"Bisweilen wird ,Schwanensee" zum Fluch" - WELT

"Bisweilen wird ,Schwanensee" zum Fluch"

Veröffentlicht am 16.10.2007Lesedauer: 3 Minuten

Der Petersburger Alexej Ratmansky (39), der in Kanada und Dänemark getanzt hat, steht seit 2004 dem Bolschoi Ballett in Moskau vor und hat es in dieser Zeit - auch mit eigenen Choreografien - erstaunlich neu positioniert. Nun gastiert die Truppe zum ersten Mal seit 30 Jahren in Berlin. Mit Ratmansky sprach Manuel Brug.

Das Bolschoi Ballett galt als krisengeschüttelt. Wie es Ihnen hier bisher ergangen?

Im Großen und Ganzen habe ich verwirklichen können, was ich wollte. Vielleicht auch deshalb, weil ich neu war, weil ich nie hier getanzt hatte. Aber ohne den Rückhalt der neuen Direktion wäre das nicht möglich gewesen. Doch eine Neupositionierung war einfach überfällig.

War der schon ein Jahr vorher choreografierte "Helle Bach" von Schostakowitsch, den Sie jetzt erstmals in Deutschland zeigen werden, dafür die Visitenkarte?

Die Verantwortlichen fanden wohl, dass ich meine Hausaufgabe gut gemacht hatte. Aber ganz so einfach ist es dann doch nicht. Wobei ich schon versucht habe, mit dieser Choreografie die Stärken der Truppe zu betonen.

Die da wären?

Das Kirov Ballett, das ich ja aus eigener Anschauung als Tänzer kenne, ist lyrischer, eleganter, manchmal aber auch ein wenig schwachbrüstig im Ausdruck. Die Tänzer des Bolschoi lieben hingegen die Komödie, das Drama, sie malen gern mit kräftigem Pinsel. Unser Signaturstück ist nicht umsonst der operettige, bunte, ganz und gar diesseitige "Don Quichotte", wobei auch hier die jüngste Produktion die vielen Nebenrollen ernst nimmt. Auch die drücken sich immer im Tanz aus, sind nicht nur zum Grimassieren auf der Bühne.

Wie kommt Ihr Kurs an?

Sehen Sie sich unsere Tänzer an, sie sind stilistisch viel flexibler als früher, haben dank Choreografen wie William Forsythe oder Christopher Wheeldon gelernt, mehr aus sich herauszugehen, auf andere Techniken und Figuren zu vertrauen. Die meisten brennen danach, solche Stücke zu tanzen, gleichzeitig wollen aber auch alle weiterhin Odile oder Giselle, Siegfried und Albrecht sein. Und es wollen auch kaum noch welche weg. Die Balance beginnt sich einzupendeln. Doch wie müssen noch mehr Moderne machen, müssen viel nachholen - ohne unsere Identität zu verlieren.

Und das Publikum?

Auch das befindet sich in einem Lernprozess. Es muss sich viel Neues erschließen. Doch wir können nicht immer bei "Schwanensee" stehen bleiben. Das wird bisweilen sogar zum Fluch. Wir sind kein Museum, sondern ein lebender Organismus mit Künstlern des 21. Jahrhunderts. Ich will die Vergangenheit bewahren, deshalb auch eine so aufwendige Petitpa-Rekonstruktion wie eben "Corsaire" oder eine Nachschöpfung wie "La Fille du Pharaon". Aber ich will auch das Heute. Doch für die Tänzer wie für das Publikum waren selbst die beiden Schostakowitsch-Werke "Der helle Bach" oder "Der Bolzen" Neuland, schließlich waren diese Stücke seit ihrer Uraufführung in den Zwanzigerjahren nicht mehr in Moskau gespielt worden.

Wie hält man 220 Tänzer bei Laune?

Mit soviel Freiheit wie möglich und soviel Peitsche wie nötig. Aber glauben Sie mir, es ist nicht einfach. Manchmal wünsche ich mir die kleine, überschaubare Truppe des Royal Danish Ballet zurück. Aber nur für einen Moment. Mein Platz ist Moskau, heißt Bolschoi Ballett und ich bin sehr stolz, in dieser quicklebendigen, aber sorgfältiger Pflege bedürfenden Tradition zu stehen.

Wo werden Sie selbst in nächster Zeit außerhalb des Bolschoi anzutreffen sein?

Ich werde in Amsterdam und in New York arbeiten. Und ich bin mit einer Neufassung des Sowjet-Klassikers "Die Flamme von Paris" von Assafjev beschäftigt. Das ist für mich nach den beiden Schostakowitsch-Arbeiten ein logischer Weg.


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