"Mein Leben ist mein Werk"
Zum 100. Geburtstag von Simone de Beauvoir: Wie man sich selbst und nebenher auch noch die neue Frau erfindet
Wer wie Simone de Beauvoir nicht nur als Urmutter der neuen Frauenbewegung respektvoll verehrt, sondern auch heute noch kritisiert, belehrt und manchmal verurteilt wird - und zwar von Feinden und Freundinnen gleichermaßen -, der ist nicht zum Monument erstarrt, nicht in den Archiven abgelegt und bekommt zum Geburtstag einen großen Strauß, in den aber auch einige Disteln gemischt sind.
Irgendwann und irgendwo soll die am 9. Januar 1908 in Paris, Boulevard Montparnasse geborene Simone Lucie-Ernestine-Marie-Bertrand de Beauvoir gesagt haben: "Mein Leben ist mein Werk". Ein Satz, der gedruckt ganz Verschiedenes bedeutet, je nachdem, welches Substantiv man betont. Bei "Leben" könnten Neulinge auf die Idee kommen, Beauvoir sei eine ebenso leidenschaftliche wie tatendurstige Frau gewesen und ihre Bücher nur ein unumgängliches Nebenprodukt. Zur Betonung auf "Werk" scheint dagegen die Biographie der Frau zu passen, die sich von der ehrgeizigen Schülerin zur Musterstudentin und dann zur disziplinierten Schriftstellerin weiterentwickelte. Die hielt sich sorgfältig von allem fern, was sie vom intellektuellen Austausch, vom Schreiben, Redigieren und Studieren hätte abhalten können. Wie viel Zeit hat Beauvoir wegen der Vorarbeiten für ihr berühmtestes Werk über "Das andere Geschlecht" (1949) in Bibliotheken verbracht? Und sicher nicht weniger für die spätere, fast ebenso umfangreiche und methodisch demselben Muster folgende Studie über "Das Alter" (1970). Spricht das alles für ein Leben, das sich in der kreativen Arbeit verzehrt, so widerlegen vor allem die zahlreichen Amouren und die noch viel zahlreicheren Reisen neben den vielen Fotos von Sartre und Beauvoir, umstrahlt von der Gloriole einer bis dahin unbekannten Form der intellektuellen Celebrity die Idee einer reinen, nonnenhaften Existenz. Kein Zweifel, die Beauvoir hatte sich zu jemand gemacht, und genoss auch die Früchte der Mühen.
Andererseits...
Die Wahrheit liegt aber nun nicht in der Mitte zwischen den skizzierten Bildern. Die Wahrheit lautet ganz einfach, dass Simone de Beauvoir zur richtigen Zeit am richtigen Ort die geniale Intuition hatte, aus ihrem Leben ein Werk zu machen, oder umgekehrt, es von vornherein zu einem solchen zu erklären und sich auch entsprechend planvoll zu verhalten. Man lasse ihre Bücher einmal Revue passieren und begründe den großen Erfolg den viele im Unterschied zu anderen gehabt haben. Ihr erster Roman beruhte auf der Erfahrung einer Dreiecksgeschichte, in die Sartre, Beauvoir und eine ihrer Schülerinnen lange verstrickt blieben. Das wussten die Leser damals nicht, und auch wir späteren konnten " Sie kam und blieb" (1943) erst dann etwas abgewinnen, als uns die seit 1958 erscheinenden Memoiren näher an die wirklichen Protagonisten und vor allem näher an das Konzept Beauvoir herangeführt hatten.
Was von diesem ersten Roman gesagt werden muss, gilt - mit einer Ausnahme - von allen anderen, die sie später noch schreiben sollte. Es sind Frauenromane mit sicherlich gehobener, existenzialistischer Problemstellung, aber konventionell formuliert und für meinen Geschmack ebenso ausdruckslos wie die endlosen Seiten, auf denen die Autorin im "Anderen Geschlecht" oder im "Alter" ihre Lesefrüchte sammelt, ordnet und ihre meistens richtigen, aber selten originellen Urteile vor uns ausbreitet.
