Das Geheimnis alter Bücher
In seinem neuen Film sucht Nicolas Cage nach dem Vermächtnis eines geheimen Werkes. Warum faszinieren verlorene Schriften?
Neun von neunzig. Achtzehn von achtzig. Sieben von einhundertzwanzig. Das Verhältnis der verloren gegangenen Dramen von Aischylos, Euripides (schlägt man ihm den umstrittenen "Rhesus" zu) und Sophokles zu jenen Arbeiten, die von ihnen erhalten blieben, ist beklagenswert schlecht. Jede Bibliothek, da hat Alberto Manguel, der argentinische Autor mit kanadischem Pass, der sich an der Loire ein Haus nur für seine Büchersammlung erbauen ließ, Recht, besitzt eine eigene düstere Gegenbibliothek der Verluste. "Im Kielwasser", so Manguel, "segelt eine Schattenbibliothek abwesender Bücher."
Abwesend sind diese Schattenbücher aus untergegangenen Schattenbibliotheken wie der berühmtesten, jener zu Alexandria, deren Bestände in weiten Teilen 48/47 v. Chr. zerstört wurden, und lösen Spekulationen zuhauf aus. Mutieren zu Objekten der Konspiration und der Sehnsucht, mit ihnen die Welt zu enträtseln.
Da ist es kein Wunder, dass Hollywood Nicolas Cage in der Fortsetzung des ungemein erfolgreichen Films "Das Vermächtnis der Tempelritter" auf ein verschwundenes Buch ansetzt. "Das Vermächtnis des geheimen Buches", so der Titel des nächste Woche anlaufenden Action-Streifens, könnte nicht nur die USA in ihren Grundfesten erschüttern (siehe Kasten).
Nicht erst der Welterfolg von Umberto Ecos "Name der Rose" und seiner Verfilmung, in der es um die mörderische Suche nach einem verschwundenen Werk des Aristoteles geht, hat deutlich gemacht, dass im Zeitalter elektronischer Globalisierung das Buch nichts von seiner Faszination verloren hat.
Erst der Buchdruck setzte dem Vergessen ein Ende. Klassische Texte, waren sie einmal ediert, konnten nie mehr untergehen. Um 1480 waren etwa die Werke des römischen Historikers Tacitus völlig vergessen. Seine "Germania", entstanden um 100 n. Chr., war ein seit dem 6. Jahrhundert aus dem kollektiven Gedächtnis gefallener Text, von dem sich genau ein Exemplar im Kloster Hersfeld erhalten hatte. Infolge der Tacitus-Renaissance in der Renaissance begannen Humanisten, seine nunmehr gedruckten Werke zu studieren. Was Mitte des 16. Jahrhunderts für die "Germania" zur Folge hatte, zur obligatorischen Schullektüre zu werden. Und so zum Instrument einer Nationalbelehrung und Identitätsstabilisierung. Tacitus' Schriften wurden durch die Debatte der Philosophen zu zeitgenössischen hochpolitischen Dokumenten. Bei ihm meinte man, Beispiele und anregende Vorbilder für richtiges Verhalten im Sinne einer jenseits von Moral und Sittlichkeit agierenden absoluten Monarchie zu erkennen.
Obschon Niccolò Machiavelli, der Autor des "Il Principe" (1513), die Werke des Römers nicht kannte, redete man auf dem Konzil von Trient, auf der im Jahr 1557 das Buch des Florentiners verboten wurde, häufig von Tacitus und Tacitismus - und meinte Machiavelli. Das mysteriöse "Voynich"-Manuskript dagegen konnte gar nicht verboten werden. Denn niemand hat es anerkanntermaßen richtig entschlüsseln können. Magier, Fälscher, Philosophen, Antiquare, Kaiser und Wissenschaftler, Scharlatane, Alchemisten und Kryptoanalysten, Universalgelehrte, Geisteskranke oder der Engelssprache Kundige sind bis heute erfolglos geblieben.
Der bizarre Codex, 246 illuminierte Pergamentseiten, heute im Besitz der Yale University, blickt medusengleich seinen Interpreten, über den Abgrund mehrerer Jahrhunderte, ins schweißbedeckte Angesicht. Und gibt seine Rätsel, wenn es denn welche enthält - einige halten es für ein Scherzprodukt -, nicht frei. Neuerdings führt die Spur tief in die Weiten des Internets, das Medium der Konspiration par excellence. Trägt man sich auf einer website von Voynich-Aficionados in eine Mailing-Liste ein, kann man täglich mit bis zu 30 E-mails rechnen, die neue Meinungen, Überlegungen und Deutungsversuche präsentieren.
Die "Protokolle der Weisen von Zion" dagegen waren eine Fälschung, die die Realität umformte. Dieses antisemitische Traktat wohl aus der Feder eines zaristischen Geheimagenten wurde 1903 in einer St. Petersburger Zeitung veröffentlicht. Dieses Falsifikat, das Vorurteile gegen die angeblich eine Weltherrschaft anstrebenden, als Sendboten des Satans diffamierten Juden neu aufbereitete, war ein Weltbestseller, inspirierte in den USA den Automobilproduzenten und Rassisten Henry Ford und wurde in der Führungsriege der NSDAP emphatisch rezipiert und kommentiert. Allein die deutsche Übersetzung, die 1919 erschien, wurde bis 1938 zweiundzwanzig Mal nachgedruckt. Dass die "Protokolle" bereits 1921 von der Londoner "Times" als Fälschung entlarvt worden waren, was 1935 und 1937 Schweizer Gerichte bestätigten, tat ihrer Verbreitung keinen Abbruch. Nach 1945 fand dieses Machwerk im arabischen Sprachraum weite Verbreitung.
Nachhaltig wirkte auch H. P. Lovecrafts fiktives Buch "Necronomicon", das Buch der Toten, dessen Provenienz der amerikanische Autor 1927 in einem Essay detailliert entwarf. Ein direktes Echo findet sich in Guillermo del Toros Comicverfilmung "Hellboy" wie in Computerspielen, in Tocotronics "Das böse Buch" und im Necrotelicomnicon der Scheibenwelt-Romane Terry Pratchetts. Dass die schnelle Populärkultur das langsame Medium Buch als Träger von Faszinosa entdeckt, ist ein Widerspruch. So wird Mel Gibson als Konspirationsopfer in "Fletchers Visionen" (Originaltitel: "Conspiracy Theory") infolge der Gehirnkontrolle der CIA zum Bibliomanen und kauft jedes Mal, wenn er seine Wohnung verlässt, zwanghaft ein Exemplar von Salingers "Fänger im Roggen". Und im japanischen Anime "Read or Die", Lesen oder Sterben, ist Yomiko Readman als "Papierbenutzer" in der British Library tätig und ebenfalls Biblioneurotikerin. Doch von pathologischen Buchsammlern, für die die Welt nur paginiert erträglich ist, unterscheidet sie, dass sie in ihrer Wohnung Bücher anhäuft - und diese auch liest!
Was unschön enden kann, etwa in Ian Caldwells und Ian Thomasons Thriller "Das letzte Geheimnis" (2005), in dem die Lektüre von Francesco Colonnas Renaissancewerk "Hypnerotomachia Poliphili" fatale, weil letale Folgen hat.
Das Gedruckte tritt als auf auratisches Memorial, resistent gegen Lüge und Zeit. Im Gegensatz zu Internet und Floppy Disk. Schließlich beläuft sich die statistische Verweildauer eines Dokuments im World Wide Web auf gerade einmal vier Monate, von der Lesbarkeit älterer elektronischer Datenträger gar nicht zu reden.