Französische Opern sind besser als ihr Ruf - WELT

Französische Opern sind besser als ihr Ruf

Von Manuel Brug
Veröffentlicht am 19.01.2008Lesedauer: 5 Minuten

In Zürich kann man derzeit zwei Meisterwerke hören - und den großen Tenor Neil Shicoff in der Rolle seines Lebens

Intendant Alexander Pereira liebt die italienische Oper. Deshalb gibt es an dem von ihm geleiteten Zürcher Opernhaus, der charmantesten Premierenschleuder der Musiktheaterwelt, so viel davon. Inzwischen ist Pereira auch auf den französischen Geschmack gekommen. So hat man in diesen Wochen die selbst für Zürich rare Gelegenheit, gleich zwei so ausgefallene wie anspruchsvolle Grand Opéras in Neuinszenierungen parallel zu genießen: Jacques Fromental Halévys düstere "La Juive" von 1835 und Jules Massenets glühenden "Le Cid" nach Corneille von 1886: als Hochblüte und Spätlese der aufwendigen Gattung.

Beide behandeln sie in prunkvollen Falten ausgebreitete historische Stoffe, beide Male geht es auch um das Aufeinandertreffen feindlicher Religionen, und beide Male stehen bedeutende Tenor-Rollen im Mittelpunkt. Wofür sich Zürich gut gerüstet hatte. Der Kantorensohn Neil Shicoff ist hier einmal mehr in seiner so brutal direkten und doch berührend unter die Haut gehenden Lebenspartie als fanatischer Vater und jüdischer Goldschmied Éléazar zu erleben. José Cura debütierte als spanischer Grande Rodrigo, genannt "El Cid", der das Reich vor den Mauren rettet und seine Geliebte zurückgewinnt, deren Vater er im Duell fällte. Leider starb am Premierentag Curas Vater, und so wurde er in den beiden Folgevorstellungen mehr als nur ersetzt von dem elegant-beweglichen Jean-Pierre Furlan, der die anspruchsvolle Rolle hasardeurhaft in nur drei Tagen gelernt hatte.

Instrumental war das ein großes, im unmittelbaren Vergleich aufschlussreiches Vergnügen. Das im französischen Fach etwas fremdelnde Zürcher Opernorchester spielte die Trümpfe dieser brillanten, nicht immer tiefgründigen Musik sinnfällig aus. Beim moderat zusammengestrichenen Halévy, pauschal, aber zweckdienlich angeleitet von Carlo Rizzi, mit rauschhaftem, auch brutalem Klangbild, das allerdings auf der Wärme der Holzbläser gründet. Bei dem traurigerweise um seine effektvolle Ballettmusik gebrachten Massenet, souverän geführt von dem wunderbaren Stilisten Michel Plasson, in einer feinsinnigen Mischung aus tiefem Blech und Streichflirren, mit ungewöhnlich machohafter Energie. Bei Halévy stehen dekoratives Arien-Geklingel und zähe Chorpassagen neben grellen, dramatisch packenden Kontrasten und einer - trotz Eugène Scribes kolportagehaften Librettoelementen - realistisch aufwühlenden Menschenzeichnung. Der Spätgeborene hingegen überzeugt in seiner schon nostalgischen Grand-Opéra-Reminiszenz mit melancholisch verbrämter, dabei ökonomischer Sinnlichkeit und der hohen Kunst schmeichelnder Orchestrierung; ja sogar mit katholischem Klangweihrauch. Dieser veredelt seine einprägsame Melodik.