Die Ausnahme sind die "Mandarins von Paris"(1954), für den Beauvoir den Prix Goncourt erhielt und der bereits ein Jahr nach Erscheinen auch deutschen Lesern vorlag. Wie er sich trotz seiner bohèmehaften Unmoral und expliziten Sexualschilderungen in die Bibliothek meines braven Mädchengymnasiums in den Fünfzigern verirrt hatte, wüsste ich heute noch gern... Jedenfalls ist der Erfolg dieses gern als "Schlüsselroman" bezeichneten Werks vor allem anderen darauf zurückzuführen, dass Beauvoir sich hier der Form der protokollarischen Lebenserzählung ihrer selbst annäherte, die ja ihre eigentliche Erfindung ist. Von der Autobiographie unterscheidet sich dieses Genre durch seine zur Schau getragene Egozentrik und den Verzicht auf ordnende Retrospektion. Die "Mandarins von Paris", angesiedelt in der unmittelbaren Zeit nach Kriegsende, gaben dem Leser bereits einen Vorgeschmack auf jene aus Privatem und Politischem so unwiderstehlich gemixte intellektuelle Kost, die die vier Bände der Memoiren (1958-72) dann in Reinform liefern sollten. Trotzdem der Leser dort vieles gewissermaßen richtiger wieder findet als im Roman, bleiben die "Mandarins" die haltbarste Fiktion von Beauvoir.
Zum Genre der protokollarischen Lebenserzählung, und damit neben den Memoiren zum Kern ihres Werks, rechnet auch das Buch, in dem Beauvoir das von ihr sorgfältig begleitete und überwachte Sterben ihrer Mutter festhielt. Ein Jahr nach dem Tod Sartres 1980 erschien die "Zeremonie des Abschieds". Fußend auf ihren Tagebuchaufzeichnungen aus zehn Jahren und Befragungen von Freunden bemächtigte sie sich darin des entsetzlichsten Verlustes, der sie treffen konnte. Wie sollte sie sich mit Sartres langem körperlichem, aber auch unübersehbar geistigen Verfall und seinem Tod sonst abfinden! Mit diesem Buch über das Ende Sartres und die Trennung schloss das Werk Simone de Beauvoirs - wie ihr Leben fast vorzeitig in jenem Delir geendet hätte, in das sie sich am Tag seines Begräbnisses getrunken hatte...
Bei aller Bewunderung für die folgenreiche Originalität ihrer besten Werke, ist die protokollarische Lebenserzählung über Kritik nicht erhaben. Es steckt in dieser Form nämlich die Gefahr des Absinkens in die schiere Buchhaltung, der die Autorin im letzten Band erlegen ist. Da wird aus der ehedem so enthusiasmierenden Erzählung die peinliche und langweilige Pflichtübung einer doch recht humorlosen Frau, die sich allzu wichtig nimmt.
Andere Risiken der Lebenserzählung, die ja, richtig ausgeführt, Wichtiges und Unwichtiges, Krieg und Frisur im Extremfall, gerade nicht unterscheidet und die Nähe der Zeit und der Personen sucht, denn es geht ihr ja immer ums ganze Leben und nicht um ein Abstraktum - liegen noch sichtbarer auf der Hand. Nicht jeder ist geschmeichelt, wenn er in einer Form, auf die er keinen Einfluss hat, in einem Buch erscheint. Nelson Algren zum Beispiel, der bereits unter anderem Namen in den "Mandarins" seinen ersten Auftritt hatte, regte sich über den zweiten im "Lauf der Dinge" so auf, dass er Beauvoir öffentlich wüst beschimpfte und ihre Liebesgeschichte als erfunden verleugnete. Von Beauvoir als der Urmutter der neuen Frauenbewegung war scheinbar noch nicht die Rede.
Dazu zwei Thesen: Ihre Wiederentdeckung des "Anderen Geschlechts" (das übrigens keiner ganz gelesen hat) war ein Nebeneffekt ihrer von Anfang an erfolgreichen Memoiren. Deren Form war befreiender, als es jeder Traktat über das Patriarchat hätte sein können; denn hier stellte sich so rücksichtslos wie selbstverständlich eine Frau in den Mittelpunkt ihres Lebens, das sie ohne Rechtfertigung und Begründung erfand, indem sie es nacherzählte.
Während sie ununterbrochen "Ich" sagte, verführte sie die Leserin zum ersten Mal ein Gleiches zu versuchen. Als Frau hatte man ja, egal wie klug und ehrgeizig, bis vor wenigen Jahren einen Knacks, eine eingebaute Bremse von Bescheidenheit und Unsicherheit - bis eben Beauvoir kam. Natürlich spielte bei der Verführung zum Fliegen auch jenes Paris noch eine Rolle, das in den Sechzigerjahren unbestritten die Kulturhauptstadt der Welt war.
