"Hoffmanns Erzählungen" als Dirty Dancing
Oper funktioniert eigentlich ganz einfach: Man nehme den besten Sopran, Tenor und Bariton, den der Sängermarkt und das Budget so hergibt, und lasse die drei in dekorativem Ambiente aufeinander los. In Hamburg war die Wirkung dieses Rezepts in der Neuproduktion von "Hoffmanns Erzählungen" zu überprüfen. Zur Spielzeiteröffnung an der Elbe setzt Intendantin Simone Young also auf Sänger- statt Regietheater und damit auch ein Zeichen. Denn zu ihrer Vorgänger Langevoort und Metzmachers Zeiten pilgerte man noch an die Staatsoper, um Konwitschnys radikale und meist grandiose Lesarten der Klassiker zu bestaunen, Abstriche im Besetzungsniveau waren da mitunter in Kauf zu nehmen.
Nun können die Hanseaten in ihr Opernhaus strömen, um einem jungen Strahletenor und einer nicht minder blendenden Sopranistin zu lauschen. Giuseppe Filianoti mischt seinem leicht ansprechenden Tenor den Bronzeton Domingos und die passionierte Attacke Shicoffs bei. Wohl ist seine Stimme kleiner als die der großen Rollenvorgänger, an purer Schönheit und gestalterischem Geschmack steht er ihnen in nichts nach. Nicht minder weltklassig gestaltet Elena Mosuc alle vier Frauengestalten der Oper, was die Beherrschung von gleich drei Stimmfächern voraussetzt: Von Haus aus ist die rumänische Nachtigall ja die perfekte Puppe der Koloraturen spuckenden Olympia. In Hamburg schenkt sie aber auch der schwindsüchtig leidenden Antonia viel lyrische Emphase und der venezianischen Kurtisane Giulietta dramatische Kraft. Kyle Ketelsen ist der dritte im Bunde. Der junge Amerikaner nimmt mit angenehm warm timbriertem und beweglichem Bass-Bariton für sich ein, in seiner stimmlichen wie darstellerischen Wohlerzogenheit bleibt er den vier Bösewichtern Offenbachs in puncto mephistophelischer Nachtschwärze einiges schuldig.
Die fehlenden Stimmfarben des freundlichen Fieslings ersetzte Christine Mielitz durch viel Steuergeld kostende optische Opulenz. Mit Hartmut Schörghofer (Bühne) und Renate Schmitzer (Kostüme) veranstaltet sie eine veritable Ausstattungsschlacht. Das material girl Olympia lässt sie als blondperückte Marilyn Monroe posieren, die ein schrulliger Physikprofessor Einstein ersonnen und dessen Assistent Michael Jackson programmiert hat. Letzterer bläst ihr reichlich Gas in den Busen. Und der durchgeknallte Dichter Hoffmann verwechselt die schwellende Oberweite mit wachsendem Gefühl. Der Damenchor tänzelt dazu neonpinkgrell kussmaulkostümiert. Klamottige Kunstgriffe, die schnelle Lacher provozieren.
Zugegeben: Auch ein Konwitschny bedient sich solcher Mittel, jedoch nur, um hernach die tragische Fallhöhe seiner zutiefst ernst genommenen Personnage zu verdeutlichen. Stattdessen nun: Dirty Dancing an der Dammtorstraße, verschönt durch sauberen Gesang, kaum beflügelt durch erdenschwere Philharmoniker unter Emmanuel Plasson. Ein ästhetischer Paradigmenwechsel? Altmeister Götz Friedrich unterschied einst: In der Oper werde gesungen, im Musiktheater zudem der Frage nachgespürt, warum gesungen werde. In Hamburg lebt die Oper.