einer seiner Mythen heißt es, nach der Schöpfung der Welt habe sich Gott von ihr zurückgezogen; er verweile im Himmel, während er das weitere Geschehen den Engeln überlassen habe, wobei der Hierarchie-Oberste, Ta'usi Melek, der "Engel Pfau", zum "Herrn der Welt" wird. Ursprünglich mag er identisch mit dem Sonnengott des vorderorientalischen Mithras-Kultes, möglicherweise zoroastrischer Prägung gewesen sein, was den bis zum heutigen Tage erhaltenen Kultus der Sonnenanbetung erklären würde. Mamo Othman, ein bedeutender jesidischer Gelehrter und Religionswissenschaftler, bezeichnet den Engel Pfau "als einen absoluten Gott, der Gegensätze, Gut und Böse, in sich vereint". Das personifizierte Böse existiert für Gläubige nicht; schon das Wort "Satan" auszusprechen könnte die Allmacht Gottes in Frage stellen und ist deshalb nicht gestattet.
Jesiden glauben an die Wiedergeburt. Christentum, Gnosis oder auch die Mandäer haben diese Religion beeinflusst, und der muslimische Mystiker Scheich Adi ibn Musafir (gestorben 1162/3) gilt als Reformator und manchem sogar als Begründer des Jesidentums. Aber er ist unter Jesiden durchaus umstritten. Erst seit damals werde der "Engel Pfau" umgedeutet als "gefallener Engel". Das Grabmal Scheich Adis wird in Lalisch nahe der kurdischen Erdöl-Stadt Mossul im Nord-Irak verehrt. In diesem Zentralheiligtum mit weiteren Heiligengräbern befinden sich sieben aus Metall gefertigte vogelähnliche Pfauen-Statuen. Sie werden einmal im Jahr in die Hauptsiedlungsgebiete entsandt, um dort heilkräftig zu wirken; gleichzeitig zieht man die nur für die Geistlichen-Kaste bestimmten Abgaben ein.
Die Jesiden halten sich für das auserwählte Volk; sie heiraten nur untereinander und missionieren nicht.
Schriftliche religiöse Dokumente gibt es kaum. Die Authentizität der beiden schmalbrüstigen Schriften, "Buch der Offenbarung (Kiteba Celwa)" und "Schwarze Schrift (Meshefa Resh)" wird bezweifelt. Die Geistlichen haben ihre Kenntnisse der Laien-Kaste gegenüber kaum preisgegeben. Entsprechend wenig wissen wir über ihre Religion. Kleidervorschriften besagen, dass man Weißes unter der Bekleidung zu tragen hat, blaue Farben jedoch immer meidet. Jedem Gläubigen wird ein "Jenseits-Bruder" bzw. eine "Jenseits-Schwester" zugesellt, eine Art religiös zusammengefügter verbindlicher "Patenschaft für Erwachsene".
Aus Angst vor einer Zwangsislamisierung ihrer Kinder lehnen ältere Jesiden den Besuch öffentlicher Schulen ab. Jedoch ihr weltliches Oberhaupt, der vom Religiösen Rat bestimmte Mir Tahsin Said Beg, setzt sich erfolgreich für Bildung - auch der Frauen - als einzige Überlebenschance des vom Untergang bedrohten Jesidentums ein. Er lehnt Zwangsheirat grundsätzlich ab. Gerade die Diaspora-Situation erfordert und ermöglicht nicht nur die Erforschung der eigenen Religion, sondern auch die Öffnung nach außen.
Die Autorin ist Religionswissenschaftlerin an der Philipps-Universität Marburg.