Attacke an der Rampe - WELT

Attacke an der Rampe

Von Jochen Schmidt
Veröffentlicht am 26.02.2008Lesedauer: 4 Minuten

So virtuos setzt kein anderer Choreograph seine Tänzer in Bewegung: Eine neue Produktion von Martin Schläpfer in Mainz

Tanzliebhaber fahren heute nach Mainz, um die neuen Arbeiten des dortigen Ballettdirektors Martin Schläpfer zu sehen. Und der enttäuscht selten. Auch beim neuen, dreiteiligen Ballettabend setzt er den Glanzpunkt. Zum dritten Mal nach Beethovens Siebter und Tschaikowskys Pathétique befasst sich der 48-jährige Schweizer mit einer klassischen Sinfonie. Diesmal ist es - so auch der Titel seiner Choreographie - die "Reformations-Symphonie" von Felix Mendelssohn-Bartholdy, die ihm Catherine Rückwand mit dem Philharmonischen Staatsorchester Mainz als klangschöne Basis liefert. Und diesmal ist es, anders als bei Beethoven und Tschaikowsky, ein großer Wurf geworden.

Das beginnt mit dem Raum, der so aussieht, als hätte ihn Hans van Manens Bühnenbildner Keso Dekker entworfen, der aber offenbar Schläpfers eigene Idee ist: eine schwarze, offene Bühne ohne jedes Requisit, deren dunkle Tiefe die Tänzer schluckt und wieder freigibt und nicht wenig zu dem Geheimnis beiträgt, das der Choreographie innewohnt. Auch die dunklen, für Frauen und Männer identischen Trikots, die aus den zierlichen Mainzer Ballerinen attraktive Athletinnen machen, wirken wie von Dekker inspiriert (stammen aber von Marie-Thérèse Jossen), und immer wieder gibt es tänzerische Momente, die so oder so ähnlich auch Schläpfers großem Vorbild van Manen eingefallen sein könnten.

Gleichwohl kann von künstlerischer Abhängigkeit keine Rede sein. Schläpfer choreographiert so originell wie eben denkbar. Wo van Manen auf asketische Besetzungen setzt, trumpft Schläpfer mit einem großen Ensemble auf; von seinen 20 Tänzern stehen in der "Reformations-Symphonie" 19 auf der Bühne. Er lässt sich auch - nicht nur, aber vor allem für die Männer - virtuose Bewegungen einfallen, wie sie derzeit kein anderer Choreograph zustande bringt. Souverän wechselt er zwischen Soli, Kleingruppen und großer tänzerischer Attacke, und gleich zweimal - einmal vorn an der Rampe - lässt er sein Ensemble eine geschlossene Reihe bilden: eine Formation voller Selbstbewusstsein, fast bedrohlich, von ihrer eigenen Kraft und Wirkung überaus überzeugt.

Schläpfer beschließt den Abend triumphal. Eröffnet hat ihn sein Schweizer Landsmann Philipp Egli, von dem man nach diesem Abend durchaus den Eindruck hat, er könne demnächst von St. Gallen nach Mainz wechseln und Schläpfers Nachfolger werden. Für das halbstündige "Contredanse" hat sich Egli ein halbes Dutzend kleinere Musiken von Jean-Philippe Rameau zusammengestellt, die er mit quirligen tänzerischen Auftritten begleitet. Auf der Rückseite von Florian Ettis Bühne prangt bildfüllend ein kreisrunder Vollmond, und an den Seiten wartet ein halbes Dutzend fahrbarer, über Eck gestellter Kuben aus Stahlrohren und Glas darauf, von den elf Tänzern munter über die Bühne geschoben zu werden. Eglis fünf Tänzerinnen wechseln von hochhackigen Pumps zu flachen Sohlen und wieder zurück, ohne an Aggressivität zu verlieren; die ganze Choreographie, mehr als nur ein Stück zum Eintanzen, birst schier vor Übermut.

Dennoch ist es der Mittelteil, dem - neben dem neuen Werk von Schläpfer - die größte Aufmerksamkeit gilt. Die Frage war, wie sich Antony Tudors mehr als 70 Jahre alte Choreographie "The Lilac Garden" zwischen den beiden Uraufführungen machen würde. Denn Tudor ist in Deutschland nie richtig angekommen. Doch in den angelsächsischen Ländern gilt er als einer der ganz großen Meister, Balanchine und Ashton vergleichbar. In seinen Stücken gibt es keine abstrakten Tanzfiguren, sondern nur fühlende und, besonders häufig, leidende Menschen. Auch "Lilac Garden" aus dem Jahre 1936 macht da keine Ausnahme.

In Englands edwardianischer Gesellschaft wird eine junge Frau zur Aufgabe ihrer großen Liebe gezwungen und mit einem ungeliebten Mann verheiratet. Das Stück stünde heute durchaus unter Kitschverdacht - wäre da nicht Tudors Meisterschaft der Kleinzeichnung großer Gefühle: eine Choreographie wie hingetupft zu Ernest Chaussons romantischem Poème für Violine und Orchester (in Mainz gespielt von Natasha Korsakova).

In Mainz hüllt ein neues Bühnenbild von Thomas Ziegler Tudors sanfte, schwebende Bewegungen mit einer grünen Blätterwand wie in einen Kokon, und die Mainzer Tänzer, mit Kirsty Ross in der Rolle der Braut, verleihen ihnen genau das richtige Maß an elegischer Expressivität. Man sieht ein Meisterwerk aus einer fernen, fremden Zeit, als das Tanzen noch geholfen hat; es hat, so sanft und zurückhaltend es sein mag, durchaus die Kraft, sich gegen Schläpfers neues Stück zu behaupten, das voll auf der Höhe unserer Zeit ist: hart, schnell, virtuos und athletisch.

Termine: 2., 4., 5., 8., 21. und 30. März; 6., 17., 21. und 27. April, 10. und 28. Mai; Karten: (06131) 28 51 171


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