Gespaltene Persönlichkeit
Der Schriftsteller Nikos Kazantzakis setzte den Kretern ein Denkmal und bewies, dass sie anders sind / Von Petros Markaris
Nikos Kazantzakis war ein Weltreisender. Er fuhr nicht nur quer durch Europa, sondern bereiste auch Russland von Sibirien bis in die Ukraine, besuchte den Fernen Osten und unternahm eine lange Reise durch Japan und China. Seine Berichte lesen sich spannend, und sein Buch "Japan/China" gehört zu den Klassikern der griechischen Reiseliteratur. Kein anderer griechischer Autor der Zwanzigerjahre kannte die Welt annähernd so gut wie Nikos Kazantzakis. Die meisten kamen kaum einen Schritt weiter als bis Paris, Wien oder Berlin, seltener bis London.
Nikos Kazantzakis war bestimmt ein Weltbürger. Er verbrachte den größten Teil seines Lebens fern von Kreta, davon die letzten neuen Jahre auf Antibes, starb in Freiburg im Breisgau, blieb aber Kreta trotzdem treu. Sein ganzes Werk war ein grandios angelegter (und gescheiterter) Versuch, sich von Kreta abzukoppeln. Seine großen Romane, wie "Alexis Sorbas", "Freiheit oder Tod", viele seiner Charakterdarstellungen, oder die "Rechenschaft vor El Greco", verdeutlichen sein zwiespältiges Verhältnis zu Kreta. Kazantzakis war im Inneren so gespalten wie die Kreter selbst.
Wenn man sie vom Festland aus betrachtet, weisen die Kreter Charakterzüge auf wie Stolz, Arroganz oder auch ein Gebaren, das den übrigen Griechen oft auf die Nerven geht. Die Kreter haben kein Problem damit. Ganz im Gegenteil: Sie erinnern gern daran, dass sie im Lauf der neugriechischen Geschichte sich immer als Krieger und Freiheitskämpfer profiliert haben.
Vierzig Jahre lang, von 1858 bis 1898, haben sie wiederholt zu den Waffen gegen die osmanische Herrschaft gegriffen, bis sie 1898 endlich ihre Autonomie erhielten. Während des Zweiten Weltkrieges wurden die blutigsten Schlachten auf griechischem Boden 1941 auf Kreta ausgefochten. Andererseits aber sind die Kreter die ersten, die das deutsche Feindbild überwunden haben. Heute lebt auf der Insel eine ziemlich große deutsche Kolonie mit den Kretern eng und friedlich zusammen.
Das kretische Mannsbild wurde in der Zeit von Nikos Kazantzakis (und wird zum Teil auch heute) in den Bergdörfern von Kreta geprägt. Der Kreter, den man auf den Bildern und Fotos jener Zeit zu sehen bekommt, ist ein Kämpfer und auch nach diesem Muster gekleidet: Hemd, schwarze Pumphose, hohe, schwarze Stiefel, Patronengürtel und das Gewehr fest in der Hand.
Die Kreter sind politisch liberal, eine Haltung, die auf den Politiker und Staatsmann Eleftherios Venizelos (1864-1936), die politische Ikone der Insel, zurückgeht, der ein Liberaler europäischen Formats war. In ihrem gesellschaftlichen und ihrem Familienleben sind sie aber zutiefst konservativ, vor allem den Frauen gegenüber, die sich damals (und teilweise noch heute) dem Willen der Männer fügen mussten.
Kazantzakis hat dieses Macho-Bild des Kreters fast in allen seinen Werken, vor allem in seinen Romanen und Theaterstücken, ganz konsequent gepflegt. In Kapetan Michalis, dem Helden des Romans "Freiheit oder Tod" (1950), glorifizierte er seinen Vater, der wie ein Tyrann über seine Familie herrschte. Die erste, französische Fassung des Romans trug sogar den Titel "Mon père". Es geht aber im Roman, auch um den Aufstand der Kreter gegen die Osmanen, eben um "Freiheit oder Tod". Der Tyrann als Vater knüpft an das Bild des Mannes als eines Freiheitskämpfers an. Zwischendurch läuft der Pfad, der nach Heraklion, der Stadt der Jugendjahre des Autors führt.
