Bedingt kompatibel
Von Michael Pilz
Zuwenig Zukunft war nicht das Problem des Jungpunks in der DDR um 1980. Jedem jungen Menschen drohte eine staatlich garantierte Zukunft. Wer sich davor fürchtete, behandelte das Haar mit Zuckerwasser und trug Opas Hochzeitssakko auf. Während die Oma dem verblüfften West-Berliner Plattenhändler die Bestellung vorlas, band der Enkel seine Stiefel und erschreckte auf der Straße jeden, der so lebte, wie der Staat es für ihn vorsah. Bis die DDR den Rüpel aus dem Plan warf.
Wie sechs Punks aus Leipzig und Berlin in ihrer eigenen Zukunft leben, also heute, wird in "Too much future" vorgeführt. Der Film zeigt Pioniere, keine kultivierten Spätpunks, die sogar die DDR zuletzt bevölkerten und denen ähnelten, die ihre Jugend irgendwo in Westdeutschland verschwendet hatten. In der DDR tauchten die Punks um 1979 auf. Vier Jahre später waren sie wieder verschwunden. Inhaftiert, beim Wehrdienst oder ausgereist. Die zweite Welle trieb die so genannten "Anderen Bands" durchs Land. Im Westen wurde Punk vermarktet, in der DDR verstaatlicht. Heute dient der Punk nicht nur als Retromode. Es sind Leute um die 40, die den Punk zum Kaffeesatz der Gegenwartskultur erklären und daraus sogar die blühende Zukunft eines neuen bürgerlichen Lebens lesen. Sollen sie.
Wenn dieser Film etwas grundsätzlich lehrt, dann, dass sechs Punks auch sechs verschiedene Biografien entwickeln durften. Dass die DDR ein Paradies für Subkulturen war. Vielleicht, dass jemand, der daraus vertrieben wurde, dazu neigt, die Ideale seiner Jugend ernster als sich selbst zu nehmen. Anfangs äußerte Mike Göde seinen Frust in Punkbands wie Betonromantik. Heute sieht man ihn als selbstständigen Bauarbeiter hoch zufrieden in sein Eigenheim am Stadtrand fahren, heim zu Frau und Hund. Gelegentlich brüllt Göde noch in einer Band. Ein herzensguter Hüne, der sein Stottern beim Gesang vergisst, ein Leben lebt, das er als frei empfindet und noch immer glaubwürdig verkündet: "Dit is Punk!"
Der Punk hat aber auch die Malerin Cornelia Schleime auf den überspannten Kunstmarkt vorbereitet. Schleime wollte "keine blöden Brigadiere malen", griff zum Mikrofon der Band Zwitschermaschine und ging 1984 in den Westen. Heute werden ihre Bilder heiß gehandelt. "Ick bin ja nur bedingt kompatibel", ruft sie fröhlich durch ihr Gartenatelier. Im Essener Opernhaus sagt Daniel Kaiser: "Jeder, der nicht kann, darf trotzdem." Das sei Punk gewesen. Kaiser hielt den Bass bei Planlos und verließ die DDR beizeiten, allerdings auf radikalere Weise, er zog nach Italien als Theatertechniker. Ein melancholischer und unablässig telefonierender Mann mit Augenrändern. Kaiser hat den Punk in Arbeitswut verwandelt.
Auf einem Gehöft bei Dresden steht Bernd Stracke, früher bei der Leipziger Gruppe Wutanfall. Er trägt gern Londsdale-Hemden, einen kahlen Kopf und schwärmt für Rugby. "Ich bin heute ein angepasster Freund der Demokratie", sagt Stracke. Ihm verdanken sie im Kernland junger Rechter die Initiative "Augen auf!" für mehr Zivilcourage gegen Rechts. Oder der Colonel: Er war immer da, wo Punk nicht nur als Happening der bunten Haare stattfand. Deshalb führte ihn sein Weg beizeiten in den Jugend-Werkhof, ins Gefängnis, schließlich in den Westen, wo er unter Rockern wegen der für Rocker üblichen Vergehen in Stammheim landete. Jetzt hütet er die Türen bei Berliner Großevents. Der Colonel grinst: "Ich bin Besitzdiener. Ich bin vom Angreifer zum Verteidiger geworden."
Eine enge, dunkle Wohnung in Berlin beherbergt Mita Schamal, die 1983 nach einem Konzert der Gruppe Namenlos, vom Schlagzeughocker weg verhaftet wurde. Statt im Westen allerdings fand sie sich einsam auf der Straße wieder. Depressiv und suchtgefährdet, ein misslungener Selbstmord, Therapien, Kunst, ein Kind. Man sieht eine verloren wirkende, geheimnisvolle Frau mit ihrer halbwüchsigen Tochter Rollschuh laufen, durch die Abrissgänge im Palast der Republik. Schamal ist Mutter. Es sind diese Leben, die von Carsten Fiebeler gegen Fahnenmeere oder Super-8-Filme der Rebellion geschnitten werden. Wie bei Guido Knopp geben die Zeitzeugen der Kamera Auskunft, manchmal wird etwas in Bild und Ton verfremdet, um den Punk zu illustrieren.
Die dem Film zugrunde liegende Berliner Ausstellung zieht derzeit über Leipzig nach Amerika. Es stehen Bücher und CDs ins Haus. Was hatten DDR-Punks, was die Punks in Düsseldorf nicht hatten? Einen strengeren Staat und kleinere Bürger, eine selbstgerechte, bärtige Systemkritik und ein bedächtiges Hippietum. Der Pop-Aufstand wurde von selbst politisch. Es gab weniger Ideologie und mehr Gewalt. Wer Punk war, strebte nicht nach nobler Distinktion, er grenzte aus. Der Leipziger Bernd Stracke ruft noch heute allen Helden zu, die 1989 auf die Straßen strömten: "Wo wart ihr denn vorher?"