Fenster nach Fantasien
In München wird erstmals das Theaterschaffen Michael Endes ausgestellt
Ausgerechnet im Schlummerland wohnt Prinzessin Schlafittchen. Und ausgerechnet an Schlaf mangelt es Ihrer Hoheit. Von Albträumen geplagt wirft sie sich Nacht für Nacht in den königlichen Kissen hin und her. Der besorgte Vater sucht Abhilfe. Und findet das Traumfresserchen, dem sodann eine wahrhaft erhabene Aufgabe zuteil wird: Nacht für Nacht darf es nun die bösen Träume des zart besaiteten Schlafittchens verspeisen. Das 1981 in Bremen uraufgeführte Stück rund um das nützliche Untier ist die meistgespielte deutsche Oper der Nachkriegszeit, gefolgt vom "Goggolori", der aus der Feder desselben Autors stammt: Michael Ende.
20 Millionen seiner Bücher wurden weltweit verkauft, seine Texte in 40 Sprachen übersetzt. Doch, weit weniger ist bekannt: Michael Endes große Liebe galt eigentlich dem Theater. Das Theatermuseum in München stellt nun, zwölf Jahre nach Endes Tod, diese Leidenschaft erstmals ins Zentrum einer Ausstellung. Auf drei Etagen können Michael Endes "Magische Welten" - Kostüme, Skizzen, Marionetten und Fotos - betrachtet werden. Eine Herausforderung für das fast zehnköpfige Kuratorium aus Theaterwissenschaftlern und Museumspädagogen. Denn Michael Ende ist eben nicht nur ein Geschichtenerzähler, kein bloßer Fantast und schon gar kein gewöhnlicher Kinderbuchautor. Endes Kunst befasst sich mit Existenzfragen.
Vielschichtig sind die Einflüsse, denen er schon früh ausgesetzt ist: Den berühmten Fantasiewelten hatte sich bereits Vater Edgar Ende als surrealistischer Kunstmaler verschrieben. Eine tiefe Ablehnung gegen alles Heroische ergriff den kleinen Michael, als er als Kind einer Hitlerverehrung beiwohnte. In der Dachgeschosswohnung im kulturell pulsierenden Schwabing hielt er junge Tiere und empfing die Mitglieder selbst gegründeter Außenseiterbanden. 1944 geht bei einem Bombenangriff die elterliche Wohnung in Flammen auf - und mit ihr das künstlerische Werk Edgar Endes, mehr als 300 Ölgemälde.
Im Theater findet Michael Ende ein neues Lebensgefühl, eine Alternative zu Kriegsdepression und Heile-Welt-Darstellungen des Nachkriegskinos. Bis 1951 besucht er die Otto-Falckenberg-Schule. "Nicht noch ein Hungerleider in der Familie", ächzt da zwar der Vater, doch für den Sohn ist es keine schlechte Zeit, oder zumindest eine laute: Lebensgierig wirft sich der Jungschauspieler in die anregende Szene Münchens. Frauen, Alkohol, nächtelange Diskussionen: seine Welt. Einmal droht ihm deshalb sogar der Rausschmiss aus der Schule- wegen Faulheit. Als Bertold Brecht 1950 in München seine "Mutter Courage" inszeniert, Michael Ende und andere Falckenberg-Schülern in Nebenrollen besetzt, glaubt der sich am Ziel seiner Wünsche. Doch bald schon hat er die Nase voll von Auftritten an "Provinztheatern", zum Beispiel der Landesbühne Schleswig-Holstein.
Die ersten Versuche als Theaterautor floppen, und Ende beschließt, sich in München als freier Schriftsteller niederzulassen. Die Irrwitzigkeit unserer Zeitmessung, die Tragik des modernen Menschen thematisiert Michael Ende 1973 in "Momo": "Jeder weiß, dass einem eine einzige Stunde wie eine Ewigkeit vorkommen kann, mitunter kann sie aber auch wie ein Augenblick vergehen - je nachdem, was man in dieser Stunde erlebt. Denn Zeit ist Leben. Und Leben wohnt im Herzen." Wenn der geschäftstüchtige Friseur etwa die kranke Mutter und die gehbehinderte Freundin nicht mehr besucht, sich nicht mehr die abendliche Viertelstunde gönnt, um am offenen Fenster über sein Leben zu räsonieren - dann wächst zwar der Zeitgewinn auf dem Konto, das die grauen Herren für ihn verwalten. Doch das Leben zieht an ihm vorbei.
"Momo" liest sich als eindrucksvolles Plädoyer, den Alltag nicht mit der Trauer um verlorene Jahre, sondern mit einer Summe aus Glücksmomenten und gefühlten Ewigkeiten anzufüllen - nicht nur Stoff für ein Kinderbuch. Doch zeitlebens leidet der Autor daran, dass ihm die Anerkennung als ernst zu nehmender Literat versagt bleibt. Er fühlt sich unverstanden und ist insbesondere über die Verfilmung der "Unendlichen Geschichte" von Wolfgang Petersen 1984 höchst unglücklich. Wie platt, wie fantasielos! Erneut wendet er sich dem Theater zu.
Seine späten Stücke entwickelt Ende in Abgrenzung von Brechts epischem Theater, das Distanz und Nachdenken erfordert. Wie auch sollte gerade er belehren, der er sich doch zeitlebens Belehrungen widersetzte! "Der Junge hat zuviel Fantasie, er lebt in einer anderen Welt", kritisierten ihn Lehrer. Sein magisches Theater will verzaubern, die Farben und Formen der Kostüme sollen leuchten, unwirkliche Gestalten wie das "Traumfresserchen" wenigstens zu einer kurzen Bühnenrealität werden.
Die Münchner Ausstellung ermöglicht lediglich einen Blick über den Zaun Fantasiens, so pädagogisch wurde das Werk Endes hier aufbereitet. Kinder können den Lukas-der-Lokomotivführer der Augsburger Puppenkiste bewegen, auf winzigen Blockflöten spielen, in Büchern blättern, Kostüme anfassen. Die Gucklöcher, durch die Dias der Werke Edgar Endes "besichtigt" werden können, befinden sich in einer Höhe, die Erwachsene, die sich nicht auf den Boden knien möchten, vom Kunstgenuss ausschließt. Nach dem blauen, auffordernd an einem Nylonfaden herumbaumelnden Plastikkaleidoskop wird mancher freiwillig nicht greifen - zugunsten eines bedauernden Blickes auf ein eindrucksvolles Original von Edgar Ende, dessen Reiz durch die Spielzeugumgebung eher etwas geschmälert wird.
Eine sympathische "Familienausstellung" hat das Kuratorium geschaffen. Die Tiefe von Michael Endes Werk auszuloten, den Autor in einen größeren Kontext zu setzen - gelingt im Katalog.