Dokumentation: Aus der Dankesrede - WELT
Dokumentation

Aus der Dankesrede

Von Josef H. Reichholf
Veröffentlicht am 29.10.2007Lesedauer: 3 Minuten

Umfangreiche, nahezu tägliche Erfahrungen haben mir gezeigt, dass es den an der Natur interessierten Menschen um Fassbares, um Erlebbares geht. Sie möchten Konkretes dazu wissen, was sie gesehen haben. Sie fragen nach Bedeutungen und hoffen darauf, wenigstens Deutungen zu bekommen. Die Art der Fragen zeigt, woran die sogenannte Öffentlichkeit wirklich interessiert ist. Verständlich sollen die Antworten sein! Doch wie unnötig unverständlich stellt sich Wissenschaft oft selbst dar. Ein Beispiel mag das erläutern. Es entstammt einem Lehrbuch der Ökologie, das ich bei meinem Studium benutzen musste. Der nachfolgende Satz gehört zu den "kurzen" darin. Er nimmt genau eine Druckzeile Länge ein: "Die situativ variable Realisierung der Potenz Vagilität ergibt die Mobilität." Es galt, solche Merksätze auswendig zu lernen! Ob man das Herumschweifen von Tieren in der freien Natur damit besser versteht? Geistige Beweglichkeit entwickelte diese 'Definition' gewiss nicht.

Später, als ich Diplom- und Doktorarbeiten zu betreuen hatte, schärfte ich den Studierenden ein, ihre Arbeiten so zu schreiben, dass sie auch außerhalb des Fachgebietes verstanden werden. Der Erfolg fiel, gelinde ausgedrückt, sehr mäßig aus.

(..) Beim Versuch, sich selbst zurückzuerinnern, wird man wieder gewahr, wie verschlungen der Lebensweg gewesen ist und wie viele Menschen ihn beeinflusst haben. Der aktive Eigenanteil an der Entwicklung und die passive Mitwirkung anderer lassen sich in der Rückschau nicht mehr trennen. Doch gerade das ist es, was uns in der gelebten Wirklichkeit unverwechselbar macht; zu Individuen, die nicht nur, dem Wortsinn entsprechend, nicht weiter aufteilbar sind, sondern so, wie sie geworden sind, auch nie wiederkehren können. Wiederholbar ist kein Lebensweg. Wie der eigene verlief, das mag man als Glück empfinden oder Schicksal nennen. Glück hatte ich gewiss reichlich und auch viele Förderer. Sie alle namentlich nennen zu wollen würde den Zeitrahmen bei Weitem sprengen.

(...) Hierzulande wird der Mensch immer mehr von der Natur entfremdet und ausgeschlossen. Natur findet auf den Monitoren statt. Das sei so ganz in Ordnung, meinen nicht wenige, die sich um die Erhaltung der Natur bemühen, weil "der Mensch" dann nicht stört und Schaden anrichtet. Dass dabei die Beziehungen zur Natur, zum Lebendigen nicht gerade gefördert werden, wird billigend in Kauf genommen, weil eine menschenfreie Natur allemal eine bessere Welt wäre. Die Natur in den Städten mit ihrer Vielfalt und Dynamik belehrt uns seit Langem eines Besseren. Hier ist die Artenvielfalt "trotz Mensch" hoch und eher zu- als abnehmend. Doch das gespaltene Weltbild will das nicht zur Kenntnis nehmen, was Tiere und Pflanzen von sich aus getan haben. Das Land muss gut bleiben, weil die Stadt schlecht ist. Ökologie mutierte auf diese Weise zum Ökologismus, und sie wurde zu einer Ersatzreligion. Der Bezug zur naturwissenschaftlichen Ökologie ging dabei weitgehend verloren.


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