Das Leid der frühen Jahre
Nachkriegstragödie als Fernsehrührstück: In "Suchkind 312" folgt Christine Neubauer wieder einmal ihrem Herzen
Wenn das Kind ins Bett gebracht, der Rock glatt gestrichen und der Lippenstift nachgezogen ist, dann darf es sich die deutsche Hausfrau abends auch einmal auf der Couch gemütlich machen, dann darf sie auch mal in einer Zeitschrift blättern. Und was müsste ihr da nicht alles begegnen: Bilder von ebenso glücklichen, ebenso adrett gekleideten Hausfrauen in ebenso tadellosen Haushalten, mit demselben Glück, demselben Lächeln auf den Lippen.
Die Fernsehverfilmung von "Suchkind 312" sieht sich auf weite Strecken so an wie ein Werbeprospekt aus den "Fuffziger Jahren", in denen er spielt. Und wirklich wird nicht nur in solchen Magazinen geblättert, die Story selbst ist ja einer Illustrierten entnommen. Eduard Rhein, Gründungschefredakteur der "Hörzu", hatte einst die Suchkinder-Aktion in seinem Blatt gestartet und später, unter dem Pseudonym Hans-Ulrich Horster, den Fortsetzungsroman "Suchkind 312" verfasst.
Und hier, bei der Anzeige eben jenes Suchkindes, stockt die gute Hausfrau Ursula Gothe (Christine Neubauer), gefriert ihr das Magazin in den Händen. Sie erkennt in der kleinen Johanna nicht nur ihre eigene Tochter, das ganze Leid der letzten Jahre legt sich wie ein Schatten über ihr jetziges Glück: Die Tochter auf der Flucht verloren, deren Vater in Stalingrad gefallen, sie selbst dem Selbstmord nah, hat sie der aufstrebende Ingenieur Dr. Gothe (Oliver Stritzel) geehelicht und ihr ein neues Heim geschenkt, mit Traumhaus, Haushaltshilfe und einem gemeinsamen Sohn.
Noch steht das kleine Mädchen einsam hinter dem Zaun des Waisenhauses und schaut sehnsüchtig auf die Züge, die nebenan vorbei rattern. Ein doppeltes Symbol: Die vermeintliche Waise steht buchstäblich auf dem Abstellgleis, das Leben zieht an ihr vorbei; einst aber hat sie die Mutter eben auf einer Zugfahrt verloren.
Plötzlich aber stehen ganz viele vor dem Maschendrahtzaun und schauen sehnsüchtig auf die kleine Johanna. Die echte Mutter, die sich nicht traut, ihrem strengen Gatten ihre Vorgeschichte zu beichten. Eine falsche Mutter, die auch ein Kind im Krieg verloren hat und endlich eins haben will: ein hübsches Mädel fehlt noch in ihrem gutbürgerlichen Puppenhaus voller Tafelsilber und Biedermeierbarock. Und da steht dann plötzlich noch ein Mann, ein Spätheimkehrer aus Russland, von wegen tot: der Vater des Kindes. Und der steht alsbald auch auf der Schwelle der Villa Gothe.
Eine Frau zwischen zwei Männern - natürlich, das scheint ja der Grundbaustein aller derzeitigen, historisch aufbereiteten Stoffe im deutschen Fernsehen zu sein. Ohne sie scheint kein Senderredakteur sein Okay zu geben. Und wie kürzlich bei der "Frau vom Checkpoint Charlie" scheint es schon auszureichen, einen Star als Zugpferd vor den Karren zu spannen, um das ganze voranzutreiben. In diesem Fall handelt es sich um Christine Neubauer, die nicht ganz unschuldig daran ist, dass die Bezeichnung "Vollweib" für ewig an ihr haften wird, auch wenn sie längst, der Ferres ähnlich, weniger barocke Maße hat. Nach der "Frau des Heimkehrers" und der "Erntehelferin" spielt sie wieder eine auf sie zugeschnittene Frauenfigur in einem Nachkriegsmelodram, eine Gabi Mustermann der Fünfziger.
Und wieder, wie schon so oft, wird ihr Timothy Peach (hier als Kriegsheimkehrer) an die Seite gestellt, wie schon in "Die Frau des Heimkehrers", wie in "Folge deinem Herzen", "Im Tal des Schweigens" und einigen "Landärztin"-Folgen. Die beiden frotzeln schon selbst, warum sie immer zusammen besetzt werden. Und da sie auch immer wieder für Peter Sämann oder, in diesem Falle, für Gabi Kubach vor der Kamera stehen, haben wir es hier irgendwie mit einer kleinen Fernseh-Inzucht zu tun.
Kubach, Jahrgang 44, ist wie Sämann, Jahrgang 47, in eben jenem Adenauer-Deutschland aufgewachsen, das sie jetzt öffentlich-rechtlich wiederauferstehen lassen. Sie sollten wissen, wovon sie erzählen: von all dem Verdrängten, den Abgründen hinter der tadellosen Fassade. Und doch wird bei "Suchkind 312" das Hochglanzmagazinige nie gebrochen, wird das Drama nur zur Edelkitsch-Schmonzette versüßt - mit einem allerdings (nicht ganz unverständlich) konsternierten Ehegatten. Der stellt irgendwann das Ultimatum: Er oder ich, und meint damit auch: deine Tochter oder dein Sohn. Wer jetzt etwas von der Nachkriegszeit, von den Aufbausehnsüchten und der Wirtschaftswunderrepublik erzählen will, müsste eigentlich mit einem grausam tragischen Finale schließen, in dem die Biederfrau ihren gerade erst gewonnenen Wohlstand nicht für die Vergangenheit opfert. Bei einer Schauspielerin, die schon einmal einen Film namens "Folge deinem Herzen" gedreht hat, ahnt man, dass sie sich anders verhalten wird.
Ein tragisches Nachkriegsproblem macht der Film mit heuchlerischem moralischem Anspruch zum Gegenstand rührseliger Unterhaltung: Diese Kritik ist nicht von uns, sondern stammt aus dem Jahr 1955, als "Suchkind 312" schon einmal fürs Kino verfilmt wurde, damals mit Inge Egger und Paul Klinger. Der Neuverfilmung ist - leider - nichts anderes zu bescheinigen.