An den Flammen gescheitert - WELT

An den Flammen gescheitert

Von Michael Stürmer
Veröffentlicht am 05.01.2008Lesedauer: 8 Minuten

Keine Macht Europas schien Napoleon Bonaparte aufhalten zu können. Doch der Brand in Moskau wendete sein Schicksal

In Koblenz, man sieht sie von der Bahn aus, steht die Kastor-Kirche, rheinische Romanik. Davor gibt es einen klassizistischen Brunnen mit Inschrift aus dem Sommer 1812, auf Französisch: "Zur Erinnerung an den Durchzug der Grande Armée auf dem Marsch nach Russland, um die Tyrannei des Zaren zu zerschmettern. Jules Doazan, Unter-Präfekt der Stadt Koblenz". Darunter findet sich eine zweite, noch knappere Inschrift, diese stammt aus dem Herbst 1813, ebenfalls Französisch: "Gesehen und genehmigt durch Uns, den russischen Stadtkommandanten."

Das ist deutsches Schicksal, Schlachtfeld und Schachbrett der Mächte. Deutschland liegt dort, wo alle Heerstraßen Europas und Handelswege Europas einander begegnen, sich kreuzen und wieder trennen. Niemand wusste das genauer als Napoleon, der anno 1802, als es mit dem Heiligen Römischen Reich zu Ende ging, die Grenzen Frankreichs an den Rhein vorschob und die rest-deutsche Landkarte nach den Zwecken des französischen Militärkaisertums zurechtschnitt. Preußen im Norden wurde für spätere Zeiten aufgehoben. Es gab zwei Hauptachsen, die der erfahrene Stratege durch die Gründung schwacher Fürstenstaaten von Baden bis Bayern zu sichern suchte. Die eine Heerstraße - im Kalten Krieg sprach man später vom "Fulda Gap" - führte über Mainz, Frankfurt, Hanau, Jena, Lützen, Leipzig, Großgörschen und weiter nach Osten, eine blutige Perlenkette von Schlachten, die das europäische Schicksal entschieden. Die andere ging donauabwärts über Ulm, Aspern nach Wien und weiter bis Austerlitz, wo der Korse 1805, nachdem die Landung in England gescheitert war, die Verbündeten Österreicher und Russen vernichtend schlug und zu einem Frieden zwang, der keiner war.

Preußens Herbst folgte ein Jahr darauf. Bei Jena und Auerstedt, unweit der Geistesmetropole Weimar, wurde den legendären friderizianischen Regimentern das Rückgrat gebrochen. Der Kontinent lag wie ein Teppich dem Eroberer zu Füßen, die Fürsten der Rheinbundstaaten erkauften Überleben und neuen Glanz, indem sie Pferde, Soldaten und Bares lieferten. Allein durch Fürsprache des Zaren, der die Errichtung des neuen Polen von Frankreichs Gnaden gerade noch hinzunehmen bereit war, aber dem französischen Aufmarschgebiet doch Grenzen setzen wollte, blieb Rest-Preußen: Ausgeplündert und unter französische Militärkontrolle gestellt.

Was entstand, war ein unvollendetes Imperium, das seine Grenzen nicht fand, kein inneres Gleichgewicht und damit auch kein äußeres. Im Innern konsolidierte der Militär-Kaiser die Macht im Code Civil des Francais, später Code Napoleon, der die Revolution aufhob im doppelten Sinn: Beendigung ihrer Umstürze und Bewahrung der neuen Besitzstände, das Kaisertum darüber als Schiedsrichter und notfalls Garantiemacht. Das große Staatsporträt von Jacques-Louis David, heute in Washingtons National Gallery, der Kaiser in schlichter Uniform, geschmückt nur mit dem großen Stern der Ehrenlegion, die Uhr auf halb vier Uhr morgens, die Kerzen heruntergebrannt, aufgeschlagen der "Code Civil des Francais" - der da auf den anbetenden Betrachter schaute, war nicht ein Mensch, sondern der Weltgeist, wie der Philosoph George Wilhelm Friedrich Hegel staunend sagte.