Wo es Massenet freilich gelingt, die tableauhafte Statik der Gattung durch Kürze zu überwinden, da lässt Regisseur Nicholas Joel kontraproduktiv "Cid"-Chor wie -Solisten einfach nur stehen - stehen und stehen. Auch der (äußerliche) Konflikt zwischen Christentum und Islam schlägt szenisch keine Funken. Der ebenfalls vor der Premiere verstorbene Ausstatter Andreas Reinhardt wusste soviel Einfallsarmut nichts bildlich Zündendes entgegenzusetzen. Austauschbare Schleier mit einem blaustichig zentralperspektivischen Gitternetz, längsfahrende Paravents als Raumteiler und zwischen 17. bis 20. Jahrhundert oszillierende Kostüme mit Mühlsteinkrägen, Bratröcken, einer Velasquez-Infantin, Harnisch und moderner Abendrobe schufen wenig Atmosphäre. Doch der in der Höhe scharf verhärtenden aber engagierten Isabelle Kabatu (Chimène), der soliden Isabel Rey (Infantin), dem profunden Bass Andreas Hörl als Don Diègue, seinem Ehrenkodex verhafteter Vater des Cid sowie dem körnigen Bariton Vladimir Stoyanov als König, gelang jene emotionale Intensität, die der routiniert faden Inszenierung fehlte.

Grand Opéra ist nicht nur groß, sondern auch schwer. Das merkte man bei "La Juive", wo es vokal hörbar knirschte - und es auch um das Französisch in einem davon völlig freien Ensemble schlecht bestellt war. Malin Hatelius schlenkerte sich durch die Fließband-Koloraturen der gewollt oberflächlichen Prinzessin Eudoxie, die den Reichsfürsten Léopold liebt (grell, aber robust: Celso Albelo); der wiederum wird von der Jüdin Rachel angezogen, die Angeles Blancas mit einem flammenden, bisweilen schrillen Sopran ausstattet. Rachel ist eigentlich das tot geglaubte Kind des Kardinals Brogni (schwach: Alfred Muff), das dieser zum Finale als groteskes Taufritual in kochendem Wasser hinrichten lässt.

Was der mit solchen sperrigen Opernbrocken eigentlich erfahrene Regisseur David Pountney selbstverständlich genauso wenig zeigt wie alle anderen historischen Begleitumstände, die während des mittelalterlichen Konzils in Konstanz ablaufen. Robert Israel hat auf die Drehbühne ein schwerfälliges Konglomerat aus Betonmauern, Flügeltüren, Treppen und Emporen gestellt, das als Kirche, Werkstatt, Schloss und Gefängnis herhalten muss. Darin lässt Marie-Jeanne Lecca opulent Frou-Frous rauschen und Culs de Paris sich bauschen; denn Pountney schließt einfach den reichsdeutschen Antisemitismus mit dem der notorischen Pariser Affäre Dreyfus kurz. Zwischen Degas-Ballerinen, die die dankenswerterweise erhaltene Ballettmusik in Renato Zanellas platter Choreografie bevölkern, werden üble Juden-Karikaturen geworfen. Wäre eigentlich Kaiser Sigismund aufgeboten, zieht Napoleon III. ein, der historisch längst abgedankt hatte. Und fordert die Kirche ihr Recht, gibt es Marienkitsch. So dekoriert Pountney pauschal zu kurz greifende Verfremdungen, will scharf sein und findet nur stumpfe Bilder im gewollt kritischen Divertissement-Goldrahmen.

Zürich lehrt trotzdem: Die Grand Opéra ist viel besser als ihr Ruf. "La Juive" feiert - nicht zuletzt dank des großartigen, freilich inzwischen den gewaltigen Rollenanstrengungen auch hörbar Tribut zollenden Neil Shicoff - bisher eine die deutschen Bühnen geflissentlich umgehende Renaissance in Wien, Venedig, New York und Paris. Im März inszenieren Jossi Wieler und Sergio Morabito das Werk in Stuttgart. In Zürich aber steht bereits im Mai der nächste Halévy mit dem Malibran-Vehikel "Clari" für Cecilia Bartoli an. Zudem sollte der Zürcher "Cid"-Versuch eine Initialzündung für spannendere Neubegegnungen mit diesem unterschätzten Werk und seinem im ungemein vielfältigen Massenet-Kosmos so ganz eigenen Klangkolorit sein.


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