Eisernes Mädchen aus Teheran
Die Kinder der Islamischen Revolution: Marjane Satrapi hat ihre Comic-Autobiografie "Persepolis" verfilmt
Paris 1996, Flughafen Orly, Abflug Iran Air nach Teheran. Das Kopftuch hat die junge Frau schon auf, schnell noch eine Zigarette, bloß jetzt nicht heulen. Heimat ist schließlich Heimat, Mullahs hin, Mullahs her, oder? Aber Marjane Satrapi bleibt in Paris, und macht mit Mut, Witz und Verzweiflung aus ihrer iranischen Exilantenvita erst vier Comics im Stil ihres Idols Art Spiegelman. Elf Millionen Mal haben sie sich verkauft. Und nun eben der Film, "Persepolis".
Direkt wie eine Ohrfeige, schwarz und weiß in groben Strichen, dem deutschen Expressionismus ebenso zugetan wie dem italienischen Neorealismus, schildert "Persepolis" das Leben eines unfreiwilligen Kindes der Islamischen Revolution. "Ab heute bin ich Che Guevara" erklärt die neunjährige Marjane gravitätisch ihren Spielkameraden.
Abends marschiert sie durchs Wohnzimmer und ruft "Nieder mit dem Schah", bis die Mutter sie entnervt ins Bett schickt. Nachts träumt sie von Gesprächen zwischen Gott und Marx ("Marx war ein bisschen besser frisiert"), denn als "letzte Prophetin der Galaxie", vor der die Erwachsenen hingebungsvoll in die Knie sinken, sah sie sich durchaus auch.
Auf dem Schulhof ihres französischen Lycée in einem der besseren Viertel Teherans spielen die Mädchen mit dem Kopftuch, das sie jetzt alle tragen sollen, erst einmal Blindekuh. Aber mit der Verhaftung ihres Lieblingsonkels Anouche, der nach dem Besuch der für so etwas noch viel zu kleinen Marjane im berüchtigten Evin-Gefängnis als "russischer Spion" hingerichtet wird, ist die Kindheit im Grunde vorbei.
Im Film schwebt das Mädchen im Nachthemd haltlos in eine kalte, schwarze Nacht. Aus dem Hintergrund ruft die Mutter: "Marji, lauf in den Keller, wir werden bombardiert!" Nach der Revolution und ihren blutigen Wirren direkt der Krieg mit dem Irak - über Langeweile konnten die Iraner aus Satrapis Generation sich nicht beklagen.
"Persepolis" erwies sich als perfekter Titel, weil das Wort in den meisten Sprachen die gleichen Assoziationen wachruft: ein versunkenes Weltreich, Tausendundeine Nacht, Rosengärten, Granatäpfel - alles, nur nicht der speckige Anzug von Mahmud Ahmadinedschad oder das greise Haupt des Ayatollah Khomenei.
Eines möchte Marjane Satrapi auf gar keinen Fall: zur Kronzeugin "des Westens" gegen die islamische Revolution werden, auch wenn diese ihren Onkel und zahlreiche Freunde ermordet, ihre Mutter auf offener Strasse gedemütigt, sie selbst zwei Mal ins Exil getrieben und die Familie um ihr Lebensglück gebracht hat. "Heutzutage sind Muslime zu einem Feindbild aufgebaut worden" sagte Satrapi dem "Stern", "das mich oft an die stereotype Beschreibung der Juden in den Zwanzigern erinnert. Die muslimischen Fanatiker bezeichnet man als Islamisten, aber nennen wir die Inquisitoren der katholischen Kirche Christianisten?"
Die deutsch-iranische Schauspielerin Jasmin Tabatabai, die Marjane in der deutschen Fassung ihre Stimme leiht, springt nur zu gern auf den Zug. "Neulich sagte ein 20-jähriger Bühnenarbeiter aus den USA zu mir: Du bist aus dem Iran? Euer Präsident ist echt verrückt. Darauf ich: Bei allem Respekt, aber eurer genauso. Der Iran ist auf jeden Fall ein Thema, das immer mehr Leute interessiert. Es gab bisher kaum Solidarität unter Exil-Iranern, lauter Einzelgänger irgendwo auf der Welt. Das ändert sich gerade."
Wenn Satrapi vor einem sitzt, links einen Cognac, rechts eine Zigarette, raubeiniges Lachen, Blockabsätze übereinander geschlagen und wütende Blitze in alle Welt verschickend, fällt es einem nicht schwer zu sehen, warum die Eltern Angst um ihre Marjane hatten. Sie hatten ihre aufmüpfige Tochter so lange zu schützen versucht, wie es ging, aber als sie das dritte Mal mit ihren "Iron Maiden"-CDs aufgegriffen wurde, war es wirklich lebensgefährlich geworden.
Marjanes Eltern gehörten zu den bürgerlichen linken Intellektuellen, die der islamischen Revolution zunächst große Sympathien entgegen gebracht hatten. Der Anti-Imperialismus, die Frauenbefreiung, der Hass auf den Schah, seine Luxusbauten und seinen folternden Geheimdienst - all das klang gut in ihren Ohren. Das Religiöse hatten viele von ihnen belächelt. Die iranische Intelligentsia hatte gehofft, die Mullahs würden für sie die Revolution machen und die Massen mobilisieren und anschließend so freundlich sein, ihnen die Macht in die Hand zu drücken. So ist es nicht gekommen.
Satrapis Sicht der Dinge unterscheidet sich allerdings diametral von den vielen Selbstbefreiungsbüchern muslimischer Frauen von Ayan Hirsi Ali bis Necla Kelek, die zurzeit Regale in den Buchhandlungen füllen. Für Satrapi ist nicht der Islam der große Antagonist, sondern das Autoritäre. "Das ist nicht meine Religion" weint eine gläubige Nachbarin, die unter dem Schah stolz das Kopftuch getragen hat, und nun dazu gezwungen ist. Die Politisierung der Religion war für sie das Problem, nicht die Religion selbst.
Der Westen ist für Satrapi keineswegs die goldene Lösung. Die Erfahrungen in Wien, ihrem Teenager-Exil, sind ernüchternd, tödlich fast. "Ich hatte eine Revolution erlebt, einen Krieg überlebt, aber eine dumme Liebesgeschichte hätte mich fast umgebracht" berichtet sie lakonisch, nachdem sie im Film eine Weile auf Wolken gegangen ist neben einem blonden Jüngling, der dann mit der Falschen im Bett lag. Die Österreicher, gerade die Jungen, sind in "Persepolis" kaputt, spießig, pervers, einsam - man findet vieles von der Dekadenz-Kritik der Muslime am Westen hier gezeichnet.
Aber Marjane Satrapi ist zu sehr "Iron Maiden", um sich im Selbstmitleid auszuruhen. "Heute weiß ich, Markus hatte eine Geschichte, eine Familie, Freunde. Ich, ich hatte nur ihn. Ich wollte ihn als Freund, als Vater, als Mutter, als Double. Das war zu viel." Noch in den schwärzesten Momenten holt sie die von der Großmutter geerbte Selbstironie ein wie ein guter Engel. "Zur Hölle mit meinen individuellen und sozialen Freiheiten", heißt es kurz vor der Flucht aus Wien. "Ich musste ganz dringend wieder nach Hause."