Unglaublich genau: "Jahreszeiten" von Nuri Bilge Ceylan: Wie eine Liebe zerfällt - WELT
Unglaublich genau: "Jahreszeiten" von Nuri Bilge Ceylan

Wie eine Liebe zerfällt

Von Barbara Schweizerhof
Veröffentlicht am 27.09.2007Lesedauer: 3 Minuten

Von Barbara Schweizerhof

Am Anfang jeder Trennung steht der Zweifel. Der Film "Jahreszeiten" beginnt mit einer in dieser Hinsicht typischen Urlaubsszene. Ein Mann und eine Frau besichtigen eine Tempelruine aus der Antike. Während er interessiert den Sockel einer Säule fotografiert, blinzelt sie einige Meter davon entfernt in die Sonne. Dann schaut sie in seine Richtung und man sieht den aufsteigenden Zweifel in ihrem Gesicht - Zweifel darüber, ob diese antike Stätte wirklich der Ort ist, an dem sie sein will und Zweifel an der Beziehung zu diesem Mann, der seinerseits so unberührt von jedem Zweifel scheint.

Wer diese beiden sind, dass sie aus Istanbul kommen und hier in Kas Ferien machen, dass der Mann, Isa mit Namen, als Archäologe und seine Freundin Bahar als Ausstatterin beim Fernsehen arbeitet, all das erfährt der Zuschauer erst später; dass ihre Beziehung in einer Krise steckt, ist jedoch mit dieser Eröffnungsszene offenbart.

Nun haben Trennungen stets etwas Quälendes. Da "Jahreszeiten" ein Film über eine Trennung ist, mag so mancher versucht sein, ihn selbst als quälend zu empfinden. Was dazu führen würde, dass er kein Auge hätte für die unglaubliche Genauigkeit und atmosphärische Dichte, mit der der türkische Regisseur Nuri Bilge Ceylan hier den Zerfall einer Liebe inszeniert.

Wer diesen ersten Affekt der Abwehr überwindet, wird jedoch reichlich entlohnt. Ceylan ist ein Meister im Filmen von Alltäglichkeit. Im Unterschied zu vielen anderen Regisseuren der Gegenwart braucht er keine wackelnde Handkamera, um authentisch zu wirken. Da gibt es z.B. das Abendessen bei einem befreundeten Paar, das Ceylan in einer einzigen festen Einstellung zeigt. Bahar und Isa sitzen rauchend dem Gastgeber gegenüber, wobei sie sich sehr einsilbig gibt, während er die Konversation aufrechterhält. Oberflächlich gesehen passiert in dieser Szene gar nichts, unter der Oberfläche jedoch gerät ihre private Welt aus den Fugen. Mit jeder noch so kleinen Geste, mit jedem Kopfabwenden und geheimem Augenrollen vollzieht sich der Bruch ihrer Beziehung. Am Tag danach, sie verbringen den Tag am Strand, spricht Isa es aus: "Ich muss dir etwas sagen: Lass uns eine Zeit lang unsere eigenen Wege gehen."

Auch an dieser Szene lässt sich festmachen, warum Nuri Bilge Ceylan zu den wichtigsten türkischen Filmemachern seiner Generation zählt. Gerade noch sieht man, wie Isa mit den Augen seiner schönen Freundin folgt, die sich zum Schwimmen im Meer aufmacht. Scheinbar redet er die entscheidenden Sätze - "Ich muss dir etwas sagen" - nur vor sich hin, wie zum Versuch. Doch dann macht die Kamera eine kleine Bewegung von ihm weg und gibt den Blick frei auf Bahar, die doch noch neben ihm sitzt und bei diesen Worten sichtlich erstarrt. Dass man an der schönen Vorstellung der Geliebten noch hängt, während man ihr real die Liebe aufkündigt, selten hat man es so elegant in Szene gesetzt gesehen.

Gespielt wird das Paar vom Regisseur selbst und seiner Ehefrau, wie auch Ceylans leibhaftige Eltern als seine Eltern hier auftreten. Ohne deshalb dokumentarisch zu erscheinen, ermöglicht wohl diese Vertrautheit der Figuren untereinander, den kleinen Momenten der emotionalen Schäbigkeit den nötigen Raum zu lassen.


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