Wenn der Dachdecker einen Dachschaden hat - WELT

Wenn der Dachdecker einen Dachschaden hat

Von Andre Mielke
Veröffentlicht am 07.04.2008Lesedauer: 3 Minuten

Rührend: Wolfgang Stumph in "Stürmische Zeiten"

So genannte Probleme sind oft nur Schwulitäten. Das kriegt man schon wieder hin. Wer wirklich ein Problem hat, das ist beispielsweise ein Dachdecker mit Höhenangst. Und Werner Stegemann ist nicht irgendein Dachdecker. Er ist der Zunftzampano, zumindest auf dem Fischland. Hier, an der Ostseeküste zwischen Wustrow und Ahrenshoop, feiert ihn die Lokalpresse als "König der Reetdächer". In Florida will sich sogar ein Weltstar die Villa von ihm eindecken lassen.

Dieser Spitzenhandwerker (Wolfgang Stumph) hat plötzlich bei der Arbeit Schwindelgefühle. Es sei nichts Organisches, sagt der Doktor. Er zeigt auf den Kopf des Patienten. Es sieht nach einem Dachschaden aus. Stegemann leidet unter Sinnesverwirrung, weil sein Sohn nicht mehr mit ihm redet. Der Karriere-Architekt Nils (Max von Thun) macht seinen Vater für den Selbstmord der krebskranken Mutter verantwortlich. - Im Kern ist die ZDF-Produktion "Stürmische Zeiten" also ein Aussöhnungsdrama. Allerdings lässt die sich erst einmal an wie eine heitere Feriengeschichte, um das Wort Schmonzette hier zu vermeiden.

Hauptdarsteller "Stubbe" Stumph, bekannt für die Verkörperung bodenständiger Identifikationsfiguren, gibt hier zwar erneut volksnah einen Haudegen, diesmal allerdings mit einem seelischen Knacks. Deshalb handelt es sich noch lange nicht um eine Psychostudie. Dazu hängt das Ganze einfach zu sehr an den Konventionen des Heimatfilms.

Es gibt reichlich Landschaft mit Schauwert, dazu Andeutungen von Mundart, genauer gesagt sächsische oder steirische Untertöne. Aber niemand redet, als käme er aus dem Nordosten. Vielleicht kennzeichnet das ja auch die aktuellen Gegebenheiten in dem weitestgehend entvorpommerisierten Küstenstreifen. Ein weiterer unverzichtbarer Genre-Baustein ist die Urlaubsliebe, dargeboten von schönen Menschen, in diesem Fall von der Hamburgerin Inka (Marie Zielcke) und eben Nils.

Immer gern gesehen wird ein möglichst sommersprossiges Ferienkind. Dieses hier heißt Max (Henry Stange), gehört zu Inka und wird vom verstoßenen Vater Stegemann wie ein Ersatzsohn behandelt. Sie fahren gemeinsam Trecker und bauen ein Wasserfahrzeug - wie das eben so ist, wenn die Touristen den Einheimischen begegnen. Ganz wichtig ist des Helden treusorgende Haushälterin (Carmen-Maja Antoni), natürlich sooo eine Seele von Mensch.

Der Film von Michael Illner, Alfred Rösler-Kleint (Buch) und Zoltan Spirandelli (Regie) steckt zwar knietief in den Klischees der federleichten Unterhaltung, versucht aber, sein Publikum mit wechselnden Tonlagen und jähen Wendungen zu überraschen. Einmal steht Stegemann senior oben an der Steilküste und wirft Blumen auf den Strand, um seine tote Frau zu ehren. Kaum hat der Zuschauer sein Taschentuch hervor geholt, wird es schon wieder putzig, denn der Held klettert mit verbundenen Augen an der Wustrower Kirche empor, um sich einer Konfrontationstherapie gegen seine Höhenangst zu unterziehen. Der selbstbewusste Nils erkrankt an Krebs. Inka, die anscheinend unbeschwerte Frau, entpuppt sich als notorisch übermüdete Reeperbahn-Stripperin, und ihr sonst so vorlauter Sohn hängt die karge Berufsbekleidung seiner Mutter zum Trocknen auf.

Aber das sind kleine Fluchten. Letztlich läuft es dann doch auf süffigste Melodramatik und mäßig originelle Metaphorik hinaus. Vater und Sohn bauen gemeinsam das vor vielen Jahren begonnene Schilfboot zu Ende. Immerhin ist "Stürmische Zeiten" ein Rührstück, dass sich tapfer bemüht, keines zu sein. Auch wenn der Film über dem Niveau dessen liegt, was freitags regelmäßig bei der Konkurrenz im Ersten stattfindet, so ist doch auch er etwas für Freunde des Genres.

"Stürmische Zeiten", 20.15 Uhr, ZDF.


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