Hier tritt ein weiteres Merkmal von Kreta zutage, das die Insel vom übrigen Griechenland unterscheidet. Kreta stand von 1204 bis 1669 unter venezianischer Herrschaft und war der einzige Teil Griechenlands, der die italienische Renaissance miterlebt hat. Das Wunderkind der kretischen Renaissance war der Maler Doménicos Theotokopoulos, der unter dem Namen El Greco bekannt wurde.
Die Bekanntschaft mit dem Werk von El Greco erfolgte in den Jahren 1932-33, als Kazantzakis sich in Spanien aufhielt. Die "Rechenschaft vor El Greco" (1956), sein letztes großes Werk, ist eigentlich eine Huldigung El Grecos und Kretas. Kazantzakis sieht in Doménicos Theotokopoulos einen Kreter in Toledo: Er war ein großer Maler, aber auch ein Frauenheld, er war gegen die Venezianerherrschaft auf Kreta (obwohl er in Venedig und dann in Rom studiert hatte) und er wehrte sich vehement gegen die Heilige Inquisition, obwohl er, wie alle großen Maler seiner Zeit, fette Aufträge von Stadt und Kirche kassierte.
Kazantzakis ist von diesem Bild des Kämpfers, sei er Künstler, Aufständischer oder Guerillero, fasziniert. Er verherrlicht es und beneidet es zugleich. Das gelungenste Beispiel ist bekanntlich Alexis Sorbas. Dabei ist es interessant, dass Alexis Sorbas, der mit Vornamen Jorgos hieß, kein Kreter, sondern ein Mazedonier war. Die Bekanntschaft mit Jorgos Sorbas hatte mit Literatur nichts zu tun. Nikos Kazantzakis gründete im Jahre 1917 in Mani auf dem Peloponnes ein kleines Kohlebergwerk, um vom Kohlemangel während des Ersten Weltkriegs zu profitieren. Das war sein erster und letzter unternehmerische Versuch. Das Unternehmen scheiterte kläglich. Dafür gewann Kazantzakis einen Romanhelden, nämlich Jorgos Sorbas, der im Bergwerk als Arbeiter tätig war. Kazantzakis machte aus dem Mazedonier einen Kreter.
Mit "Alexis Sorbas" (1946) gelang Nikos Kazantzakis der große Wurf. Der Film von Michalis Cacoyannis aus dem Jahre 1964, mit Anthony Quinn in der Hauptrolle, mag den Roman auf die Bestsellerlisten gebracht haben, aber der "Sorbas" war schon früher ein Erfolg. Noch heute gilt er als der erfolgreichste, aber auch als der beste Roman von Kazantzakis.
Sorbas, dieser Eigenbrötler, ohne Schulausbildung aber von einer tiefen Lebensweisheit, erweist sich als ein immer noch spannender Charakter mit einem enormen Durchhaltevermögen. Aber nicht die Figur von Alexis Sorbas allein bestimmt die Qualität des Romans, sondern auch die Art, in der Kreta dargestellt wird: als eine rückständige, tief konservative Gesellschaft, mit Familien, die fast Klancharakter haben.
Die große Geste, dieses "Überdimensionale", das den Kretern zu Eigen ist, hatte Kazantzakis auch. Vieles in seinem Leben und in seinem Werk war Pose: Sowohl das aufgeblasene Mannsbild in seinen Romanen als auch die teilweise gespielte Asketik, dieses "Tun und Schweigen", wie er es nannte. Er hatte zwar in Paris über Friedrich Nietzsche promoviert, und bewunderte Henri Bergson, war aber eigentlich in den Ritterromanen des Mittelalters mehr zu Hause.
Die meisten griechischen Autoren pflegten in ihren jungen Jahren eine große Liebe zu Kazantzakis, die nach einer Weile in Hass umschlug. Ich habe diese Zeit schon lange hinter mir, kann aber mit seinen pompösen Helden und seinen groß angelegten Beschreibungen wenig anfangen. Vielleicht gefällt mir deswegen seine "Griechische Passion" (1949) am besten. Weil in diesem Roman von Nomadentum und Migration, von Nicht-Willkommen-Sein die Rede ist. Das ist kein typisch kretisches Merkmal. Nicht einmal ein speziell griechisches, sondern eher ein südeuropäisches. Es betrifft die Griechen genauso wie auch die Italiener, die Spanier oder die Portugiesen, von den Südslawen und Türken ganz zu schweigen.
Sein Leben lang sorgte Nikos Kazantzakis für Furore und inszenierte sich selbst. Heute, fünfzig Jahre nach seinem Tod, wird er kaum mehr gelesen.