Lesung: Der Teufel theologisiert - WELT
Lesung

Der Teufel theologisiert

Von Hannes Stein
Veröffentlicht am 16.10.2007Lesedauer: 2 Minuten

Der Teufel wurde bereits erwartet. In der Eingangshalle des Buchladen in der Upper West Side in New York hatten sich, während es draußen junge Hunde regnete, eine Handvoll Demonstranten zusammengequetscht. Sie trugen orangefarbene Bänder um die Stirn und hielten Schilder hoch, auf denen stand: "Vertreibt das Bush-Regime!" Und: "Kein Krieg gegen den Iran!" Als der Teufel - mit bürgerlichem Namen Norman Podhoretz - dann endlich erschien, trug er einen properen blauen Anzug. Ein kleiner Herr mit Glatze, die von einem schlohweißen Haarkranz umrundet wurde; in der Hand hielt er eine abgewetzte Aktentasche, der er ein paar mit großen Buchstaben vollgedruckte Blätter entnahm. Wenn die "neocons", die berüchtigten Köpfe hinter dem "Krieg gegen den Terror", eine Mafia sind, dann ist Podhoretz ihr Pate. Neulich, heißt es, habe er eine geschlagene Dreiviertelstunde mit dem Präsidenten gesprochen und auf ihn eingeredet, lieber früher als später den Iran zu bombardieren.

Podhoretz spricht sehr ruhig. Die Sicherheitsstufe ist auf unauffällige Weise hoch: Mehrere Polizisten in den blauen Uniformen des NYPD sind im Raum, und in mindestens zwei Ecken lungern auffällig-unauffällig Zivilisten herum, die auch nicht ganz unprofessionell aussehen. Innerhalb von knapp 60 Minuten umreißt Podhoretz seine Position. Wir befinden uns in einer frühen Phase des Vierten Weltkriegs, der am 11. September 2001 begann. Der Irak und Afghanistan sind nur zwei Schauplätze dieses Krieges. Die arabische Welt müsse demokratisiert werden, wenn es nicht anders geht: mit Gewalt. "Entweder bringen wir ihnen die Freiheit oder sie zerstören uns", zitiert Podhoretz den Orientalisten Bernard Lewis. Die Geschichte wird George W. Bush als großen Präsidenten erweisen, so wie sie nachträglich Truman als großen Präsidenten erwiesen hat. Fragen?

Ein junger Mann möchte wissen, was Podhoretz mit der Verschwörung zu tun hat, die in Wahrheit hinter dem 11. September steckt. Ein anderer Mann erkundigt sich, ob Podhoretz ernsthaft dafür ist, Krieg gegen den Iran zu führen. Der hebt zu einer Erklärung an, dass weder Geld noch gute Worte das iranische Regime davon abhalten würden, die Atombombe zu bauen, da explodiert der Raum: Mörder! Kriegsverbrecher! Faschist! "Jetzt weiß ich, warum ich aus der Upper West Side weggezogen bin", sagt Podhoretz und bricht die nette kleine Diskussion ab. Schade, dass niemandem die Frage einfiel, warum die Demokratisierung des Nahen Ostens bisher am ehesten Parteien wie die "Hamas" begünstigt hat. Schließlich liebt der Teufel theologische Debatten.


Mehr aus dem Web

Neues aus der Redaktion

Auch interessant

Mehr zum Thema