Ist zufällig ein Tenor im Saal? - WELT

Ist zufällig ein Tenor im Saal?

Von Manuel Brug
Veröffentlicht am 16.10.2007Lesedauer: 4 Minuten

Umbesetzung auf offener Bühne: Mit den "Meistersingern" startet Dirigent Fabio Luisi an Dresdens Semperoper

Ein Opernhaus ist für gewöhnlich schon froh, wenn es einen Walter von Stolzing für Wagners "Meistersinger aufbieten kann. Bei der jüngsten Premiere in Dresden waren es sogar drei. Eigentlich sollte den fränkischen Ritter, der sich Pogners Eva per Meistersang erobern, aber dann doch kein Meister sein will, Endrik Wottrich singen. Doch der, vielfach geschmäht in Bayreuth und auch selbst sich nicht mit frechen Repliken zurückhaltend, hat kurzfristig alle seine Engagements in Deutschland aufgelöst, weil er sich "wie Abschaum" behandelt fühlt. Und ist jetzt stolz darauf, dass er für Jonas Kaufmann, der kein deutsches Fach mehr singen mag, in Claudio Abbados "Fidelio" einsteigen darf. Aber dennoch sitzt er mit Lebensgefährtin Katharina Wagner nun in der Semperoper, um sich seinen Ersatz, Robert Dean Smith, anzuhören.

Der wiederum hatte sich im Juni im gemeinsamen Einvernehmen von Katharina Wagners Bayreuther "Meistersinger" verabschiedet - war aber kurz darauf für den maladen Wottrich dort als Siegmund eingesprungen. Und verlor jetzt in der zweiten Strophe seines frisch ausprobierten Preisliedes in der Schusterstube des dritten Aktes plötzlich die Stimme. Kein Glas Wasser konnte da mehr was retten. Dieser Ritter hatte versungen und vertan. Hatte aber freilich zum Glück auch szenisch gerade einen Abgang.

Nicht dass Herr Wottrich jetzt als Retter in der Tenornot gefragt gewesen wäre. Denn da Dean Smith nicht alle Vorstellungen singen kann, saß wiederum dessen Ersatz, Raymond Very, im Saal - und erschien kommentarlos im Schlussszenen-Kostüm des Stolzing zu dessen dritter, mit naturgemäß frischer Stimme intonierter Strophe auf der Bühne - und tat so als sei nichts gewesen.

Das waren aber schon die aufregendsten Minuten dieser neuen Dresdner "Meistersinger", die die von Wolfgang Wagner (1985) ersetzen. Bemerkenswert war zudem das vorzügliche Beckmesser-Debüt von Bo Skovhus, der einen verzappelten, aber nicht unsympathischen, stimmlich ungemein beweglichen, leichtgewichtigen, aber pointierten Stadtschreiber gab, der am Schluss mit blutigem Hemd vor dem Vorhang wegschleicht. Eva und Walter, die von der Festwiese fliehen wollen, werden aber von dem pauschal durch Berufskleidung typisierten Volk davon abgehalten, und traten ebenfalls aus der Handlung und vor die Samtgardine. Beckmesser hatte bereits vorher - in der Prügelfuge als seltsamem Sommernachtstraum - in Gesellschaft einer barbrüstigen Häsin und Sachs unter einem Stierkopf, angetan mit einem Eselshaupt, seine Kastration durch den Wölfling David überstehen müssen.

Da wollte dann Claus Guth ein wenig und sehr unvermittelt provozieren, nachdem er vorher (und leider auch später) nur langweilte. Dabei wäre der Vergleich interessant gewesen, wie nach Katharina Wagners wildwuchernder "Meistersinger"-Fantasie nun an ebenfalls geschichtsträchtigem Wagnerort ein 14 Jahre älterer, ebenfalls schon Bayreuth-erprobter Regieprofi mit dem Opernstoff umgegangen wäre. So fällt er allzu leicht zu Wagners Gunsten aus, denn Katharina Wagner hatte, auch wenn es noch an Handwerk fehlt, Ideen und Ausblicke, schärfte Figuren. Sie bog sie um und hatte eine Absicht. Bei Guth und seinem Ausstatter Christian Schmidt sieht es nur nach Schema-F-Abarbeitung aus ihrem bewährten Musterkoffer aus; man meint förmlich zu sehen, wie mühsam sich hier die dicke Partitur bläht und immer noch nicht zu Ende ist.

Ein gebrochen weißer, ziemlich kahler Einheitsraum als Mischung aus altfränkischer Vereinsstube, Schulklasse und Kinderzimmer mit monströsen Möbeln dient als fader Schauplatz. Zählt der höhenschwache David (Oliver Ringelhahn) die diversen Meistersingweisen auf, gibt es ein paar Computerspielereien auf einer Leinwand, die das Regal mit den zwölf Fachwerkhäuschen als Nürnberg-Symbol ersetzt. Im zweiten Akt wird der Raum auf den Kopf gestellt, im dritten ist alles wieder im Lot. Als Fliederbusch ragt eine riesige Blütendolde durch die Butzenscheibe, hinter ihr leuchten in der Schusterstube die Sternlein.

In der Festwiese sitzen alle ebenfalls auf kleinen Häusern und Sachs' Schlussansprache, die der müde, gleichförmige Alan Titus nur noch säuselt, gibt es ebenfalls auf der Videoleinwand. Ein wenig Spießer-Schelte, ein bisschen umständliche Kleinstädterei und Johannesnacht-Ringelpietz, mehr ist Claus Guth für die sechs Stunden nicht eingefallen. So muss man sich dann schließlich ganz an die Musik halten.

Die wird von Fabio Luisi in seiner ersten Premiere als neuer Generalmusikdirektor zwar geläufig aber zu laut klangverwaltet. Die Staatskapelle freilich spielt wunderbar. Die ebenfalls angekränkelte Camilla Nylund war eine brave Eva, Christa Mayer eine nicht zu überhörende Magdalene, so wie auch Hans-Peter König den Pogner als Basskleiderschrank orgelte und Ulrich Paetzholdts exakt tonschöne Chöre wenigstens für vokale Restspannung sorgten.


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