"Ist Ihnen das nicht peinlich?"
Der Petersburger Schauspieler Alexej Dewotschenko ist zornig, zornig auf Künstler seines Landes, die sich kriecherisch der Macht andienen und dabei ungefragt und selbstherrlich ihre Berufskollegen aus ganz Russland vereinnahmen, indem sie in ihrem Namen zu sprechen vorgeben. Ob es ihnen denn nicht selbst peinlich sei, fragt er in seinem offenen Brief wohl eher rhetorisch, "welche armseligen und kriecherischen Plattheiten sie in einem Anfall von Untertanen-Extase verfasst und unterschrieben" hätten.
Der Schauspieler, dessen Schreiben in der jüngsten Ausgabe der "Nowaja Gaseta" veröffentlich wurde, reagierte damit auf ein Bittschreiben an Präsident Wladimir Putin, doch bitte - ohne Ansehen der Verfassung - auch nach Ablauf der zulässigen beiden Amtszeiten auf dem Thron im Kreml zu verweilen. "Für uns ist es lebenswichtig, dass Sie auch nach dem Jahr 2008 ihre ausgewogene und ersprießliche Politik fortsetzen ... Russland braucht Ihr Talent als Staatsmann, Ihre politische Weisheit", heißt es in dem Brief der Russischen Akademie der Künste, den unter anderem der Filmregisseur Nikita Michalkow und der Bildhauer Surab Zereteli im Namen "der ganzen Künstlergemeinde Russlands" unterzeichnet haben. Die bizarren Schriftsätze, zu denen einige russische Künstler sich bemüßigt fühlen, ihre Zustimmung zu geben, wecken Erinnerungen an die bestellten, devoten Grußadressen sowjetischer Provenienz. Dewotschenko spricht denn auch von "sprachlichen Wendungen, entnommen aus sowjetischen Zeitungen der Dreißigerjahre".
Michalkow, der seinerzeit für ein sehenswertes russisches Kino stand, und Zereteli, der Moskau mit seinen Skulpturen verschandelt, hatten in ihrem in servilem Ton gehaltenen Brief geschrieben, "wir schätzen Ihre gewaltigen Errungenschaften in allen Sphären Russlands hoch". Sie würdigten das segensreiche Wirken des Kremlchefs für die "ungewöhnliche Erhöhung der Autorität unserer Heimat in der gesamten Welt". Und sie forderten ihn auf, eine dritte Amtszeit als Präsident anzustreben. Bissig konterte Dewotschenko, es sei offensichtlich die Rede von der "Vernichtung der demokratischen Institutionen im Lande, von der Zerstörung des kleinen Unternehmertums und der privaten Wirtschaft, von der Einführung der Zensur der Medien, der Verfolgung Andersdenkender, die Wiedergeburt der Straf-Psychiatrie". Und was die angebliche höhere internationale Autorität angeht, erinnerte der Schauspieler an die Morde an Anna Politkowskaja und Alexander Litwinenko, an die Übergriffe der Kreml-Jugend Naschi auf die Botschaften Großbritanniens und Estlands.
Dewotschenko bekam jetzt Unterstützung. Eine Gruppe von Künstlern, unter ihnen der Dramaturg Alexander Gelman und der Schriftsteller Wassili Aksjonow, verwahrte sich dagegen, dass Michalkow und Zereteli in ihrem Namen gesprochen haben. Dazu habe sie niemand ermächtigt. Das Schreiben werfe einen Schatten nicht nur auf jene, die es unterzeichneten, sondern auch "auf Sie als Präsident", in dessen Amtsjahren viele für die sowjetischen Zeiten charakteristischen Erscheinungen des Personenkultes wieder hergestellt worden seien.
Tatsächlich nimmt der Kult um die Person Wladimir Putins erstaunliche Ausmaße an. Die Kreml-Jugend Naschi wird mit Losungen wie "Putin für immer" auf die Straße geschickt, Mädchen tragen T-Shirts mit dem Aufdruck "Ich will Putin". Nikita Michalkow, der Regisseur, durfte zum 55. Geburtstag des Kremlchefs 20 Minuten lang eine TV-Lobeshymne über den Ritter in der weißen Rüstung verbreiten, der das Land angeblich vor dem Chaos der Neunzigerjahre gerettet hat. Auch in den Fernsehnachrichten hat der Kreml die oppositionsfreie und damit unwidersprochene Meinungshoheit. Das Ergebnis: Zwei Drittel der Russen würden Wladimir Putin wieder wählen.