Zweitens: Wie merkwürdig es auch klingen mag - Beauvoir war keine Feministin, auch wenn sie sich der neuen Frauenbewegung etwa so zur Verfügung gestellt hat, wie Sartre nach '68 manchen Unternehmungen radikaler linker Gruppen. Das "Andere Geschlecht" enthält deshalb auch keine Anleitung zur Gleichstellungspolitik, nicht einmal zur Durchsetzung der Gleichberechtigung. Der meistzitierte Satz - "Als Frau ist man nicht geboren, man wird es" - enthält auch kein Votum für den Konstruktivismus, wie er oft missverstanden wird, sondern zielt auf die Analyse aller Ideologien, die die weibliche Freiheit verhindern. Es geht nicht um die Befreiung der Frau(en), sondern um die jenes Individuums, das im Namen der "Frau", der "echten Weiblichkeit" und ihrer "natürlichen" Neigungen und Fähigkeiten verhindert wird - und sich oft genug selbst verhindert; denn man ist nicht nur Opfer eines ungerechten Frauenschicksals, sondern ebenso Agent seines Lebens. Diese voluntaristische und individualistische Philosophie hatte, als ich sie dann in den Fünfzigerjahren kennenlernte, etwas ungemein Ermutigendes und Befreiendes. Da las ich nämlich die handliche Kurzfassung des "Anderen Geschlechts", die Marianne Langewiesche aus den 715 Seiten des Originals für "Rowohlts deutsche Enzyklopädie" erstellt hatte.
Es sind der Voluntarismus und Individualismus von Beauvoir, den sie nicht nur als Philosophin vertrat, sondern konsequent lebte, an denen sich heute die Kritik eines Feminismus entzündet, der sich strikt auf den Wohlfahrtsstaat, das Recht und notfalls die Polizei zur Durchsetzung seiner Ziele verlässt. Ein besonderes Ärgernis ist vielen der absolute Platz, den Beauvoir Sartre in ihrem Leben einräumte. Alice Schwarzer, die gerade ein Lesebuch mit Bildern herausgegeben hat, mutmaßt, dass sie den leidigen Pakt mit ihm aus Einsicht in die frauenfeindliche Umwelt geschlossen haben könnte. Verübeln tut sie der sonst Verehrten auch, dass sie ihrer angeblichen Bisexualität in Wort und Schrift keinen angemessenen Ausdruck gegeben hat. Andere wiederum haben ihr die mitleidlose Schärfe angekreidet, mit der sie immer wieder die Mittäterschaft der Frauen bloßgestellt hat oder bemängeln ihre Geringschätzung der mütterlichen und hausfraulichen Leistungen. Vielleicht kommt ja die Zeit, wo dazu kein Anlass mehr besteht und die Arbeitsteilung der Geschlechter ("Als Mann ist man nicht geboren, man wird es...") Fortschritte gemacht hat. Ganze Frauengenerationen, die ihre unfreiwilligen Mütter-Hausfrauen haben seufzen hören, schöpften Kraft aus der Strenge ihrer Verurteilung der Sisyphusarbeit ohne Aussicht auf - nun ja, ein Ende und ein Werk.
Ein wohlwollender Politologe hatte dagegen den Einfall, Beauvoir mit dem Glück verheißenden Konzept der "Selbstverwirklichung" in Position gegen Norbert Bolz, Frank Schirrmacher und Eva Herman zu rücken, die ja alle drei den unverzichtbaren Nutzen der "Frau", der "Mutter", der intakten "Familie" für die "Gesellschaft" betonen und argumentativ zurückzaubern wollen. Die wichtigsten Bücher über Beauvoir hat Beauvoir selbst geschrieben - so lange sie zu haben sind, sollte man zugreifen.
Alice Schwarzer (Hg.): Simone de Beauvoir. Ein Lesebuch mit Bildern. Reinbek, Rowohlt. 336 S., 19,90 Euro.
Hans-Martin Schönherr-Mann: Simone de Beauvoir und das andere Geschlecht. dtv, München. 239 S., 14,50 Euro.