Gedächtnis: Zur "Fledermaus" ins Kabarett - WELT
Gedächtnis

Zur "Fledermaus" ins Kabarett

Von Alexander Kluy
Veröffentlicht am 05.01.2008Lesedauer: 3 Minuten

"Das Theater und Kabarett 'Die Fledermaus' will sich in keiner Weise mit irgendwelcher bestehenden, scheinbar ähnlichen Unternehmung vergleichen. Es will, auf eigenen künstlerischen Anschauungen fußend, den fast verloren gegangenen, ursprünglichen Gedanken des Kabaretts wieder aufnehmen, erneuern, ausbauen und weiterführen." So der programmatische Text einer Broschüre, die schön gestaltet und mit Schmuckinitialen versehen daher kam. Die Wiener Werkstätte brachte sie im Oktober 1907 heraus. Beworben wurde ein Kabarett, das wenig später öffnete - als Gesamtkunstwerk, als Bauprojekt, als Werbebühne der Wiener Werkstätte.

Diese Produktionsgemeinschaft bildender Künstler war 1903 von Josef Hoffmann, Kolo Moser und Fritz Waerndorfer gegründet worden. Waerndorfer war Financier der Wiener Werkstätte und zugleich Gründer des im ersten Wiener Bezirk gelegenen Kabaretts.

Doch die "Fledermaus" baute, das zeigt die unterhaltsame, mit vielen Raritäten und theater- und tanzhistorischen Trouvaillen reich bestückte Ausstellung im Museum Villa Stuck in München deutlich, auf Bewährtem auf (bis 27. Januar).

Auf der jungen frechen Kabarettszene nämlich, die sich nach 1900 in Berlin und München, hier das "Überbrettl", dort die "Elf Scharfrichter", entwickelt hatte. Nachdem die Zensur in Bayern zu erdrückend geworden war, war der Kern des "Scharfrichter"-Ensembles 1905 nach Wien gegangen, trat erst im Kabarett "Nachtlicht" auf, seit 1907 dann in der "Fledermaus".

Das Kabarett war nicht nur visuell, sondern auch literarisch ein Erlebnis der Fantasie. Hier feierte die "Polfried AG" Erfolge. Gemeinsam verfassten Alfred Pol(gar) und Egon Fried(ell) heute unbekannte, teils verschollene Operetten und federleichte Parodien. Ihr größter Erfolg war die Groteske "Goethe", in der Friedell als Dichterfürst auftrat, der eine Prüfung über Goethe absolviert - und am Ende durchfällt.

1913 fiel der letzte Vorhang. Später erinnerte sich Egon Friedell sehnsüchtig an dieses Kabarett. Es war für ihn "eine Kostbarkeit an Intimität und Noblesse. Infolgedessen war ganz Wien außer sich, denn man war damals noch gewöhnt, für sein Geld roten Plüsch und vergoldeten Gips zu bekommen. Der spätere Besitzer suchte das Unglück wenigstens zum Teil dadurch wettzumachen, dass er die Türen rosa anstreichen und ein paar fesche Faune an die Wände malen ließ. Später erschien ein Fachmann, der duftige kleine Operetten wie ,Putzi, sei doch nicht so fad' und kecke kleine Szenerien wie ,Die Geheimnisse eines Bidets' spielte. Aber auch dieser erstklassige Fachmann machte Pleite und die Fledermaus wurde ein Revuetheater, worin schlankbeinige Mädchen auftraten, die man an den Tisch bitten konnte. Ich habe auch gegen diese künstlerische Entwicklungsphase nichts einzuwenden. Wenn nur der Wein sich nicht so verschlechtert hätte."

Friedells Lamento war verständlich. Denn in dieser Ausstellung ist, Rarität der Kulturgeschichte, das weltweit einzig erhaltene Exemplar der originalen Getränkekarte zu sehen. Aufgelistet sind auf 17 Seiten: 100 Weine, 38 Liköre, 12 Cocktails, 12 Longdrinks, 12 Fancy Drinks, 12 Hot Drinks, 5 Bier- und 7 Mineralwassersorten.


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