Charlotte Salomon in Berlin - WELT

Charlotte Salomon in Berlin

Von Gabriela Walde
Veröffentlicht am 18.08.2007Lesedauer: 3 Minuten

Ihre Tante nahm sich das Leben. Ihre Mutter sprang aus dem Fenster. Ihre Großmutter geht aus Verzweiflung in den Tod, als die deutschen Truppen 1940 in Frankreich einmarschieren, wo sie sich im Exil befindet. Erst jetzt entdeckt die 23jährige Charlotte Salomon die Lebenslüge, die ihre Biografie melancholisch durchzieht. Die Mutter sei an Grippe gestorben, hatte ihr der Vater, ein Berliner Arzt, ge

Doch Charlotte kämpft gegen ihren eigenen Untergang, gegen diese schwarze, alles verschlingende Welt. "Lieber Gott, lass mich bloß nicht wahnsinnig werden!" fleht sie. So entsteht in einem furiosen Akt der Selbstentäußerung ihr Zyklus "Leben? Oder Theater?", den sie als "Singspiel" bezeichnet. Teile davon sind derzeit im Jüdischen Museum In Berlin zu sehen, eine Kooperation mit dem Joods Historisch Museum Amsterdam. Seit 1971 befindet sich das Konvolut, ein bedeutendes Zeugnis jüdischen Lebens, in diesem Haus. Doch dieses einnehmende Werk als "Holocaust"-Kunst zu bezeichnen, träfe nicht den Kern. Es entstand vor der Deportation in das KZ Auschwitz.

Zwei Jahre malt Charlotte Salomon wie manisch, zurückgezogen in einem kleinen Hotel namens "Belle Aurore" an der französischen Küste, wohin sie 1939 emigriert war. 1325 Blätter werden es am Ende sein, suggestiv im Erzählstrom, expressiv in der Bildkraft, lodernd die wilden Striche, die Perspektiven sind gekippt. Texte sind farbig hinzugefügt, erinnern an Comics, äußerst modern im Bildvokabular. "Etwas ganz Verrückt-Besonderes" sei das, schreibt sie auf einem der letzten Blätter - und diese Einschätzung ist nicht übertrieben. Die Handlung des Bilderbogens, Biografie und Fiktion vermischen sich beinahe undurchdringlich. Wunderbar leichte Momente entstehen, wie die Künstlerdiskussion über die Liebe und das Leben in Gestalt seltsam schwebender Körper, die aussehen wie Fische im Wasser.

Einem Theaterstück gleich gliedert sich der ungestüme Bildertraum in ein Vor- und Hauptspiel samt Epilog. Die Personen mit ihren Phantasienamen sind Mitglieder ihrer Familie. Sie zeigt ihren Vater "Albert Kann", der die verführerische "Paulinka Bimbam" nach dem Tod seiner Frau heiratet. Im Vorspiel sind ihre Berliner Jahre bis 1937 zu sehen. Es beginnt mit dem Selbstmord der Tante, führt über die Hochzeit ihrer Eltern in die Wohnung in der Charlottenburger Wielandstraße 15. 1926 stirbt ihre Mutter. Vier Jahre später heiratet ihr Vater die exzentrische Sängerin Paula Lindberg. Der Hauptteil verhandelt Charlottes schwärmende Liebe zum Gesangspädagogen Daberlohn, der zurückgeht auf Alfred Wolfsohn, der sie sehr geprägt hat. Es gibt auch bildnerische Kommentare zur Machtergreifung Hitlers. Es ist sonderbar, wie präzise diese junge Frau, die Bedrohung auf den Punkt bringt. Die blutigrote Nazifahne weht quer übers ganze Bild, die Hitler-Schergen sind als gesichtslose Masse erkennbar.

1943 zieht sich die Schlinge zu. Südfrankreich wird besetzt. Charlotte lässt ihre Blätter bei einem Freund zurück mit dem Hinweis "Das ist mein ganzes Leben!". Im Oktober des Jahres wird Charlotte nach Auschwitz deportiert, sie ist im fünften Monat schwanger und 26 Jahre alt, als sie ermordet wird. Ihre Blätter überleben.

Jüdisches Museum Berlin, bis 28. Oktober, Katalog: 24,90 Euro


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