Die Preußen beherrschen das Ensemble-Spiel
Erfolgreich wie nie: Präsident Klaus-Dieter Lehmann verabschiedet sich mit einer beeindruckenden Bilanz
Sie sollte weder ein Trauerfeier noch eine Weihestunde werden, die letzte Bilanz-Pressekonferenz Klaus-Dieter Lehmanns als Präsident der Stiftung Preußischer Kulturbesitz. Zum Monatswechsel löst ihn der Archäologe Hermann Parzinger in diesem Amt ab. Doch obwohl Lehmann business as usual versprach, wehte durch die Villa Von der Heydt im Berliner Tiergarten doch ein wenig Geschichte. Lehmanns Abgang beendet die wahrscheinlich folgenreichste, die gestalterisch am meisten prägende Phase in den fünfzig Jahren seit der Schaffung dieses Auffang- und Sammelbeckens des preußischen Kulturerbes.
Lehmann, seit 1999 im Amt, hat aus dem kostbaren Sammelsurium aus 16 Museen, dem Geheimen Preußischen Staatsarchiv, der Staatsbibliothek, dem Iberoamerikanischen Institut und dem Institut für Musikforschung ein Ensemble gemacht. Die Stiftung ist heute nicht nur Hüter eines historischen Erbes, sondern einer der machtvollsten Akteure auf dem Gebiet der Künste und der Wissenschaften. Das Ensemble-Spiel geht so weit, dass es möglich geworden ist, bestimmte Schwerpunktthemen durch die verzweigten Sammlungen hindurch zu variieren. In diesem Jahr kann man dem "Kult des Künstlers" in der Alten und der Neuen Nationalgalerie, im Ägyptischen Museum und im Hamburger Bahnhof auf die Spur kommen.
Kaufleute würden von einem erfolgreichen branding sprechen. Die Marke "Preußen" steht immer mehr für den Kulturstaat Deutschland. Zwar ist die Preußenstiftung schon immer de facto eine Nationalstiftung. Der Bund ist zu drei Vierteln, die Bundesländer sind zu einem Viertel an ihr beteiligt. Doch ist der Erfolg über Bestrebungen hinweg gegangen, "Preußen" aus ihrem Namen zu verbannen. Die Politik weiß, was sie an der Stiftung hat. Für das Bildungs- wie auch das Außenministerium ist sie ein gefragter Partner, sei es beim Anschieben wechselnder Wissenschaftsjahre, sei es bei der kulturellen Repräsentation Deutschlands nach außen. Im April wird Lehmann in seiner neuen Eigenschaft als Präsident des Goethe-Instituts auf die Museumsinsel zurückkehren, wo "Goethe" zusammen mit den Staatlichen Museen eine Konferenz veranstaltet, die der Frage nachgeht, ob die Nationalkultur ein Auslaufmodell sei und wie die Perspektiven eines zeitgemäßen nationalen Kulturverständnisses aussehen könnten - eine für die auswärtige Kulturpolitik wie auch für das Selbstverständnis der Stiftung essenzielle Frage.
Lehmann verlässt die Stiftung nach dem erfolgreichsten Jahr ihrer Geschichte. 2007 hatten die Staatlichen Museen 5,35 Millionen Besucher, dreißig Prozent mehr als im Vorjahr. Spitzenreiter waren das Pergamon- und das Alte Museum (Nofretete) mit mehr als einer Million. 792 000 Besucher kamen in die Neue Nationalgalerie, wovon allerdings 680 000 auf das Gastspiel der "Schönsten Franzosen" aus New York entfallen; 481 000 Besucher hatte das Bode-Museum mit der Skulpturen-Sammlung; eine viertel Million immerhin fanden den Weg in den Hamburger Bahnhof, das "Museum für Gegenwart", der damit das am meisten besuchte Museum für zeitgenössischen Kunst in Deutschland ist. Die Eigeneinnahmen der Stiftung stiegen auf 22 Millionen Euro, das ist gegenüber 2006 eine Steigerung um 34 Prozent. Insgesamt umfasst ihr Haushalt 2008 gut eine viertel Milliarde Euro, wozu der Bund knapp 200 Millionen und die Länder 33 Millionen beisteuern.
Lehmanns Abgang markiert auch einen Generationswechsel in den Spitzenpositionen der Stiftung. Im Herbst scheidet Peter-Klaus Schuster, der Generaldirektor der Museen und Direktor der Nationalgalerie, aus. Seine beiden Funktionen übernehmen der Kassler Museumsdirektor Michael Eissenhauer und Udo Kittelmann, derzeit Chef des Museums für Moderne Kunst in Frankfurt am Main. Auch das Museum für Ur- und Frühgeschichte und die Skulpturensammlung erhalten in diesem Jahr neue Leiter. Es steht also ein großer Wechsel an. Und es spricht für großes Geschick der Beteiligten, dass alle diese Personalfragen ohne größere Irritationen und Verwerfungen geregelt wurden. Bei Lehmanns Berufung vor zehn Jahren war das, wie man sich erinnert, noch anders. Der Wechsel aber vollzieht sich zu einem Zeitpunkt, da die großen strategischen Entscheidungen über die künftige Entwicklung der Stiftung getroffen sind. Die Verwirklichung des Masterplans für die Museumsinsel ist schon weit fortgeschritten. 2009 wird das Neue Museum eröffnet. 2012 soll das Eingangsgebäude, die James Simon-Galerie, stehen. Ein großes, bisher nur ideell angeschobenes Projekt ist die Präsentation der Alten Meister, der Malerei vom Mittelalter bis zum ausgehenden 18. Jahrhundert, im Verbund der Museumsinsel, womit dort die gesamte europäische Kultur bis etwa 1900 versammelt wäre. Gemäldegalerie und neue Nationalgalerie am Potsdamer Platz stünden dann für die Klassische Moderne zur Verfügung. Die größte Herausforderung für die Neue Mannschaft unter Hermann Parzinger aber besteht darin, die Idee des Humboldt-Forums am Schlossplatz als Schaufenster der außereuropäischen Kulturen, als Ort der wissenschaftlichen Belehrung und der gelehrten Geselligkeit mit Anschauung und Leben zu erfüllen. Die Fassaden des Stadtschlosses schreien nach Inhalt.