Aber der Glanz des Empire, so sorgfältig inszeniert durch David, Percier und Fontaine, den Architekten Vivant Denon und den Silberschmied Biennais, war fragwürdig, und niemand wusste das besser als der Herrscher selbst. Er dachte nicht nur an Sieg, sondern auch an Vollbeschäftigung und zwang seine Granden zu demonstrativem Luxus, um die unruhigen Handwerker von Paris bei Laune zu halten. Aber wer sollte das alles bezahlen? Mit Steuern musste man vorsichtig umgehen, um die Franzosen nicht zu irritieren.

Jetzt wirkte nach, dass die Revolution das Kapital und die Eliten verjagt hatte und die Franzosen dem neuen Zustand nicht trauten, der seinen deutlichsten Ausdruck im Franc Germinal zu 11,3 Gramm Feinsilber fand. Die militärischen Siege hatten das Silber der eingeschmolzenen italienischen und deutschen Kirchenschätze ins Land gebracht - und in die Privatschatulle der Madame Mère und ihres Sohnes. Sondersteuern wurden den Besiegten auferlegt. Wer in den neuen Provinzen Silber besaß, musste einen Teil abgeben, den Rest frei stempeln lassen - was bis heute, von Amsterdam bis Prag und Wien, Spuren hinterlassen hat auf altem Silbergerät.

So entstand eine Raubwirtschaft, die sich durch immer neue Eroberungen und Kontributionen in Schwung halten musste. Als 1808 und 1809 neues Geld ausblieb, begannen Arbeitsmangel und Unruhen. Die französische Staatswirtschaft aber lag darnieder: Seit der Seeschlacht bei Kap Trafalgar 1805, als die Royal Navy unter Lord Nelson die verbündeten spanischen und französischen Flotten versenkte und damit für ein ganzes Jahrhundert Britannia die Macht über die Wellen gab, war der Überseehandel dahin. Napoleon reagierte durch den "blocus continental", um England die Märkte des Kontinents zu verweigern und solchermaßen die Briten - "eine Nation von Händlern", wie er verachtungsvoll sagte - niederzuringen. Aber der Schaden für Frankreich war größer als der für den Feind, und von Spanien bis zur Ostsee blühte der Schmuggel.

Die Zahl der Napoleon-Biographien ist Legion. Jede Epoche hat Aufstieg und Untergang an diesem Beispiel studiert, Hybris und Nemesis, den Glanz des Empire und das Elend der Kriege. Es war ein großes Menschheitsdrama auf europäischer Bühne, mit Wirkungen nach Amerika wie tief in den Orient, das Cäsarentum des populären Militärkaisers stets im Mittelpunkt des Geschehens.

Was trieb den Kaiser, über jeden Vertrag, jedes Gleichgewicht, jedes Ende hinauszugehen? Es war nicht allein die Tragik der Imperien, die sich selbst Grenzen nicht setzen können. Es war die Natur des Erobererstaates und die Absturzangst des Machtmenschen.

Napoleon Bonaparte war beides, Getriebener und Treibender. Offiziersschüler aus verarmtem korsischem Kleinadel, wurde ihm die Revolution zur Chance. Sie erlöste ihn aus dem Gamaschendienst, der Langeweile, der Mediokrität, und sie gab dem jungen Artillerieoffizier, der moralische Bedenken nicht kannte, Entscheidungsmacht in die Hand: Kanonen für das große Gefecht, Kartätschen für den Straßenkampf - bis heute kann man an der ehrwürdigen Kirche von St. Roche in der Straße des Faubourg St. Honorè die Einschläge sehen. So stieg der junge General unaufhaltsam auf. Die militärische Katastrophe unter den Pyramiden verfälschte er in einen Triumph. Als das Directoire seinen Kredit bei den neuen Eliten verspielt hatte, putschte er und wurde 1. Consul im römischen Maskenspiel, dann erblich, und endlich Kaiser nicht von Gottes Gnaden, sondern durch das Kriegsglück. Das Konkordat mit dem Papsttum, die Schaffung eines neureichen Adels, der Code Civil, die Gründung neuer Königreiche für die kleinen Brüder - alles ging nach Befehl und Wunsch.

