Dem Sommer entgegen - WELT

Dem Sommer entgegen

Von Sören Kittel
Veröffentlicht am 26.02.2008Lesedauer: 4 Minuten

Das neue Album des Elektropop-Duos Goldfrapp fängt die Stimmung des Augenblicks ein

Eigentlich ist es derzeit noch viel zu dunkel und grau für solche Musik. Doch genauer betrachtet: An keinem Ort dieser Welt kann die Umwelt zu solch wohlig säuselnden Klängen passen. Wer in seinem MP3-Player das heute erscheinende Goldfrapp-Album "Seventh Tree" anklickt, hört einem gleißenden Sonnenstrahl beim Strahlen zu, egal wo. Es ist Musik für alle jene, die gerne Weltflucht betreiben. Soviel Sonnenlicht in Texten und Klängen war noch nicht von dem britischen Duo zu hören. In beinahe jedem Song spielt an irgendeiner Stelle das Wort "Licht" oder "Himmel" eine Rolle.

Schon die Titel der Songs lesen sich wie eine Anleitung zum Eskapismus: "Road to Somewhere", "Little Bird" und "Eat Yourself" - sie alle behandeln Themen, von Menschen, die einem Durchschnitts-Europäer entrückt erscheinen müssen. In einigen davon, wie "Some People" oder "Cologne Cerrone Houdini", spiegelt sich die Weltflucht sogar im Text wieder findet: "Könnten wie zusammen sein / in einer anderen Welt".

Das klingt oft stark nach jenen großen Emotionen, für die sonst ein anderes Medium zuständig ist: das Kino. Keyboarder Will Gregory und Sängerin Alison Goldfrapp trafen sich zuerst 1999 in London, Gregory komponierte damals Filmmusiken und verehrte Ennio Morricone als Musiker. Neben ihren bisherigen Breitwand-Songs sind sie dieser Neigung immer treu geblieben. Sie tauchten unter anderem auf dem Album zu Madonnas Schauspiel-Desaster "Swept Away" auf und schrieben den Soundtrack zu dem lesbischen Liebesfilm "My Summer of Love". Vor zwei Jahren waren sie sogar heiße Kandidaten für den Titelsong zum neuen James-Bond-Film "Casino Royal". Doch Goldfrapp konzentrierten sich stattdessen auf ihr neues Album.

Streng genommen ist auch bei "Seventh Tree" ein Soundtrack herausgekommen - jedoch der zu einem Lebensgefühl. Dazu passt auch, dass die einzelnen Songs noch mehr als bei früheren Alben wie "Supernature" (2005) oder "Black Cherry" (2003) zueinander zu passen scheinen. Auf ihrer MySpace-Seite hatte die Band nur angekündigt, dass "Seventh Tree" völlig anders sein würde. Zudem erzählte das Duo von dem Spaß, den es ihnen bereitet hat, einmal "wirklich weit weg zu gehen von dem, was wir früher gemacht haben". Steckt also in den Liedern auch eine Weltflucht vor der eigenen Vergangenheit beim Komponieren von Liedern?

Keineswegs. Die Songs knüpfen eher an frühere Erfolge an: eingängige elektronische Elektro-Rhythmen treffen eine weiche Frauenstimme. Nur ist dieses Mal die Stimmung viel positiver und ruhiger. Es darf als Entwarnung gegeben werden für all jene Fans, die einen totalen Stil-Wechsel fürchteten. Nur Fans der Disko-tauglichen Goldfrapp-Songs werden etwas wenig tanzbare Tracks finden.

Einer davon ist die erste Single-Auskopplung "A&E". Der Song erzählt eine verträumte Geschichte vom Aufwachen am Samstagmorgen - allerdings liegt nicht im Wald, wie das Video uns vormacht, sondern in der Notaufnahme eines Krankenhauses. Und schuld daran ist allgemein die Einsamkeit und konkret das vergebliche Warten auf den Telefonanruf einer anderen Person. Die Folge davon sind Gedanken wie: "Ich denke, ich will Dich noch immer / Oder sind das nur die Pillen, die das bewirken". Hinter all der verträumten Grundstimmung dieser Musik steckt also häufig ein doppelter Boden. Es bleibt unklar, ob der Himmel an diesem Tag einfach blau ist, oder den "Blues" hat. Auch kann es kein Zufall sein, dass bei "Little Bird" im Refrain das "July, ly, ly" klingt wie "Do you lie, lie, lie" - wie die wiederkehrende Frage: "Lügst Du?"

Doch fernab dieser Text-Träumereien haben sich Goldfrapp mit "Seventh Tree" weiterentwickelt. Es gibt entrückte Klirrgeräusche, getragene Streichermelodien, die sich mit gedämpften Synthie-Sounds vermischen - und über allem thront die Stimme von Alison Goldfrapp die höchste Töne erklimmt. Das erinnert an Kate Bush, die Alison schon immer verehrt hat. Auch deren Musik klingt häufig nach Reisen in fremde Welten, unterlegt mit psychedelisch versponnen Geigen.

Goldfrapp legen also mit "Seventh Tree" den Soundtrack für diese Tage vor, auch wenn sie mit "Grau ist gut / Das Licht ist gut" im letzten Song "Monster Love" sicher nicht das Wetter meinen. Aber sie beschreiben genau die Stimmung der Wochen des Jahres, in denen alle auf den Sommer warten. Und gerade dann kann man etwas sonnige Töne, die aus dem Lautsprecher tropfen, gut gebrauchen.


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