Wie aber weiter, wenn die Wirtschaft ins Stocken geriet, die eroberten Länder ausgeplündert waren, die Briten unbesiegt? Das war die Strategie, die 1809 den Feldzug auf die iberische Halbinsel lenkte, der an der spanischen Guerilla und an den Grenadieren des "Iron Duke", des Herzogs von Wellington bitter scheiterte: Goya hat die Gräuel des Krieges gezeichnet. Die Regimenter aus Baden, Württemberg, Bayern und Westfalen verbluteten. Wie ein Spieler aber, der Verlust für unmöglich hält, setzte Napoleon auf neuen, höheren Einsatz.

Im kontinentalen Maßstab wiederholte er 1812 gegen Russland, was in Spanien Desaster geworden war. 500 000 Mann, die größte Armee, die die Weltgeschichte je registrierte, wälzten sich nach Osten, und von Sieg zu Sieg stürzte die Grande Armée ihrer Katastrophe zu. Die amerikanische Historikerin Anka Muhlstein hat diese Katastrophe jetzt so anschaulich wie selten in ihrem Buch "Der Brand von Moskau" gerade aus Sicht der Soldaten erzählt.

So wenig wie vor ihm Karl XII. von Schweden und nach ihm Hitler hat Napoleon die ungeheure Dimension Russlands und die Grausamkeit des Klimas begriffen. Lange, viel zu lange, wartete er im besetzten Moskau auf die Friedensbitte des Zaren, die nicht kam. Als die Russen ihre hölzerne Hauptstadt in Brand setzten, begannen die Überlebenden - etwa 100 000 Mann - den Rückzug und kamen in den Winter hinein. Bald blieb ihnen nichts als die Flucht, die chaotisch verlief, weil die kaiserliche Armee - von den Kosaken gejagt - an Hunger und Kälte litt. Außer dem österreichischen Korps unter Fürst Schwarzenberg und dem Yorckschen Korps der Preußen - von den russischen Angriffen weitgehend ausgespart - kam kein Truppenteil mehr über die Beresina. Nur noch abgerissene, halb blinde Wracks erreichten Polen und damit die Sicherheit.

"C'est la Beresina" ist bis heute im Französischen Metapher für das Desaster. Der Kaiser aber raste im Schlitten, dann weiter in der Kutsche gen Paris, um vor den bösen Nachrichten dort zu sein und den Sieg zu verkünden: "Die Gesundheit Seiner Majestät war niemals besser", verkündete der Moniteur.

Unterdessen schloss General von Yorck, ohne Befehl aus Berlin und auf eigene Faust, am letzten Tag des Jahres 1812 in der Mühle von Tauroggen am Memelfluss eine Neutralitätskonvention mit dem russischen Oberbefehlshaber. Die Ostpreußen sprachen, wenn sie die Russen erblickten, von "unseren Befreiungsbestien". Das war die Wende.

Noch einmal aber ließ Napoleon eine neue Armee aus dem deutschen, italienischen und niederländischen Boden stampfen, jüngste Jahrgänge, ihre Gefechtstauglichkeit sehr viel geringer als die der alten Garde. Noch einmal marschierte er gen Osten, um das Kriegsglück doch noch zu zwingen. Im Palais Marcolini in Dresden versuchte der österreichische Staatskanzler Fürst Clemens Metternich einen neuen Krieg und neues Unglück zu verhindern. Er beschwor den Kaiser, ein Ende zu setzen: Er habe so viele Soldaten verloren in Spanien und in Russland. Darauf Napoleon: "Es waren doch nur Deutsche". Aber Metternich ließ nicht locker, wusste er doch, dass die Donaumonarchie so ausgeblutet war wie das übrige Europa: Man werde maßvoll verhandeln, Frankreich könne seine natürlichen Grenzen behalten - gemeint war der Rhein. Darauf antwortete Napoleon, indem er das Geheimnis seines kometenhaften Aufstiegs beschrieb, zugleich mit dem Zwang zu immer neuen Siegen, ohne Ausgleich und ohne Ende. Es musste weiter gekämpft werden, bis zum bitteren Ende: "Ihre Monarchen können Niederlagen erleiden und doch in ihre Hauptstädte zurückkehren und weiter regieren. Ich kann das nicht. Ich verdanke alles den Waffen. Ich bin der Sohn des Krieges".

Anka Muhlstein: Der Brand von Moskau.

Napolen in Russland. Insel, Frankfurt/M. 322 S., 22,80 Euro.


Mehr aus dem Web

Neues aus der Redaktion

Auch interessant

Mehr zum Thema